Buchauszug Die Liebe von gestern
Was lernt ein Mann, wenn er drei Frauen wiedertrifft, die ihm einmal sehr viel bedeutet haben? Ein Auszug aus dem Buch "Erstmal für immer - Wie wir die Liebe neu erfinden" des ZEITmagazin-Beraters Matthias Kalle.
A. war immer da, sie begleitete mich von der fünften Klasse bis zum Abitur, aber nie waren wir ein Paar. Wir haben uns geküsst – manchmal waren wir dabei betrunken, manchmal nicht–, und als wir die Stadt, in der wir lebten, verließen, in unterschiedliche Richtungen, war unsere Geschichte vorbei – aber was war das eigentlich für eine Geschichte?
Wir begrüßen uns, wie sich alte Freunde begrüßen. Ich stehe in einer Hamburger Altbauwohnung, A. hat sie gekauft, 110 Quadratmeter alternative Bürgerlichkeit. Hier lebt A. mit ihren drei Kindern und ihrem Mann, einem Regisseur. A. hat, soweit ich das beurteilen kann, Karriere gemacht, sie ist Geschäftsführerin einer Kultureinrichtung, davor hat sie am Theater gearbeitet.
Wir sitzen im Wohnzimmer, ich frage sie nach der ersten großen Liebe ihres Lebens, und sie sagt, das sei Peter gewesen. Peter? Ich erinnere mich an keinen Peter – kann es sein, dass meine Erinnerungen mich getäuscht haben? Endete unsere gemeinsame Beziehungsbiografie früher, als ich dachte?

Jahrgang 1975, ist Journalist und Berater für das ZEITmagazin. Er ist Gewinner des Axel-Springer-Preises und hat das Magazin Neon mitentwickelt. Seit 2008 schreibt er dort regelmäßig die Kolumne "Auf der Suche nach der Liebe". Er lebt mit Frau und Tochter in Berlin. Soeben erschien bei Droemer Knaur sein Buch "Erstmal für immer - Wie wir die Liebe neu erfinden".
Sie sagt, sie war 17 und ich sei schon immer sehr mit mir selbst beschäftigt gewesen. Sie überlegt kurz, sagt dann, dass es auch sein könne, dass ihre erste große Liebe Edmund gewesen sei, ein Engländer, den sie beim Schüleraustausch kennengelernt habe. Ich lache, weil Edmund in meiner Erinnerung ein blasser, hässlicher Junge mit Haaren wie ein Vogelnest ist. A. sagt, in England hätte ich auf einer Party zu ihr »du besoffenes Stück Scheiße« gesagt. Das habe ihr sehr wehgetan, lange noch. Sie macht mir keine Vorwürfe. Sie hat mir nie Vorwürfe gemacht.
Wir kannten uns schon über vier Jahre, als wir uns zum ersten Mal küssten. Es war Silvester 1989, wir haben mit Freunden in einer Scheune gefeiert. A. hatte einen Freund, einen älteren Jungen, der Mofa fuhr und nicht auf ein Gymnasium ging; am nächsten Tag rief dieser Freund meine Mutter an, ob sie wisse, was für einen unmöglichen Sohn sie habe – einen, der sich an Mädchen ranmache, die vergeben seien. Einen Tag später war ich mit A. verabredet. Wir hatten das Gefühl, dass wir reden müssten, aber es gab nichts zu reden. A. ging zurück zu ihrem Freund.
Sie fragt mich, ob ich noch einen Kaffee will. Sie geht in die Küche, und als sie zurückkommt, hat sie ein kleines Buch dabei. Ich erinnere mich daran, A. hatte es früher immer bei sich. Es ist ihr Tagebuch jener Jahre, sie sucht den Eintrag vom 1. Januar 1990. Sie liest still, lacht, schüttelt den Kopf.
»Was denn?«, frage ich. »Das kann ich dir nicht vorlesen«, sagt sie. »Bitte«, sage ich. »Na gut, diese eine Sache: Ich habe mit Matthias rumgeknutscht, und ich fühle mich schlecht, weil ich H. betrogen habe. Vielleicht fühle ich mich auch nur schlecht, weil Matthias viel besser zu mir passt. Aber ich habe Angst vor seinen Launen.«
»Waren wir deshalb nie ein Paar?«, frage ich. »Ja. Vielleicht«, antwortet A. »Deine Männer – was eint sie?«, frage ich sie. Sie antwortet: »Ich habe mich eigentlich immer in die Troublemaker verliebt. Ich hatte immer diesen Hang zur Unmöglichkeit.« Ich sage, ein bisschen enttäuscht: »Ich war auch ein Troublemaker! Mit mir wäre es auch unmöglich gewesen!« Sie lächelt mich an, dann sagt sie: »Den Trouble hattest du immer nur mit dir selbst, den hast du nicht geteilt mit den anderen. Mit mir auch nicht.«
Ich frage: »Wenn du der Zeit, die wir zusammen erlebt haben, eine Überschrift geben müsstest, ein Motto – wie würde das lauten?«
Sie überlegt nicht, sie kennt die Antwort schon lange: »Eigentlich wollte ich die ganze Zeit immer nur knutschen. Egal mit wem.« Ich frage: »Was glaubst du, was ich wollte?« Sie sagt: »Du wusstest nicht, was du wolltest. Du wusstest nicht einmal, ob du alles willst oder vielleicht doch lieber gar nichts.«
Niemand kannte mich in dieser Zeit besser als A. Sie verstand mich, obwohl sie mich nie verstehen wollte. Sie wollte nie verstehen, dass ich verliebt war in D., ihre beste Freundin, die schön war, geheimnisvoll, nicht erreichbar. D. brach mein Herz in der sechsten Klasse. A. schaute sich das alles an. Ich ging ihr auf die Nerven, und sie hielt es aus.
Und heute? A.s Leben hat nichts mehr mit jener Zeit zu tun. »Manchmal träume ich, ich wäre bei einem der früheren Männer geblieben. Dann wache ich auf und denke: Oh Gott! Aber wenn ich dann neben mich schaue, sehe ich, dass ich alles richtig gemacht habe.«
- Datum 03.06.2011 - 16:14 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 1.6.2011 Nr. 23
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Sehr schön geschrieben.
Ich schließe mich dem Lob meines Vorposters an. Sehr guter Text.
Ich freue mich auf das Buch!
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