Wer einmal alle aktuellen Zeitschriften kaufen will, die sich der Sehnsucht nach dem Leben auf dem Lande widmen, der braucht einen starken Arm. Man nehme LandLeben, LandIdee, LandSpiegel, Liebes Land, Mein Schönes Land, Hörzu Heimat, schnell wächst der Stapel, und zuoberst liegt LandLust , das populärste Idyllmagazin.

Wie LandLust ein Thema auf der Titelseite ankündigt, ist immer wieder eindrucksvoll. Da steht dann einfach: Frischer Schnittlauch. Keine Aussage. Kein Ausrufezeichen. Nichts.

Frischer Schnittlauch – ein Stillleben als Gegenbild zur Hektik der Welt, Garant für die sensationelle Auflage des seit fünf Jahren erscheinenden Magazins: zuletzt 803.000 verkaufte Exemplare, mehr als Frankfurter Allgemeine und Süddeutsche zusammen.

Nun ist das ein schräger Vergleich, denn was hat eine im gemächlichen Zweimonatsrhythmus erscheinende Land-Illustrierte mit den führenden Tageszeitungen gemein? Aber eben darum geht es: um den Abstand zum Tagesgeschäft. In LandLust fehlt alles, was schwierig und bedrohlich ist. Recherchiert wird nicht, wo es brennt, sondern wo gebrannt wird, wie etwa in der Reportage über die Gartenzwergmanufaktur Philipp Griebel in 99330 Gräfenroda: »Zehn Tage dauert es, bis ein Gartenzwerg aus Ton fertig ist. Er wird gegossen, getrocknet, gebrannt und bemalt.«

Der Erfolg am Kiosk inspiriert die benachbarte Buchbranche. In diesem Frühjahr sind etliche Erfahrungsberichte erschienen, von Martin Reicherts Landlust – Ein Selbstversuch in der deutschen Provinz bis zu Hilal Sezgins Landleben – Von einer, die raus zog .

Auch die Werbewelt ist hin und weg. Im stern erschien kürzlich ein ganzseitiges Inserat der Deutschen Landschaftsgärtner: Es zeigt das Foto einer jungen Frau mit wallendem Haar und verzücktem Blick vor blühenden Büschen auf dem Rasen. Und was macht sie da? Sie spielt Cello. »Mein Garten – ein Ort, an dem ich in vollkommener Harmonie lebe.« Die Frage sei erlaubt: Ist das noch Garten oder schon gaga?

Offenbar geht es um Projektionen, um Wunschbilder. Die Marmeladenfirma Schwartau nennt einen neuen Aufstrich »Hofladen« und kündigt ihn so vollmundig an, dass man als Großstädter einfach zugreifen muss: »Es kommen nur wild wachsende Früchte ins Glas – ganz so, als würden Sie selbst sammeln gehen.« Der Sorte Holunder-Heidelbeere attestiert das Etikett sogar mythische Qualität: »Man sagt, dass Holunder im Garten Haus und Hof schützt.« Schützt Holunder jetzt also auch Kühlschränke und Dreizimmerwohnungen am Prenzlauer Berg? Hilft Holunder gegen die Schwermut in den Ballungszentren?

Zweifellos wird die Landbegeisterung von den Medien und der Werbung stimuliert – aber dies hätte wenig Sinn, wenn die Städter nicht dafür empfänglich wären. Ein wenig Marktforschung: Von den 82 Millionen Menschen in Deutschland (2008) leben 60 Prozent in Groß- und Mittelstädten (»Stadt«), 40 Prozent in Kleinstädten und Dörfern (»Land«). Fragt man alle, wer auf dem Land wohnen möchte, wie es das Bundesinstitut für Bau, Stadt- und Raumforschung vor zwei Jahren getan hat, kommt man auf 53 Prozent. Da gibt es zwischen Auf-dem-Land-Leben und Auf-dem-Land-leben-Wollen also eine Kluft von 13 Prozentpunkten: Mehr als zehn Millionen Städter wünschen sich aufs Land.