Das vergangene Jahr war kein gutes für die katholische Kirche. Zahllose Fälle sexuellen Missbrauchs haben sie in Bedrängnis gebracht. Der Schriftsteller Albert Ostermaier hat jetzt einen Roman vorgelegt, der tief vordringt in die katholische Welt, bis in ihre dunkelsten Seelenwinkel. Es ist ein Roman, der das schockierende Erlebnis eines ehemaligen Klosterschülers beschreibt. Es ist aber kein Roman über sexuellen Missbrauch. Schwarze Sonne scheine erzählt nicht von der Macht über die Körper, sondern von der Macht über die Seelen. Und dringt damit viel tiefer ein ins katholische Mysterium. Die Macht über die Körper, der sexuelle Missbrauch, hat nichts Katholisches, sondern ist eine Pathologie, die lediglich eine katholische Struktur nutzt, die ihrem Treiben günstig ist. Die Macht über die Seelen aber – das ist der Glutkern der 2.000-jährigen Geschichte der römischen Kirche, ihr Anspruch, allein selig machend zu sein.

Im Zentrum des Romans steht die traumatische Erfahrung eines erlittenen Verrats, die Erschütterung durch missbrauchtes Vertrauen. Wo die Seele vertraut, ist sie ganz schutzlos. Blind folgt sie dem, dem sie sich anvertraut. Wird das Vertrauen dann verraten, ist die Welt plötzlich wie auf Sand gebaut. Dass Schwarze Sonne scheine so ein erstaunliches Buch geworden ist, hat aber vor allem damit zu tun, dass es mehr noch als von der katholischen Kirche, ihrem Glanz und ihrer Ekstase, ihrem Budenzauber und ihrer Scheinheiligkeit, ihrem Schönheitsdurst und ihrer Machttechnik, auch von einem jungen Schriftsteller erzählt: Es ist der Roman einer Dichterwerdung, mit allen Überspanntheiten, allem Größenwahn und aller Leidensinbrunst: die Geburt des Künstlers aus dem Drama des Verrats. Der Roman bezieht dabei seine ästhetischen Energien aus jener katholischen Glaubens-, Wort- und Bilderwelt, aus der sich der Protagonist so schmerzhaft befreien muss. Insofern ist das Buch Beweis einer alten Einsicht: Einmal katholisch, immer katholisch. Es ist die Wortgewalt der Bibel, das große Register der Psalmen, die Ostermaiers Prosastrom durchpulst. Und es ist die Bildfrömmigkeit der katholischen Kirche, die hier als Metaphernseligkeit wiederkehrt.

Wir schlagen hier bewusst vollmundige Töne an, um dem Leser einen Eindruck zu geben von der Tonhöhe, unter der es der Lyriker und Theaterautor Ostermaier für seinen zweiten Roman nicht macht. Aber das genau hebt dieses Buch heraus aus dem Gleichmaß der deutschen Gegenwartsliteratur: Schwarze Sonne scheine ist vielleicht kein makelloser, unangreifbarer Roman, aber Ostermaier hat den Mut zum Pathos, zum Narzissmus und zur Metapherntrunkenheit, die in unseren literarischen Bauhaus-Zeiten sonst niemand wagt, weil im deutschen Literaturbetrieb die Strategie des Durchkommens lautet: Hänge die Latte niedrig, damit du anstrengungslos rüberkommst, nimm dich auf keinen Fall zu wichtig, sonst werfen dir die Kritiker Genieästhetik vor, und schreibe möglichst nah an der Alltagssprache, sonst halten die Leser dich für einen Dichter, aber sie bevorzugen Autoren.

Die Geschichte, die Ostermaier erzählt, ist unglaublich, aber ihm wohl im Wesentlichen selbst widerfahren. Orte und Personen lassen sich leicht entschlüsseln. Im Icherzähler Sebastian ist der Autor zu erkennen, die Klosterschule ist St. Ottilien am Ammersee und der Mönch Silvester, halb Engel, halb Dämon, erinnert an den Benediktiner-Abt Notker Wolf.

Sebastian hat eine Klosterschule besucht, mit dessen Abt Silvester ihn auch nach dem Abitur eine innige Freundschaft verbindet, ein Schüler-Lehrer-Verhältnis wie im Bilderbuch. Silvester ist ein charismatischer Benediktiner, ein Seelenfänger, ein geistlicher Entrepreneur, der sich aber auch nicht scheut, in einer Rockband die Gitarre zu spielen; der die kulinarischen Wonnen des Lebens mit klerikaler Grandeur zu genießen versteht und sein geistliches Amt aus der Fülle des Seins in Szene setzt. Für Sebastian ist Silvester ein Lebensweg-Begleiter, der ihn bis in sein Herz hinein kennt und früh sein schriftstellerisches Talent fördert.

Als Sebastian von einer Jemen-Reise zurückkehrt, rät ihm Silvester, eine Ärztin aufzusuchen, auf die er Stein und Bein schwört, sie sei eine Koryphäe und der Normalwissenschaft um Jahre voraus, weshalb sie schon vielen Menschen das Leben gerettet habe. Obwohl sich Sebastian kerngesund fühlt, diagnostiziert die Ärztin eine Virusinfektion, die zum sicheren Tod führe, wenn Sebastian sich nicht augenblicks einer Operation in Atlanta unterziehe.

Ein Roman von der Brutalität des Schweigens

Subtil und suggestiv beschreibt Ostermaier den Zauber, der vom Abt und seinem Kloster ausgeht, in dessen Aura man sich sonnt. Auch Sebastians Eltern, großbürgerliche Unternehmer, haben ihr Leben eng verknüpft mit dem Kloster, das auf dem oberbayerischen Land eine Repräsentationsmacht darstellt. Das Spirituelle, das Ästhetische und das Gesellschaftliche gehen dabei eine erzkatholische Einheit ein. Der Abt verkörpert eben das Leben in seiner ganzen Fülle, ihm ist nichts Menschliches fremd, und deswegen ist es keineswegs nur eine Glaubensfrage, wenn man sich so bereitwillig diesem Hirten anvertraut: »Der Mensch ist ein Wesen von unendlicher Bedürftigkeit.« Die zartesten Seiten dieses Romans erzählen von dieser Bedürftigkeit, die den Menschen weich macht.

Jedenfalls muss der Weihrauch allen den Verstand vernebelt haben: Wie ein Orakelspruch nehmen Sebastian, seine Eltern und der Abt die Diagnose entgegen. Nur Sebastians Freundin Klara mit ihrer »protestantischen Skepsis« misstraut der Hysterie und besteht auf einer zweiten Diagnose. Es stellt sich dann heraus, dass die Ärztin eine Schwindlerin ist, die Leute zu heilen vorgibt, die nie ernsthaft erkrankt waren. Bis dahin aber hat Sebastian eine psychische Achterbahnfahrt hinter sich. Fast gierig hat er sich auf seine Krankheit eingelassen. Ein früher Tod, macht ihn das nicht zu einem zweiten Rimbaud? War das nicht die existenzielle Erfahrung, der er in der verbleibenden Zeit sein Werk abgewinnen würde, auf dass die Nachwelt staunen möge? Todesangst und Ruhmsucht, Krise und Größe, Verzweiflung und Höhenflug werden eins. Dass dies nie peinlich wirkt, sondern im Gegenteil ziemlich süffig und eindringlich, hat auch damit zu tun, dass Ostermaier ein Bild der Aporien eines jungen Schriftstellers um 1990 hineinwebt.

Sebastian ist ein Zeitgenosse, der die Nachrichten vom Golfkrieg bis zum Putsch gegen Gorbatschow (nicht Jelzin, wie es im Roman fälschlicherweise heißt) verfolgt und gerne eine engagierte Haltung zum Unglück der Welt einnehmen würde. Er wäre gerne ein linker Rebell, zornig und radikal, aber irgendwie ist die Welt zu komplex für diese Pose. Außerdem neigt Sebastian zur Harmoniesucht. Er will niemandem wehtun. Da wird es schwierig mit dem zornigen Gesang, der ihm ästhetisch zwingend erscheint. Es will sich die passende Wut einfach nicht finden. Da kommt ihm die Krankheit gerade recht: ein Anlass für das große Register!

Im Mittelalter gab es die Vorstellung einer Kette des Seins, in der alle Dinge über Ähnlichkeiten miteinander verknüpft sind. Ostermaiers Poetologie folgt einer Kette der Worte, deren Gleichklang das oft Disparate verknüpft, bis alles, was in der Welt passiert, in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Schicksal des Protagonisten steht. Es ist eine sprachekstatische Überdeterminierung der Welt, in der der Dichter die ganze Welt auf sich bezieht. Aber nicht nur die Welt. Ständig kommen Sebastian Film- und Romanszenen in den Sinn, die er alle als Präfigurationen seines eigenen Schicksals auffasst. So gewinnt er jederzeit kulturgeschichtliche Fallhöhe. In Ostermaiers erstem Roman Zephyr war dieses poetologische Programm auch schon am Werk, aber damals kam ein Buch heraus, das stark parfümiert wirkte und seine Figuren auf Schritt und Tritt in klischeehafte Posen zwang. In Schwarze Sonne scheine hingegen ist alles lebendig, kraftvoll, komplex und mitreißend.

Und Silvester? Hatte er gemeinsame Sache gemacht mit der Ärztin, oder war er selbst ein Getäuschter? Er, dessen Worte Sünden vergeben können und Seelen erlösen, schweigt. Von der Brutalität dieses Schweigens erzählt der Roman, und wie man nach diesem Vertrauensbruch weiterlebt: »Wir waren alle angeschossen, aber nicht verblutet.«

Es mögen sich die Jüngeren ein Beispiel nehmen am expressionistischen Mut Albert Ostermaiers, dann haben wir Leser und Kritiker wieder eine Literatur, die man nicht einfach nur abnicken muss.

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