Wer einmal alle aktuellen Zeitschriften kaufen will, die sich der Sehnsucht nach dem Leben auf dem Lande widmen, der braucht einen starken Arm. Man nehme LandLeben, LandIdee, LandSpiegel, Liebes Land, Mein Schönes Land, Hörzu Heimat, schnell wächst der Stapel, und zuoberst liegt LandLust , das populärste Idyllmagazin.

Wie LandLust ein Thema auf der Titelseite ankündigt, ist immer wieder eindrucksvoll. Da steht dann einfach: Frischer Schnittlauch. Keine Aussage. Kein Ausrufezeichen. Nichts.

Frischer Schnittlauch – ein Stillleben als Gegenbild zur Hektik der Welt, Garant für die sensationelle Auflage des seit fünf Jahren erscheinenden Magazins: zuletzt 803.000 verkaufte Exemplare, mehr als Frankfurter Allgemeine und Süddeutsche zusammen.

Nun ist das ein schräger Vergleich, denn was hat eine im gemächlichen Zweimonatsrhythmus erscheinende Land-Illustrierte mit den führenden Tageszeitungen gemein? Aber eben darum geht es: um den Abstand zum Tagesgeschäft. In LandLust fehlt alles, was schwierig und bedrohlich ist. Recherchiert wird nicht, wo es brennt, sondern wo gebrannt wird, wie etwa in der Reportage über die Gartenzwergmanufaktur Philipp Griebel in 99330 Gräfenroda: »Zehn Tage dauert es, bis ein Gartenzwerg aus Ton fertig ist. Er wird gegossen, getrocknet, gebrannt und bemalt.«

Der Erfolg am Kiosk inspiriert die benachbarte Buchbranche. In diesem Frühjahr sind etliche Erfahrungsberichte erschienen, von Martin Reicherts Landlust – Ein Selbstversuch in der deutschen Provinz bis zu Hilal Sezgins Landleben – Von einer, die raus zog .

Auch die Werbewelt ist hin und weg. Im stern erschien kürzlich ein ganzseitiges Inserat der Deutschen Landschaftsgärtner: Es zeigt das Foto einer jungen Frau mit wallendem Haar und verzücktem Blick vor blühenden Büschen auf dem Rasen. Und was macht sie da? Sie spielt Cello. »Mein Garten – ein Ort, an dem ich in vollkommener Harmonie lebe.« Die Frage sei erlaubt: Ist das noch Garten oder schon gaga?

Offenbar geht es um Projektionen, um Wunschbilder. Die Marmeladenfirma Schwartau nennt einen neuen Aufstrich »Hofladen« und kündigt ihn so vollmundig an, dass man als Großstädter einfach zugreifen muss: »Es kommen nur wild wachsende Früchte ins Glas – ganz so, als würden Sie selbst sammeln gehen.« Der Sorte Holunder-Heidelbeere attestiert das Etikett sogar mythische Qualität: »Man sagt, dass Holunder im Garten Haus und Hof schützt.« Schützt Holunder jetzt also auch Kühlschränke und Dreizimmerwohnungen am Prenzlauer Berg? Hilft Holunder gegen die Schwermut in den Ballungszentren?

Zweifellos wird die Landbegeisterung von den Medien und der Werbung stimuliert – aber dies hätte wenig Sinn, wenn die Städter nicht dafür empfänglich wären. Ein wenig Marktforschung: Von den 82 Millionen Menschen in Deutschland (2008) leben 60 Prozent in Groß- und Mittelstädten (»Stadt«), 40 Prozent in Kleinstädten und Dörfern (»Land«). Fragt man alle, wer auf dem Land wohnen möchte, wie es das Bundesinstitut für Bau, Stadt- und Raumforschung vor zwei Jahren getan hat, kommt man auf 53 Prozent. Da gibt es zwischen Auf-dem-Land-Leben und Auf-dem-Land-leben-Wollen also eine Kluft von 13 Prozentpunkten: Mehr als zehn Millionen Städter wünschen sich aufs Land.

 

In dieser Aussage stecken zwei sich widersprechende Fakten: die Lust am Land und das Verharren in der Stadt. Landleben, das nur ersehnt, nicht gelebt wird, ist eine urbane Projektion, eine Traumwelt wie im Kino. Hier setzt die Werbung an.

Spricht man mit Medienschaffenden, Soziologen und Bauern, sind sie sich in einem alle einig: Die Beziehung zwischen Stadt und Land hat sich stark verändert. Vor 100 Jahren arbeiteten 33 Prozent aller Deutschen in der Landwirtschaft, und noch vor 40 Jahren hatte jedes Stadtkind eine Oma auf dem Bauernhof. Heute liegt der Anteil der Bauern an der Gesamtbevölkerung bei 2 Prozent, so niedrig wie nie zuvor.

Mit der Entfernung von der Scholle wächst die Entfremdung der Städter und bereitet den Boden für eine krude Mischung aus Sehnsucht und Panik. Entweder man malt sich eine Idylle aus, wie es zum Beispiel die Zeitschrift Mein Schönes Land tut , die in der April-Ausgabe Lieder zum Mitsingen druckt: Kein schöner Land in dieser Zeit, als hier das unsere weit und breit .

Oder man empfindet die Umwelt als bedrohlich und singt mit dem schnoddrigen Großstädter Jan Delay Alles ist vergiftet . Der Dresdner Bodenkundler Franz Makeschin formuliert es so: »Je weniger die Abhängigkeit vom Boden da ist, desto mehr geht das Gefühl für seine Bedeutung verloren, und Hysterie tritt auf. Dann heißt es: ›Mein Baby trinkt vergiftetes Wasser‹, obwohl die Schadstoffe an der Nachweisgrenze liegen.« So lassen sich mit einem Satz der deutsche Mineralwasserdurst und der Ökoboom erklären.

Mehr und mehr Städter mögen die konventionelle Landwirtschaft nicht. Sie hat sich ja auch komplett verändert. Gesinde und Gesense sind romantisch verklärte Vergangenheit, der 350-PS-Mähdrescher mit Xenon-Vorfeldbeleuchtung für den Nachteinsatz bestimmt die Gegenwart. Ein lasergesteuerter Melkroboter nimmt es mit gleich 70 Kühen auf.

Die Beschaulichkeit bäuerlichen Lebens wird schmerzlich vermisst – dabei gab es sie kaum je, denn die Mühen und Entbehrungen von einst werden in der Erinnerung ausgeblendet zugunsten jenes vollendeten Genusses, den die Massenblätter, Landschaftsgärtner und Marmeladenfabriken propagieren.

Das städtische Bedürfnis nach dem Einklang mit der Natur ist nicht neu. Es wallt seit 100 Jahren immer wieder auf. Um 1900 entstand die Lebensreformbewegung, deren Ideen noch immer nachwirken – von gesunder Ernährung bis FKK, von Fitness bis Nichtrauchen. Ihr Leitbild waren nackte Sportler in freier Natur, die Arme himmelwärts zum Lichtgebet erhoben. Die LandLust von damals hieß Vegetarische Warte, »Zeitschrift für naturgemäße Lebenskunst«; sie knüpfte das Genussversprechen allerdings an Selbstkasteiung, was inzwischen nicht mehr so gut ankäme.

Ein Teil der städtischen Naturbegeisterungswelle floss in den Nationalsozialismus ein. Gottfried Benn spottete 1941 über »in der Küche selbstgezogenes Rapsöl, selbstbebrüteten Eierkuchen«, »ein Turnreck im Garten und auf den Höhen Johannisfeuer – das ist der Vollgermane«.

Hatte sich das Thema Blut und Boden nach Kriegsende erledigt, begann in den siebziger Jahren die Diskussion um Blutwerte und Bodenwerte: Umweltverschmutzung! Aussteiger suchten nach alternativen Lebensformen, um der industriellen Zerstörung etwas entgegenzusetzen. Auch bei dieser Ökobewegung, die zur Gründung der Grünen führte, ging es eher um Entsagung als um Konsum, mehr um die politische Tat als um die Flucht aus der Verantwortung.

 

An schönen Tagen Gülle und nächtelang Mähdrescher

Was motiviert die Landsehnsucht heute? Es ist wohl das Digitale und Virtuelle, das alles Sinnliche verdrängt. Die Welt beschleunigt sich, verdichtet sich. Es kommt mehr Unruhe ins Haus, in die Nachbarschaft, an den Arbeitsplatz, in den eigenen Kopf. Ob Bankenkrise oder Euro-Krise, ob Fukushima oder Libyen – mehr und mehr Bürger fühlen sich bedrängt von Ereignissen, die sie nur schwer beeinflussen können. Stadtbewohner sind aber von jeher nervös und schnell, sie wollen handeln.

Manche repolitisieren sich, gehen wieder gegen die Atomkraft auf die Straße oder wählen einen Grünen zum Ministerpräsidenten. Andere ziehen sich zurück. Sie sehnen sich nach Erdung. Noch ist alles ruhig, noch ist vieles gut, aber die Einschläge kommen näher, und das Empfinden von Ungemütlichkeit verdichtet sich. Was ist, wenn der große Kollaps kommt? Lebt man dann nicht besser irgendwo, wo es ruhig und schön ist? Und warum bis dahin warten? Raus aufs Land – jetzt!

Zum Fluchtmotiv gesellt sich das Genussmotiv. Wer über hinreichend Geld verfügt, legt sich einen Landsitz zu. Man verschafft sich Auslauf und Prestige. Ein Gutsherrenhaus für einen Euro und dann aber tüchtig investieren! Sich gediegen einrichten, Holz hacken, Gemüse ziehen, Hühner! Das Leben auf dem Lande als jüngster Luxus der Städter.

Auf sehr komische Weise hat der in Berlin lebende Sänger Rainald Grebe Flucht und Genuss zu seinem Lied Landleben verwoben:

Dirk holt aus seinem Erdkeller das Dinkelbier,

Dirk macht jetzt seinen eigenen Senf.

Der Schellack-DJ wechselt seine Nadeln,

Er war mal Burn-out-Patient.

Die zweite Strophe setzt noch eins drauf:

Wir panieren heute einen Riesenbovist.

Wir haben so viel verlernt.

Ich wusste bis gestern noch nicht, was das ist –

Riesenbovist.

Grebe, in der Gesellschaftsbeobachtung seit Jahren vornweg, will am liebsten gleich mitmachen:

Ich fang noch einmal an,

Ich werd Hufschmied oder Zimmermann.

Das Publikum in Berlin johlt. Wie viele LandLust- Leser sich da wohl den Bauch halten? Die Party- und Praktikantenhauptstadt Berlin hat übrigens, wie die Süddeutsche Zeitung herausfand, die Manufactum-Filiale, in der bundesweit die meisten Weckgläser verkauft werden. Und Thomas Hoof, der Gründer dieses so erfolgreichen Vintage-Kaufhauses (»Es gibt sie noch, die guten Dinge«), hat vor einigen Jahren sein Geschäft abgegeben, um sich seiner Zukunftsfrage zuzuwenden: der Selbstversorgung.

Auf dem Lande erzeugt die plötzliche Landbegeisterung gemischte Gefühle – jedenfalls auf den Äckern. »Ist das gut oder schlecht? Wir wissen es nicht«, sagt Helmut Born, der Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes. Positiv sei: »Das ist mal nicht Facebook oder Excel, sondern Samen in die Erde, und da wächst was.«

 

Obwohl die Bauern heute selbst in den kleinsten Dörfern zur Minderheit werden, verstehen sie sich als die Sachwalter des ländlichen Raumes: Sie bewirtschaften 80 Prozent der Fläche in Deutschland. Jede Veränderung in der gesellschaftlichen Einschätzung ihres Tuns registrieren sie sehr genau, weil ihre Existenz davon abhängt, welche Mischung aus Sehnsucht und Hysterie gerade den Diskurs beherrscht.

Jahrzehntelang waren die Bauern klargekommen mit jenen Städtern, die aufs Dorf zogen. Man wies ihnen ein Neubaugebiet am Dorfrand aus, verkaufte ihnen für gutes Geld ein Stückchen Land, junge Familien bauten sich Haus und Carport, zogen mit Kindern und zwei Autos ein. Zum Arbeiten fuhren sie in die Stadt, im Sommer sah man einander beim Grillen, der eine oder andere trat sogar der freiwilligen Feuerwehr bei und stellte sich als ganz brauchbar heraus. Keine innige Liebe, kein richtiger Ärger. Schlechte Stimmung gab es, wenn an schönen Tagen Gülle ausgebracht wurde oder nächtelang Mähdrescher das Dorf umkreisten. Das mochten die Neubürger nicht. Aber damit konnte man leben.

Letzthin kommen Städter anderen Typs. Wie viele, kann niemand sagen, aber es gibt sie. Sie kaufen sich aufgelassene Bauernstellen und wollen ihre Idee vom Landleben verwirklichen. Vor allem wollen sie diskutieren, wenn sie einen Bauern sehen, und ihn zur Umkehr bewegen. Muss das mit den vielen Tieren denn sein? Unter diesen Bedingungen? Sie haben die Stadt resigniert verlassen, nun wollen sie das Land mit ihren Ideen befruchten.

Sie entdecken die Agrarindustrie als natürlichen Feind, erregen sich über Hühnerfarmen und Schweinemästereien und fragen: Wollen wir die Quälerei? Sie bilden Bürgerinitiativen, laden Experten ein, und schon geht es um die eigene Gesundheit, um Abluft, Aerosole, gefährliche Stäube, bis sie den Ausschlag an sich zu spüren glauben – dass Kinder auf dem Bauernhof weniger Allergien haben als die aus der Stadt, weiß der Bauer, aber er hält die Klappe.

Der Bauer hat keine Lust auf Diskurs und auch keine Zeit dazu. Ihm sitzt zu viel im Nacken. Brüssel, der Milchpreis, der jüngste Futterskandal. Er muss um seine Existenz und seinen Betrieb kämpfen. Innovation, Investition, Wachstum, das beschäftigt ihn. Und nun säumen sentimentale Städter seinen Hof, die Nutztiere nur aus dem Streichelzoo kennen und sich daran stören, dass seine Kühe Nummern haben statt Namen.

Sind seine Ställe heute denn nicht viel tiergerechter als früher? Waren seine Kühe vor 20 Jahren nicht alle noch den ganzen Winter über angeleint und können sich nun im Boxenlaufstall frei bewegen? Gut, es mögen Hunderte sein, vom Computer überwacht, aber hat der Bauer nicht das größte Interesse an einem gesunden Bestand? Warum wird der Fortschritt geleugnet? Woher der Widerstand gegen Massentierhaltung, wenn die Milch und das Fleisch bei Aldi nicht billig genug sein können und manch ein Städter nicht mal weiß, wie das Stück heißt, das er da auf dem Teller hat?

»Unsere Tiere sind Nutztiere«, sagt Werner Hilse, Präsident vom Landvolk Niedersachsen, »sie werden nur zu diesem Zweck gehalten, das war früher nicht anders.« Die Mittel seien heute andere, die Tierhaltung sei intensiver geworden, das mache vielen Städtern Angst. »Aber dem ersten Huhn ist es egal, wie viele da noch stehen, und wenn es 5000 sind.«

»Nutztiere sind der empfindlichste Punkt«, sagt Helmut Born vom Bauernverband. Man hält sie, um sie zu schlachten. »Das Fleisch war immer ein Festmahl, ein Höhepunkt im Leben«, nun sei es alltäglich geworden, ein gesellschaftlicher Wandel, den man beklagen könne, aber was man doch nicht dürfe: die Bauern allein dafür haftbar machen.

Auch unter Landwirten gibt es welche, denen die Landwirtschaft zu intensiv wird. Sie schwenken um und versuchen es auf ihren Höfen mit Ökologie. Solche Bauern diskutieren gern mit ihren neuen Nachbarn, weil das dann Kundengespräche in der Direktvermarktung sind. Vom Wettbewerb befreit sie das nicht. In der Stadt konkurrieren inzwischen große Ökosupermärkte miteinander, selbst Rewe und Lidl bieten Bioprodukte an, und natürlich geht es immer ums Geld, denn alle wissen: Der Deutsche gönnt sich gern was Gutes, bloß kosten soll es möglichst wenig.

 

Wer mit den Hühnern aufsteht, braucht kein Nightlife

Sind die landlustigen Städter in ihrer neuen Umgebung angekommen, machen sie interessante Erfahrungen – nicht unbedingt solche, die ihren Erwartungen entsprechen. Wir haben einigen Umsiedlern einen Fragebogen vorgelegt mit der Bitte um freimütige Auskunft. Die Antworten sind nicht repräsentativ, aber aufschlussreich.

Welche Kulturangebote gibt es bei Ihnen?

»Feuerwehrübungen, Kaninchenverein, Bumsfallera.« – »Diverse Chöre, Zeltdisco.« – »Theatergruppe (wir spielen uns immer selbst).« – »Kurzzeitig gab es eine Kneipe mit Tanzsaal, danach einen Pizza-Lieferservice. Hat sich alles nicht gehalten.«

Wie steht es um das Nachtleben?

»Ab 20 Uhr ist hier alles hochgeklappt.« – »Gellend schreiende Kühe und Autobahn.« – »Ab und zu wird eingebrochen.« – »Wer mit den Hühnern aufsteht, braucht kein Nightlife.«

Was ist über die Lokalzeitung zu sagen?

»Besser gar nichts.« – »Kannste in die Tonne kloppen.« – »Lese ich nicht, aber die Süddeutsche kommt immer zu spät.«

Was stört Sie am meisten auf dem Land?

»Langsamkeit.« – »Stechmücken.« – »Biogasanlagen, Windräder « – »Kötergebell, Traktoren.«

Was fehlt Ihnen auf dem Land?

»Kino, Post, Bank, Studenten, Freaks.« – »Mal eben zu Fuß zum Einkaufen gehen.«

Welche Rolle spielt das Autofahren?

»Wichtig, da nach 18 Uhr keine Busse mehr fahren.« – »Häufige Todesart. Kreuze säumen die Landstraßen.«

Ein typisches Land-Erlebnis?

»Zwei Autofahrer kommen sich auf einem Feldweg entgegen. Einer weicht nicht aus. Außenspiegel kaputt.«

Natürlich wissen Landbewohner auch viel Gutes zu berichten. Studien haben ergeben, dass ihre Zufriedenheit mit der eigenen Lebenssituation jene der Stadtbewohner sogar übertrifft – allerdings nur geringfügig und aus einem sehr materiellen Grund: Auf dem Lande ist die Eigentumsquote höher als in der Stadt. Zwei von drei Großstädtern wohnen zur Miete, aber nur einer von vier Bewohnern des platten Landes. Und wer in den eigenen vier Wänden lebt, fühlt sich wohler als ein Mieter, weil er das Gefühl hat, mehr erreicht zu haben und mehr entscheiden zu können – so sagt es die Sozialforschung.

Um das Leben auf dem Lande noch etwas mehr zu dekonstruieren: »Das Land« gibt es gar nicht. Zwei Kategorien von Land sind zu unterscheiden, das Land in der Nähe einer Großstadt und das großstadtfern gelegene Land.

Stadt-Land sieht anders aus als Land-Land und fühlt sich anders an. Stadt-Land ist Umland, man hat es nicht weit zum Arzt, zur Buchhandlung, zu anspruchsvollen Kulturangeboten. Man arbeitet in der Stadt, es fahren Busse und Züge. Die meisten Pendler nehmen allerdings das Auto. Sie erzeugen einen großen Teil jenes Lärms und jener Abgase, denen die Stadtbewohner gern entfliehen würden. Insofern verstärkt die Suburbanisierung sich selbst: Je mehr Autos vom Lande sich in der Stadt stauen, desto mehr Städter wünschen sich aufs Land.

Untersucht man die Motive der Suburbaniten, warum sie im Speckgürtel statt in der City leben, dann ist das Leben im Grünen auch nicht der wichtigste Grund, sondern der erschwinglichere Wohnraum. So ziehen vor allem junge Familien raus. Was sie das Pendeln an Zeit, Kraft und Geld kostet, kalkulieren sie oft nicht ein.

Auf dem Land-Land herrschen andere Verhältnisse. Hier fahren kaum Züge und Busse. Alle nehmen das Auto. Wer Glück hat, fährt damit zur Arbeit. Viele haben keine Arbeit. Kleine Dörfer im Nirgendwo Mecklenburgs oder an der polnischen Grenze haben keinen Dorfkrug mehr, keinen Laden, keine Schule. Kinder sind rar auf dem Land-Land, Schüler sind Fahrschüler. Jugendliche, die etwas werden wollen, ziehen zur Ausbildung in die Metropole; kaum einer kehrt wieder.

 

Ärzte wollen nicht aufs Land-Land, weil es dort kaum noch Kollegen gibt, und wenn man also hinzöge, hätte man ständig Notdienst. Haben Ärzte Kinder, wollen sie besondere Bildungsangebote, beim Musikunterricht angefangen, die es am Ort nicht oder nicht mehr gibt und die also ständige Fahrerei erzwingen.

Den Patienten geht es nicht besser: In manchen Winkeln des Landes kann man sich zum Termin beim nächsten Facharzt gleich eine Hotelübernachtung buchen, weil Hin- und Rückfahrt samt Behandlung an einem Tag nicht zu schaffen sind.

Eine nordfriesische Warftbewohnerin schrieb in unseren Fragebogen: »Wenn ich alt bin, möchte ich in der Stadt leben, um nicht immer den Rollator in den Kofferraum wuppen zu müssen.«

Das Altwerden auf dem Land hat seine Tücken, wenn man pflegebedürftig wird. »In der Stadt ist die Hilfe formell und professionell«, sagt Andrea Weskamm vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe. »Auf dem Dorf hilft man sich informell in der Familie und in der Nachbarschaft.« Das klingt schön, nicht so anonym, aber wehe, die Alten gehen auf die neunzig zu und die Jungen auf die siebzig, »da sind die schnell am Rand ihrer Kraft«. Heime sind dünn gesät, also oft weiter weg; wenn eines eröffnet wird, ist es gleich voll belegt, in der Branche spricht man vom »Heimsog«. Auf dem Lande gelten die Alten also nicht unbedingt mehr als in der Stadt, sie profitieren bloß vom Mangel an Infrastruktur.

Die hausärztliche Versorgung auf dem Land-Land wird zusehends schlechter. In dünn besiedelten Ecken von Hessen, Mecklenburg und Brandenburg landet schon jetzt der Hubschrauber, wenn die Oma keine Luft mehr bekommt . Die Berufsverbände der Pflegekräfte denken über mobile Angebote nach, die den Landarzt teilweise ersetzen könnten, allerdings vom Gesetzgeber zugelassen werden müssten. Zum Beispiel könnte das 25. Rezept über dasselbe Medikament dann auch vom Pfleger ausgestellt werden. Und sollte einmal ärztlicher Rat gefragt sein, etwa wegen einer unklaren Hauterkrankung, dann stellen sie mit Laptop und Videokamera eine Liveschaltung vom Hof zur Facharztpraxis her – die Satellitenschüssel haben sie im Auto, denn schnelles, kabelgebundenes Internet gibt es auf dem flachen Land ja kaum.

Schnelles Internet für Ferien auf dem Bauernhof

Apropos Internet. Während die Städter dem Erreichbarkeitswahnsinn entkommen wollen, sehnt man sich auf dem Land nach Anschluss ans weltweite Netz. Der Breitbandatlas des Bundeswirtschaftsministeriums verzeichnet noch zigtausend »weiße Flecken« mit einer Übertragungsrate von weniger als einem Megabyte pro Sekunde. Nicht nur, dass man dort kein Kino hat – man hat auch kein YouTube, denn wer schaut schon gern Geruckel. In der Stadt erreicht man das 50-fache Tempo.

Seit Anfang April bietet die Deutsche Telekom eine neue, funkgestützte Verbindung an, LTE. Damit kommt man immerhin auf drei Megabyte pro Sekunde. Der Bauernverband drängt in Berlin auf Verkabelung. Geplant ist ein modernes, bundesweites Buchungssystem für Ferien auf dem Bauernhof, das im Juni starten soll: landsichten.de – dafür braucht es aber schnelles Internet.

Vordenker haben einen Kuhhandel ausgeheckt: Die Energieversorger wollen 3600 Kilometer neuer Leitungen quer durch die Republik ziehen, um den Windstrom von der Küste in die industriellen Zentren zu leiten. Die Bauern verhelfen den Konzernen zu den nötigen Trassen, wenn die im Gegenzug Datenkabel verlegen. Das Problem der Internetversorgung ist allerdings jetzt schon: Datenkabel können vom Verteiler bis zum Haus aus technischen Gründen höchstens drei Kilometer lang sein – die Infrastruktur wäre in dünn besiedelten Gegenden nur schwer zu finanzieren.

Nimmt man all diese Aspekte zusammen, so bereitet Land-Land dem Städter möglicherweise mehr Frust als Lust. Stadt-Land dagegen ist nicht richtig Land. Sollten sich Städter am Ende in der Stadt am wohlsten fühlen?

Hinweise darauf gibt es. Nach einer Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung haben 40 von 77 deutschen Großstädten zwischen 2002 und 2007 Einwohner hinzugewonnen. In München gibt es neuerdings sogar mehr Geburten als Sterbefälle.

Man lebt zwischen Gleichgesinnten, um Kultur und Vielfalt zu genießen, hat gute Schulen, gute Ärzte, gut sortierte Ökosupermärkte, in jedem Lokal gibt es die auf dem Lande weithin unbekannte Rhabarbersaftschorle, und vor allem: Man braucht kein Auto.

Wenn sich der Trend manifestieren sollte, ziehen bestimmt bald die ersten Bauern in die großen Städte. Sie können in Baulücken mit Eimer und Schaufel Anfängerkurse in Urban Farming geben. Nach Feierabend tanzen sie in weltbekannten Klubs zu anatolischem Funk oder zu Alpen-Techno. Und die Schlauesten unter ihnen werfen ein neues Heft auf den Wochenmarkt: StadtLuft – Macht das Landei frei!

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