Ich stieß auf einen Text des Autors Mathias Greffrath, er trug den Titel Müssen wir uns Bill Gates als einen glücklichen Menschen vorstellen?. Zufällig hatte ich an dem Tag auf den Webseiten der Berliner Freien Universität gesurft. Dort wird gefragt: »Müssen wir uns den Bachelor als einen glücklichen Menschen vorstellen?« Dann wollte ich die ZEIT lesen, einen Artikel zum Thema »Wie man in Deutschland arbeitet«. Der erste Satz lautete: »Man muss sich Herrn Ruggaber als einen glücklichen Menschen vorstellen.« Herrn Ruggaber? Muss man das?

Ich schlug einen anderen Artikel auf, er ging so: »Man muss sich Martina Weyrauch als einen glücklichen Menschen vorstellen.« Martina Weyrauch ist Leiterin der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung. Auf ZEIT ONLINE schreiben sie i n einer Filmkritik : »Wir müssen uns den Zombie als einen glücklichen Menschen vorstellen.«

Sind Zombies überhaupt Menschen? Vielleicht kann man es so sehen. Jesus ist ja auch kein Mensch wie du und ich, und Dr. Peter Kottlarz sagt auf der Seite »Kirche im SWR«: »Ich kann mir Jesus nur als glücklichen Menschen vorstellen.« Theologisch ist das sicher nicht ganz unumstritten. Nur so? Hat Jesus denn nicht unendlich viele Facetten? Da fiel mir der Musiker und Autor Peter Licht ein, Träger des Ingeborg-Bachmann-Preises und berühmt dafür, dass er sich niemals öffentlich zeigt. Peter Licht hat seine Lebensphilosophie in dem Satz zusammengefasst: »Man muss sich den Melancholiker als glücklichen Menschen vorstellen.« Muss man sich den Melancholiker also genau so vorstellen wie einen Zombie und wie Jesus? Und wie Herrn Ruggaber? Dann gibt es auch noch die Süddeutsche Zeitung , die über die Lieblings-Fernsehserie meines Sohnes folgende zusammenfassende Wertung veröffentlicht hat: »Wir müssen uns Homer Simpson als einen glücklichen Menschen vorstellen.«

Ich kann mir die nicht alle als glückliche Menschen vorstellen, es sind einfach zu viele. Müssen, müssen, müssen. Ich wähle die Freiheit. Deswegen finde ich es schon irgendwie besser, wie die Berliner Zeitung es macht: »Man darf sich einen Skateboardfahrer, der 800 Quadratmeter Granitplatten besitzt, als einen glücklichen Menschen vorstellen.« Man darf – man muss nicht! Und in der Frankfurter Rundschau kann man studieren, wie ein einziges relativierendes Wörtlein, ein »wohl«, dem Satz einiges an Schärfe nimmt: »Die Betreiber autonomer Frittenbuden muss man sich wohl als glückliche Menschen vorstellen.« Was ich dann fast schon ein bisschen originell fand, war das Programmheft des Frankfurter Schauspiels zur Inszenierung von Salomé: »Wir müssen uns Herodes nicht als einen glücklichen Menschen vorstellen.« Da kann man sich immerhin vorstellen, wie ein Seufzer der Erleichterung durch den Theatersaal geht. Es machen jetzt auch schon Privatleute mit. Auf der Homepage des Übersetzers Dr. Dieter Ständel heißt das Motto: »Man darf sich Dieter Ständel als glücklichen Menschen vorstellen.«

Falls man sich entschlösse, Albert Camus, dem Erfinder des Satzes »Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen«, dieses Satzes, der sich in eine Landplage und in eine ansteckende Krankheit verwandelt hat, posthum den Nobelpreis abzuerkennen, mit der Begründung, dass Camus Sisyphos niemals mit eigenen Augen gesehen hat und nur vom Hörensagen kennt, dann würde ich das schade finden, weil Camus nichts dafür kann, wie oft er zitiert wird, aber ich würde auch nicht protestieren, Hauptsache, es nützt was.

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