Bahrendorf ist kein Dorf, sondern eine Siedlung. Es gibt keine Kirche, keinen Laden, keine Kneipe, keine Schule, keinen Marktplatz, nichts, nur Wohnhäuser und eine Straße mit ein paar engen Abzweigungen. Aber obwohl Bahrendorf nur eine kleine Siedlung ist, teilt es sich in zwei Hälften, eine obere und eine untere. In der oberen stehen viel mehr Häuser, die meisten sind neu, in der unteren stehen nur ganz wenige Häuser, alle alt und groß. Rundherum liegen Felder, die im Sommer goldgelb leuchten und im Wind hin und her wogen. Überall stehen Eichen, Birken, Pappeln, Kastanien, Weiden und Obstbäume. Weiter hinten beginnt ein Wald. In Bahrendorf leben mehr Zugezogene als Alteingesessene.

Die Straße ist keine richtige Straße, sie hat keinen Mittelstreifen. Auf ihr ist nichts los. Hin und wieder fährt ein Traktor fort und kommt nach Stunden zurück. Oder, noch seltener, es fährt ein Auto fort. Ganz selten fahren zwei Autos aneinander vorbei. Ohne Auto aber ist man hier verloren. Nachts bellen nur Hunde. Der Himmel mit den Sternen sieht aus wie im Süden. Für die Kinder und die Alten ist das Leben in der Siedlung ideal. Es gefällt ihnen. Sie können laufen, wohin sie wollen, die Alten mit dem Hund, den sie nicht an die Leine nehmen müssen, die Kinder über die Wiesen und Äcker.

Die Zugezogenen sind hierhergekommen, weil sie endlich einmal aufatmen wollten. Sie kriegten in den engen Städten keine Luft, sie wollten raus aus dem ganzen Beton und Verkehr. Sie wollten Erde unter den Füßen spüren. Ihre Utopie ist die Gemeinschaft der Selbstversorger. Sie können hier billig wohnen. Jeder hat ein Haus oder ein Häuschen mit einem Garten, in dem er Tomaten und Salat und noch viel mehr pflanzt. Sie machen alles selber. Sie lernen voneinander.

Die Männer wurden hier draußen zu guten Handwerkern, die Frauen zu guten Gärtnerinnen und Köchinnen. Sie besitzen nicht viel, sie teilen mit anderen, sie helfen sich gegenseitig. Am 1. Mai sitzen sie zusammen im Garten und singen alte Lieder. Einer spielt dazu Gitarre oder Geige. Die alten Lieder können sie auswendig. Auch die Weihnachtslieder, die sie in der Adventszeit zusammen singen. Die Lieder tragen sie durch das Jahr.

Wenn der Castor-Transport nach Gorleben fahren soll, organisieren sie den Widerstand. Das ist selbstverständlich. Sie lassen sich dazu immer was einfallen. Der Widerstand gegen die Atomkraft hat im Wendland Tradition. Es gibt hier neben den Hunden auch noch Katzen, Hühner und Pferde. Ein Schwein gab es auch einmal, das büxte immer aus und rannte durch die Siedlung. Es war neugierig und wild. Dann büxte es ein letztes Mal aus. Tage später wurde es im Wald, wohin es sich zurückgezogen hatte, mit einem Wildschwein verwechselt und totgeschossen. Wir haben das arme Schwein alle bedauert.