Das kann man so nicht sagen. Eigentlich sind alle Parteien der Unterwanderung durch die Mafia ausgesetzt. Und das ist nur logisch, wenn man bedenkt, dass wir eben keine klare Trennlinie zwischen Mafia und Gesellschaft ziehen können. Wenn die Mafia aber Teil der Gesellschaft ist, so bleibt sie selbstverständlich auch bei den Parteien nicht außen vor.

Im Ausland wird das oft nicht verstanden, stattdessen sucht man für das Problem »Parteien und Mafia« eine ideologische Erklärung. Man weiß eben zu wenig über die vielen Stadt- und Gemeinderäte, die in Süditalien wegen »Mafia-Unterwanderung« per Gesetz aufgelöst und von einem Regierungskommissar ersetzt werden – und das trifft linke wie rechte Gemeinderäte. Im Ausland geht man vielfach davon aus, dass die Linke die Legalität verkörpert. Andererseits scheint es eine ziemlich bizarre Vorstellung zu sein, dass die Rechte stärker nach dem Geschmack der Mafiosi ist. Es müssten doch eigentlich die konservativen Parteien für Law and Order stehen – während die Linke außerhalb von Italien eher kritisch ist gegenüber der Polizei. Aber man kann die Welt ohnehin nicht so einfach in Schwarz und Weiß teilen, sodass die Linke per se die Antimafia darstellt, während nur die Berlusconianer die Verbindungen zur »Ehrenwerten Gesellschaft« pflegen.

Nein, so ist es nicht. Keine Partei ist vor Unterwanderung geschützt. Meine Jugendjahre in der Region Kampanien bei Neapel habe ich unter einer linken Regionalregierung verbracht, die geradezu verpestet war von der Camorra. Die Linken in der Provinzverwaltung waren bis zum Hals verstrickt in ihre Verbindungen zum Organisierten Verbrechen. Genau wie manche Männer aus dem Berlusconi-Lager. Gerade wird gegen den sogenannten Regionalkoordinator der Berlusconi-Partei »Volk der Freiheit« wegen angeblicher Machenschaften mit der Camorra ermittelt. Es geht um die Geschäfte der neapolitanischen Mafia mit dem Müll, einen sehr schwerwiegenden Vorwurf. Aber dieser Politiker denkt gar nicht daran, zurückzutreten.

Lassen Sie mich diese These wagen: Wenn eine Partei öffentlich beteuert, gegen die Einflüsterungen der Mafia immun zu sein, dann ist sie sicherlich das vorderste Ziel mafiöser Unterwanderung. Als vor fünf Jahren die linke Mitte die Parlamentswahlen gewann, versuchte die Camorra sogar, die kommunistische Partei Rifondazione Comunista zu unterwandern. Die Kommunisten waren gegen italienische Militäreinsätze im Ausland und für die Homosexuellenehe. Und so absurd das klingt: Genau diese Programmpunkte zogen die Camorra geradezu magisch an. Es handelte sich um ein perfektes Ablenkungsmanöver – endlich ging es einmal nicht um die ökonomischen Probleme Süditaliens und um den Einfluss des Organisierten Verbrechens auf die regionale Wirtschaft. Der Mafia ist natürlich der politische Streit um die Homosexuellenehe, die künstliche Befruchtung oder die Patientenverfügung vollkommen egal. Diese Themen interessieren bei uns höchstens die katholische Bischofskonferenz, aber ganz sicher nicht die Bosse des Organisierten Verbrechens.

Wobei innerhalb der Organisation alles verboten ist. Die Mafia bestraft Homosexualität, wie sie Drogenkonsum in den eigenen Reihen bestraft. Innerhalb der Organisationen ’Ndrangheta oder Camorra ist beispielsweise der Konsum von Kokain strengstens untersagt. In meiner Heimat schlagen sie dich halb tot, wenn sie dich mit Koks erwischen – ganz abgesehen davon, dass Kokain als »Stoff für Schwuchteln« verschrien ist, als Sexdroge, die echte Männer nicht benötigen. Die Camorra versorgt ganz Italien mit Kokain – aber die Camorristi dürfen das Zeug nicht schnupfen, weil das unmännlich ist, vor allem aber gegen die Disziplin.

Die Mafia kann also homophob und autoritär sein – aber wenn es darum geht, eine Partei zu unterwandern, lässt sie sich nicht von Ideologien oder Überzeugungen bestimmen. Was zählt, sind die Gewinnchancen der Partei, ihre Aussicht auf Macht. Im Fall der versuchten Unterwanderung von Rifondazione Comunista tarnten sich die Camorristi als Ökounternehmer. Sie wurden zum Glück entlarvt.

Auch die in Italien ziemlich unbedeutende Partei der Grünen vertrat unfreiwillig die Interessen der Camorra: Ihr Einsatz gegen neue Müllkippen in Kampanien kam der Camorra sehr entgegen. Denn die Camorra wollte keine Kippen, die nicht von ihren Strohmännern verwaltet wurden. Neue Kippen hätten bedeutet, dass der Müll ohne die Erlaubnis der Bosse von den Straßen transportiert worden wäre und dass also das Geschäft um den Abfall der Camorra entglitten wäre. Je mehr Abfall und je weniger Kippen es gibt, desto mehr kann die Camorra verdienen. Deshalb konnten sogar die Grünen mit ihrer kleinen Umweltschützerpartei der Camorra als nützlich erscheinen.