Elbenau ist ein guter Ort zum Sterben. Die friedlichen Vormittage sind erfüllt von Fliederduft, vor den Fenstern der alten Leute zwitschern unbeirrbar die Vögel, und selbst durch die Neubausiedlungen mit ihren geputzten Eigenheimdächern weht diese Ewigkeitsstimmung: Wie schön unser vergängliches Leben ist! Elbenau liegt in Sachsen-Anhalt, wo man oft das Gefühl hat, hier lebten nur Rentner und Kinder. Schönebeck beispielsweise, die Kreisstadt, ist so still und grün wie ein Dorf. Wenn man sich dort auf eine Bank setzt und die Autos beobachtet, rollen in kürzester Zeit sämtliche 13 Pflegedienste des Landkreises vorbei.

Schwester Andrea macht aber nicht den Eindruck, als verrichte sie einen traurigen Job. Ihr Dienstauto ist weiß, ihr T-Shirt rot und ihr blondes Haar windgeföhnt. Wenn die 43-Jährige über die Landstraße brettert, vorm Ortseingang Elbenau runterschaltet, an der Eisdiele abbiegt und schließlich vor der Tür der nächsten Patientin hält, wirkt sie nicht wie die medizinische Fachkraft im Routineeinsatz. Eher wie eine Enkelin, die nach dem Rechten schaut. Sie redet gern mit ihren Patienten. »Dorftratsch baut auf«, sagt Schwester Andrea, die das Dorf liebt, weil es aus Menschen besteht.

Elbenau ist kein Fachwerkidyll, und Sachsen- Anhalt ist hier ziemlich platt. Im Ort fallen immer noch diese typisch ostdeutschen Nachwendekontraste auf. Blitzende Baumarktfenster und morsche Gartenzäune. Nagelneue Wegweiser vor grauen Fassaden. Schwester Andrea sagt, das Dorf sei vielleicht schlicht, aber sie könnte nirgendwo anders leben. Ende der Achtziger wohnte sie mal in Schönebeck, schrecklich städtisch! Nur ein Balkon statt des Gartens! Kein Osterfeuer und kein Dorffest, diese Anonymität!

Man versteht Schwester Andreas Begeisterung für Elbenau besser, wenn man bedenkt, dass im Dorf das Leben von Anfang bis Ende einen Rahmen hat. Dass man gemeinsam mit andern wächst und am Ende nicht ins Nichts hinein stirbt. Im Nachbarort Grünewalde steht das Haus, das ihr Urgroßvater 1936 baute und wo sie mit ihrer Familie heute wohnt. In Elbenau ging sie zehn Jahre lang zur Schule, und wenn im Winter der Schulbus ausfiel, trabte sie die anderthalb Kilometer von Dorf zu Dorf durch den Wald. Sie liebt den Weg noch heute.

Schwester Andrea hat zwanzig Jahre lang auf einer Intensivstation gearbeitet, bevor sie zum Pflegedienst wechselte, weil, wie sie sagt, in der Klinik das Menschliche zu kurz kam. »Ich bin zu meinem Kindheitstraum zurückgekehrt«, sagt sie, »schon in der Schule wollte ich wie die Gemeindeschwester Frau Dederow werden.« Was heißt Heimat? Dass man dort, wo man wohnt, verwurzelt ist. Schwester Andrea ist heute auf denselben Straßen unterwegs, wo sie einst ihren Mopedführerschein machte und mit Freunden zur Disko düste. »Das ist für mich Heimat, wenn ich morgens die Rapsfelder rieche und im Frühnebel die Silhouetten der Rehe sehe. Freiwillig würde ich niemals wegziehen.« Denn auf dem Dorf gehören Anfang und Ende noch zusammen. Elbenau ist eine gute Gegend zum Sterben. Zum Leben aber auch.