Wendland Stadtluft – nein danke!
In Bahrendorf im Wendland wird alles selber gemacht. Marmelade, Musik und der Protest gegen Atomkraft
Bahrendorf ist kein Dorf, sondern eine Siedlung. Es gibt keine Kirche, keinen Laden, keine Kneipe, keine Schule, keinen Marktplatz, nichts, nur Wohnhäuser und eine Straße mit ein paar engen Abzweigungen. Aber obwohl Bahrendorf nur eine kleine Siedlung ist, teilt es sich in zwei Hälften, eine obere und eine untere. In der oberen stehen viel mehr Häuser, die meisten sind neu, in der unteren stehen nur ganz wenige Häuser, alle alt und groß. Rundherum liegen Felder, die im Sommer goldgelb leuchten und im Wind hin und her wogen. Überall stehen Eichen, Birken, Pappeln, Kastanien, Weiden und Obstbäume. Weiter hinten beginnt ein Wald. In Bahrendorf leben mehr Zugezogene als Alteingesessene.
Die Straße ist keine richtige Straße, sie hat keinen Mittelstreifen. Auf ihr ist nichts los. Hin und wieder fährt ein Traktor fort und kommt nach Stunden zurück. Oder, noch seltener, es fährt ein Auto fort. Ganz selten fahren zwei Autos aneinander vorbei. Ohne Auto aber ist man hier verloren. Nachts bellen nur Hunde. Der Himmel mit den Sternen sieht aus wie im Süden. Für die Kinder und die Alten ist das Leben in der Siedlung ideal. Es gefällt ihnen. Sie können laufen, wohin sie wollen, die Alten mit dem Hund, den sie nicht an die Leine nehmen müssen, die Kinder über die Wiesen und Äcker.
Die Zugezogenen sind hierhergekommen, weil sie endlich einmal aufatmen wollten. Sie kriegten in den engen Städten keine Luft, sie wollten raus aus dem ganzen Beton und Verkehr. Sie wollten Erde unter den Füßen spüren. Ihre Utopie ist die Gemeinschaft der Selbstversorger. Sie können hier billig wohnen. Jeder hat ein Haus oder ein Häuschen mit einem Garten, in dem er Tomaten und Salat und noch viel mehr pflanzt. Sie machen alles selber. Sie lernen voneinander.
Die Männer wurden hier draußen zu guten Handwerkern, die Frauen zu guten Gärtnerinnen und Köchinnen. Sie besitzen nicht viel, sie teilen mit anderen, sie helfen sich gegenseitig. Am 1. Mai sitzen sie zusammen im Garten und singen alte Lieder. Einer spielt dazu Gitarre oder Geige. Die alten Lieder können sie auswendig. Auch die Weihnachtslieder, die sie in der Adventszeit zusammen singen. Die Lieder tragen sie durch das Jahr.
Wenn der Castor-Transport nach Gorleben fahren soll, organisieren sie den Widerstand. Das ist selbstverständlich. Sie lassen sich dazu immer was einfallen. Der Widerstand gegen die Atomkraft hat im Wendland Tradition. Es gibt hier neben den Hunden auch noch Katzen, Hühner und Pferde. Ein Schwein gab es auch einmal, das büxte immer aus und rannte durch die Siedlung. Es war neugierig und wild. Dann büxte es ein letztes Mal aus. Tage später wurde es im Wald, wohin es sich zurückgezogen hatte, mit einem Wildschwein verwechselt und totgeschossen. Wir haben das arme Schwein alle bedauert.
- Datum 15.06.2011 - 18:13 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 1.6.2011 Nr. 23
- Kommentare 22
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Und sie bauen ihre Autos selber, und legen die Telefonleitungen, und bauen die Computer, mit denen sie sich ins Internet einwählen, um diese Artikelchen zu verbreiten. Und die Kinder freuen sich bestimmt auch ganz doll über die selbst-kartoffelgestempelten Schulbücher und die handgeschnitzten Playstations.
das Wasser kommt aus der Leitung und das Abwasser verschwindet auch auf mysteriöse Weise.
Warum muß denn immer alles ganz oder gar nicht sein? Warum seien diese Menschen nicht ernstzunehmen, nur weil sie sich nicht völlig abschotten oder nützliche Dinge aus der sie umgebenden Kultur nutzen (wäre doch dumm, wenn sie es nicht täten)?
In Ihrem Kommentar scheint viel Frust mitzuschwingen.
das Wasser kommt aus der Leitung und das Abwasser verschwindet auch auf mysteriöse Weise.
Warum muß denn immer alles ganz oder gar nicht sein? Warum seien diese Menschen nicht ernstzunehmen, nur weil sie sich nicht völlig abschotten oder nützliche Dinge aus der sie umgebenden Kultur nutzen (wäre doch dumm, wenn sie es nicht täten)?
In Ihrem Kommentar scheint viel Frust mitzuschwingen.
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Das Thema interessiert mich und dann sowas!?
der artikel ist in etwa so informativ wie zehn sekunden blättern in diesen landlust-magazinen am bahnhofskiosk.
schöne bilder erzeuge ich mir im kopf schon selber, die brauche ich nicht vorgesetzt zu bekommen. was ich brauche, sind antworten auf fragen, die ich mir stelle oder anreize zum weiter-denken, und keinen fragmentarisch hingeschnodderten öko-kitsch.
das war höchstens eine Einleitung. Das Thema bietet endlos viele Möglichkeit über Land/Stadt, Lebensformen und Gesellschaftszusammenhänge zu schreiben. Und dann ließt man nur die erste Seite eines Fontane-Buchs...
der artikel ist in etwa so informativ wie zehn sekunden blättern in diesen landlust-magazinen am bahnhofskiosk.
schöne bilder erzeuge ich mir im kopf schon selber, die brauche ich nicht vorgesetzt zu bekommen. was ich brauche, sind antworten auf fragen, die ich mir stelle oder anreize zum weiter-denken, und keinen fragmentarisch hingeschnodderten öko-kitsch.
das war höchstens eine Einleitung. Das Thema bietet endlos viele Möglichkeit über Land/Stadt, Lebensformen und Gesellschaftszusammenhänge zu schreiben. Und dann ließt man nur die erste Seite eines Fontane-Buchs...
Immerhin haben die Bewohner mit der Ausrichtung und Organisation der "Castor-Festivals" ja eine kleine Abwechslung in ihrem extrem gleichmäßigen Alltag, in ihrer verschlafenen Idylle.
Früher sind die "aufgeweckten Landeier" vor der Tristesse der Dörfer in die Großstädte geflohen, aber auf dem Land scheinen nun "vom städtischen Leben" überforderte Ruhesucher sich besser auszuschlafen und ihr Kultdorf zu verehren.
Vorbildlich, wir sollten eh mehr zur Kommune, statt zu einem Einheitswahn für die ganze Welt. Es scheitert, die ganze Welt durch zentrale Ideen zu versorgen - es ist evolutionär gesehen vorteilhaft, die Menschheit hielte sich koexistente Lebensweisen offen.
Eine Konkurrenzgesellschaft: da achtet niemand auf die Bedürfnisse der Anderen, weil es Existenz kosten kann. Wir werden dressiert wie Hunde, dass wir einander verachten und Angst vor Verlusten haben (Neid). Wir haben das bisschen noch, was uns übrig blieb, und nur Angst, dass es noch schlimmer kommt.
Eine sich selbstversorgende Gemeinschaft macht die Not der Existenzweise jedem einzelnen natürlich klar, aber ich bin überzeugt, dass dies keine Leistungsgesellschaft bedeuten muss, wo Leistung um jeden Preis gefordert ist dazu noch um an einem System mitzuarbeiten, das innen verkommen ist weil die Kommunen (Städte) derweil verrohen und ausgequetscht werden.
Der moderne Bürger als Konsumgut, ohne das die Wirtschaft still steht. Wer braucht denn sowas? Und guck mal, die haben Selbstversorger könnten sich sicher auch Computer leisten und blah es könnten alle bescheidener werden und weisste was, das Glück kommt eh von innen, wer braucht denn Luxus, wenn es nicht wirklich glücklich macht. Aber Geld ist Macht und deshalb will keiner dass es verändert wird, das System, wenn er Geld hat. Und das sind die Nichtversorger der Welt, die reichen Sklaven des Egoismus.
das Wasser kommt aus der Leitung und das Abwasser verschwindet auch auf mysteriöse Weise.
Wenn das Wasser manchmal noch aus dem eigenen Brunnen kommt, das Abwasser in der Klär-, Sammel- oder Sickergrube
eben nicht verschwindet, sondern per LKW zur nächsten Kläranlage gefahren werden muss, ist da nichts mysteriöses
dabei. Zusammenhänge werden so erst deutlich, und sicher verhält man sich dementsprechend. Sowas gibt es nicht nur im Wendland noch, auch in den angrenzenden Regionen.
der artikel ist in etwa so informativ wie zehn sekunden blättern in diesen landlust-magazinen am bahnhofskiosk.
schöne bilder erzeuge ich mir im kopf schon selber, die brauche ich nicht vorgesetzt zu bekommen. was ich brauche, sind antworten auf fragen, die ich mir stelle oder anreize zum weiter-denken, und keinen fragmentarisch hingeschnodderten öko-kitsch.
Sehr geehrte/r norg blorg,
der Text ist Teil einer Reihe von Texten über deutsche Dörfer, die in den letzten Tagen auf ZEIT ONLINE erschienen sind und erhebt deswegen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Sollten Sie mehr zum Thema wissen wollen, finden Sie weitere Texte hier: http://www.zeit.de/schlag...
Viele Grüße aus der Redaktion.
Sehr geehrte/r norg blorg,
der Text ist Teil einer Reihe von Texten über deutsche Dörfer, die in den letzten Tagen auf ZEIT ONLINE erschienen sind und erhebt deswegen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Sollten Sie mehr zum Thema wissen wollen, finden Sie weitere Texte hier: http://www.zeit.de/schlag...
Viele Grüße aus der Redaktion.
Aus diesem Dorf wir sich eine Art Reservat für Grüne entwickeln, ungefähr wie in den USA, wo es für unassimilierbare Indianer ähnliche Reservate gibt. Dort können die Eingeborenen ungestört und ohne zu stören ihrem Brauchtum nachgehen und von den Geldern leben, welche die zahlreich herbeiströmenden Touristen dort ausgeben.
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