Einst der versiffteste Ort der Stadt, heute Treffpunkt für die Kunst-Hipster: das Kottbusser Tor in Kreuzberg.

Neukölln

Ein halbes Dutzend an die Wand geschraubter Tintenstrahldrucker spuckt ohne Unterlass irgendwelche Bilder aus, zwei junge Kanadier mit ernsten Mienen sammeln sie auf und schwenken sie in Bottichen voll farbigen Kleisters. Dann werden die Papiere von den Kanadiern, einer Gruppe, die sich Larry’s nennt, zu kleinen Pappmaché-Skulpturen geformt und eilig auf eine gläserne Skulptur im Nachbarraum gestellt. Was ein wenig an einen Leistungskurs Kunst erinnert, ist eine Performance in der Neuköllner PM Galerie, die ebenfalls einen Raum in der Ausstellung Based in Berlin bespielen darf, einen Erholungsraum. Das Publikum in Neukölln raucht fast ausnahmslos, trinkt Bier und ist jung, eher Mitte zwanzig als dreißig. Man unterhält sich auf Englisch und Französisch, selten auf Deutsch. Hier, in Neukölln, so scheint es, gibt es sie noch, die Boheme. Eine Frau trägt eine Pfauenfeder im Haar.

Die PM Galerie ist einer jener von Künstlern gegründeten Projekträume, die besonders große Schuld daran tragen, dass immer noch mehr junge Künstler aus aller Welt nach Berlin drängen. Abseits der Museen und abseits der auf Verkauf ausgerichteten Galerien können sich die Künstler an Orten wie diesem oder im Autocenter in Friedrichshain, bei After the Butcher in Lichtenberg, dem Grimmuseum oder dem Forgotten Bar Project in Kreuzberg gegenseitig ausstellen, bestärken und kritisieren. Hier probieren sie sich aus, lernen eine Ausstellung zu bestücken und werden Teil einer Schule – oder zumindest eines Netzwerkes. Charakteristisch für die Ausstellungen dieser Projekträume ist die Masse an Künstlern und Kuratoren, von denen sie bespielt werden: Aurélia Defrance und Julie Grosche, die 24-jährigen französischen Gründerinnen der PM Galerie, haben für die Pappmaché-Sause ein Kuratorenkollektiv mit der Künstlerin Aude Pariset gegründet, dann Rebecca Lamarche-Vadel und Raoul Zöllner als Gastkuratoren eingeladen, die wiederum zwanzig Künstler und Kunstbetriebler baten, jeweils zehn Bilddateien einzusenden, die nun endlich von den beiden Kanadiern mit Kleister bearbeitet werden. Die Projekträume sind eine Form der Selbstermächtigung eines in anderen großen Städten weitgehend marginalisierten Milieus. Die Projekträume sind, so kann man es auch sehen, eine im Unterhalt günstige Selbstbeschäftigungsmaßnahme für die Massen des Künstler-Prekariats. Berlin, da sind sich Julie Grosche und Aurélia Defrance jedenfalls sicher, bietet derzeit den meisten Freiraum, ist der schönste Abenteuerspielplatz der Welt. Und so spuckt die Stadt ohne Unterlass neue Bilder aus.