ItalienGibt es eine Mafia-Partei?

Italien ist uns fremd geworden. Eine Serie zur Erklärung eines rätselhaften Landes. von Roberto Saviano

Frühjahr 1948: Italienische Arbeiter sitzen vor einem Wahlplakat.

Frühjahr 1948: Italienische Arbeiter sitzen vor einem Wahlplakat.  |  © Kurt Hutton/Picture Post/Getty Images

Das kann man so nicht sagen. Eigentlich sind alle Parteien der Unterwanderung durch die Mafia ausgesetzt. Und das ist nur logisch, wenn man bedenkt, dass wir eben keine klare Trennlinie zwischen Mafia und Gesellschaft ziehen können. Wenn die Mafia aber Teil der Gesellschaft ist, so bleibt sie selbstverständlich auch bei den Parteien nicht außen vor.

Im Ausland wird das oft nicht verstanden, stattdessen sucht man für das Problem »Parteien und Mafia« eine ideologische Erklärung. Man weiß eben zu wenig über die vielen Stadt- und Gemeinderäte, die in Süditalien wegen »Mafia-Unterwanderung« per Gesetz aufgelöst und von einem Regierungskommissar ersetzt werden – und das trifft linke wie rechte Gemeinderäte. Im Ausland geht man vielfach davon aus, dass die Linke die Legalität verkörpert. Andererseits scheint es eine ziemlich bizarre Vorstellung zu sein, dass die Rechte stärker nach dem Geschmack der Mafiosi ist. Es müssten doch eigentlich die konservativen Parteien für Law and Order stehen – während die Linke außerhalb von Italien eher kritisch ist gegenüber der Polizei. Aber man kann die Welt ohnehin nicht so einfach in Schwarz und Weiß teilen, sodass die Linke per se die Antimafia darstellt, während nur die Berlusconianer die Verbindungen zur »Ehrenwerten Gesellschaft« pflegen.

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Nein, so ist es nicht. Keine Partei ist vor Unterwanderung geschützt. Meine Jugendjahre in der Region Kampanien bei Neapel habe ich unter einer linken Regionalregierung verbracht, die geradezu verpestet war von der Camorra. Die Linken in der Provinzverwaltung waren bis zum Hals verstrickt in ihre Verbindungen zum Organisierten Verbrechen. Genau wie manche Männer aus dem Berlusconi-Lager. Gerade wird gegen den sogenannten Regionalkoordinator der Berlusconi-Partei »Volk der Freiheit« wegen angeblicher Machenschaften mit der Camorra ermittelt. Es geht um die Geschäfte der neapolitanischen Mafia mit dem Müll, einen sehr schwerwiegenden Vorwurf. Aber dieser Politiker denkt gar nicht daran, zurückzutreten.

Lassen Sie mich diese These wagen: Wenn eine Partei öffentlich beteuert, gegen die Einflüsterungen der Mafia immun zu sein, dann ist sie sicherlich das vorderste Ziel mafiöser Unterwanderung. Als vor fünf Jahren die linke Mitte die Parlamentswahlen gewann, versuchte die Camorra sogar, die kommunistische Partei Rifondazione Comunista zu unterwandern. Die Kommunisten waren gegen italienische Militäreinsätze im Ausland und für die Homosexuellenehe. Und so absurd das klingt: Genau diese Programmpunkte zogen die Camorra geradezu magisch an. Es handelte sich um ein perfektes Ablenkungsmanöver – endlich ging es einmal nicht um die ökonomischen Probleme Süditaliens und um den Einfluss des Organisierten Verbrechens auf die regionale Wirtschaft. Der Mafia ist natürlich der politische Streit um die Homosexuellenehe, die künstliche Befruchtung oder die Patientenverfügung vollkommen egal. Diese Themen interessieren bei uns höchstens die katholische Bischofskonferenz, aber ganz sicher nicht die Bosse des Organisierten Verbrechens.

Roberto Saviano
Roberto Saviano

geboren 1979, ist ein italienischer Autor und Journalist. In Gomorrha (2006) schrieb er über das organisierte Verbrechen und wird seitdem von der Mafia bedroht.

Wobei innerhalb der Organisation alles verboten ist. Die Mafia bestraft Homosexualität, wie sie Drogenkonsum in den eigenen Reihen bestraft. Innerhalb der Organisationen ’Ndrangheta oder Camorra ist beispielsweise der Konsum von Kokain strengstens untersagt. In meiner Heimat schlagen sie dich halb tot, wenn sie dich mit Koks erwischen – ganz abgesehen davon, dass Kokain als »Stoff für Schwuchteln« verschrien ist, als Sexdroge, die echte Männer nicht benötigen. Die Camorra versorgt ganz Italien mit Kokain – aber die Camorristi dürfen das Zeug nicht schnupfen, weil das unmännlich ist, vor allem aber gegen die Disziplin.

Die Mafia kann also homophob und autoritär sein – aber wenn es darum geht, eine Partei zu unterwandern, lässt sie sich nicht von Ideologien oder Überzeugungen bestimmen. Was zählt, sind die Gewinnchancen der Partei, ihre Aussicht auf Macht. Im Fall der versuchten Unterwanderung von Rifondazione Comunista tarnten sich die Camorristi als Ökounternehmer. Sie wurden zum Glück entlarvt.

Auch die in Italien ziemlich unbedeutende Partei der Grünen vertrat unfreiwillig die Interessen der Camorra: Ihr Einsatz gegen neue Müllkippen in Kampanien kam der Camorra sehr entgegen. Denn die Camorra wollte keine Kippen, die nicht von ihren Strohmännern verwaltet wurden. Neue Kippen hätten bedeutet, dass der Müll ohne die Erlaubnis der Bosse von den Straßen transportiert worden wäre und dass also das Geschäft um den Abfall der Camorra entglitten wäre. Je mehr Abfall und je weniger Kippen es gibt, desto mehr kann die Camorra verdienen. Deshalb konnten sogar die Grünen mit ihrer kleinen Umweltschützerpartei der Camorra als nützlich erscheinen.

Leserkommentare
    • Nero11
    • 03. Juni 2011 17:46 Uhr

    Dort herrscht leider die Einstellung, dass Ehrlichkeit gleich Dummheit und Naivität ist. Diese Einstellung ist der Nährboden für Verbrechen. Ein anderes Problem ist die Toleranz gegenüber verbrecherischem Verhalten.

    Dort muss sich was ändern. Es muss von ganz unten anfangen, nicht von oben. Oben ist nur, was von unten hochkrabbelt.

  1. wir sollten uns kein Urteil über andere Nationen anmaßen. Korruption ist in Deutschland nicht weniger verbreitet als in Italien. Und die "christlichen" Parteien erhalten für ihr mafiös geführten schwarzen Kassen die gleiche gesellschaftliche Anerkennung wie die Cosa Nostra in Italien. Ich empfehle da jedem die Dokumentation auf Arte zum Thema Korruption unter Adenauer im Zusammenhang mit der Wiederbewaffnung der Bundeswehr oder die Panzergeschäfte unter Strauss und die schwarzen Kassen Helmut Kohls. Auch bei diesen Korruptionsaffären wurden Menschen "zum Schweigen gebracht" und eleminiert.
    Und ist Kohl ob dieser Korruption geächtet? Im Gegenteil. Die Italiener wählen ihre Mafiosis in die Regierung - wir aber erst recht - so what?

    2 Leserempfehlungen
  2. Ich will die Mafia sicher nicht verharmlosen. Allerdings denke ich, dass mittlerweile andere - großteils legale - Krebsgeschwüre noch mehr Anlass zur Sorge geben sollten. Und zwar in globalem Maßstab.
    Dafür bräuchten wir auch dringend einen Saviano, der uns das anschaulich erklärt.

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  3. Unterlasst es doch bitte solche unpassenden Vergleiche zu ziehen. Die extreme Unterwanderung des politischen Systems in Italien durch die Mafia lässt sich nicht mit den Spendenskandalen und dem Filz der CDU/CSU oder der SPD vergleichen.

    Natürlich waschen deutsche Politiker ihre Hände nicht in Unschuld, natürlich gibt es auch hier organisierte Kriminalität. Allerdings sollte man schon erkennen können, dass die Mafia in Italien ganz andere Dimensionen hat.
    Es gibt dort drei große Mafiaregionen, Neapel mit der Camorra, Sizillien und die Cosa Nostra und Kalabrien mit der Ndrangheta. Gibt es in Deutschland irgendeine Region, die sich mit einer eigenen Mafia "rühmen" kann?

    Ich habe Italien in meinem Leben einmal besucht und war von der dortigen Gesellschaft - vielleicht eher von der Lebensart - sehr angetan und es macht mich traurig, dass Italien unter dieser Pest zu leiden hat. Das Organisierte Verbrechen ist nun schon seit 200 Jahren Teil der italienischen Geschichte, hoffen wir, dass es nicht noch ein Jahrhundert wird.

    Meinen Dank an den Übersetzer und den Autor, der immer wieder mit scharfen Analysen über die Mafia zu glänzen vermag

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    Bei uns gibt es halt eben den Lobbyismus und die CDU, die fuer das noetige Mass an Korruption sorgen. Die Organisationsstruktur mag ein wenig anders aussehen als in Italien, der qualitative Unterschied ist marginal. Der einzige Unterschied zu Italien scheint zu sein, dass die Italiener die Realität bereits erkannt haben und sich damit arragieren. Hierzulande gibt es aber noch immer zahlreiche Menschen, die die Dimensionen der negativen Auswirkungen der Verflechungen von Wirtschaft und Politik herunterspielen oder nicht erkennen wollen oder können.
    Ich würde gar so weit gehen und sagen, die Korruption in Deutschland ist schlimmer als in Italien. Das industriestrukturbedinge wirtschaftliche Gewicht Deutschlands ist sehr gross und besitzt mithin auch eine grosse Sprengkraft. Betrachtet man mal gerade die Gelder die unsere Zentralmafia CDU über den Umweg Griechenland an die Banken weiterleitet und bedenkt die Folgen dieser Umverteilung für In- und Ausland, werden Dimensionen erreicht bei denen sich die italienischen Mafiaorganisationen, ihrer relativen Nichtigkeit wegen, beschämt in die Ecke stellen würden.

  4. <em>Gibt es in Deutschland irgendeine Region, die sich mit einer eigenen Mafia "rühmen" kann?</em>

    Die Ndrangheta ist in Deutschland auf jeden Fall aktiv und dürfte auch in Stuttgart 21 verwickelt sein - jedenfalls ist diese Region eine Hochburg, die auch Kontakte zu Herrn Oettinger hatte, wie man in den Medien lesen durfte.

    Die diversen Clans (auch die vergleichbaren osteuropäischen Stämme) haben sich Deutschland schon gut aufgeteilt.

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  5. Bei uns gibt es halt eben den Lobbyismus und die CDU, die fuer das noetige Mass an Korruption sorgen. Die Organisationsstruktur mag ein wenig anders aussehen als in Italien, der qualitative Unterschied ist marginal. Der einzige Unterschied zu Italien scheint zu sein, dass die Italiener die Realität bereits erkannt haben und sich damit arragieren. Hierzulande gibt es aber noch immer zahlreiche Menschen, die die Dimensionen der negativen Auswirkungen der Verflechungen von Wirtschaft und Politik herunterspielen oder nicht erkennen wollen oder können.
    Ich würde gar so weit gehen und sagen, die Korruption in Deutschland ist schlimmer als in Italien. Das industriestrukturbedinge wirtschaftliche Gewicht Deutschlands ist sehr gross und besitzt mithin auch eine grosse Sprengkraft. Betrachtet man mal gerade die Gelder die unsere Zentralmafia CDU über den Umweg Griechenland an die Banken weiterleitet und bedenkt die Folgen dieser Umverteilung für In- und Ausland, werden Dimensionen erreicht bei denen sich die italienischen Mafiaorganisationen, ihrer relativen Nichtigkeit wegen, beschämt in die Ecke stellen würden.

    Antwort auf "Nicht schon wieder...."

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