Kriegsverbrechen: Meister des Todes
Mit dem Kriegsverbrecher in der Kirche und mit seinem Cousin beim Sliwowitz: Meine Erlebnisse mit Ratko Mladić.
Im Sommer 1995 sah ich Ratko Mladić in der Kirche von Bijeljina beten. Es war der 28.Juni, Vidovdan, der serbische Nationalfeiertag. Ich hatte im hinteren Teil der überfüllten Kirche einen Platz ergattern können und drängte mich, so gut es ging, nach vorne. Mladić kam gemeinsam mit Radovan Karadžić, dem Präsidenten der international nicht anerkannten bosnisch-serbischen Republik. Ich hatte sie zunächst nicht bemerkt; erst als ein Raunen durch die Menge ging, sah ich, dass sie nur wenige Meter von mir entfernt in Richtung Altar gingen. Mladić wirkte klein und bullig neben dem hoch aufgeschossenen Karadžić. Es war ein heißer Tag. Mladić hatte ein auffällig gerötetes Gesicht. Karadžićs Haarmähne wippte wie der Kamm eines stolzen Hahns. Die beiden nahmen Plätze in der ersten Reihe ein, wo Popen, Offiziere und Politiker auf sie warteten. Sie begrüßten jeden einzelnen mit Handschlag. Dann küssten sie die serbische Fahne. Schließlich setzten sie sich. Es wurde vollkommen still in der Kirche. Ein Frau trat an ein Rednerpult. Sie trug Schwarz, ihr Gesicht war sehr bleich. Sie blickte schweigend auf die versammelte Gemeinde, dann begann sie ein Gedicht vorzutragen. Sie war Schauspielerin und beherrschte die Kunst der Rezitation. Das Gedicht handelte von der Schlacht am Amselfeld im Jahr 1389, die die Serben gegen die Türken verloren. Danach begann das, was die serbischen Nationalisten als Fremdherrschaft bezeichnen – fünf Jahrhunderte sollte sie dauern.
Je länger die Schauspielerin rezitierte, desto mehr formte sie das Gedicht in ein Klagelied um. Ihre Stimme klang beklemmend düster. Im Hause Gottes rief sie die Toten an. Sie erweckte sie zum Leben. Durch die Menge hindurch gelang es mir, ab und zu einen Blick auf Mladić zu werfen. Er hörte scheinbar unbewegt zu.
Mladić hatte sich damals bereits einen furchterregenden Ruf erworben . Seit Ausbruch des Krieges im April 1992 hatte er mit seiner Soldateska drei Viertel des bosnischen Staatsterritoriums unter seine Kontrolle gebracht. Hunderttausende Bosnjaken waren vertrieben, Zehntausende ermordet worden. Sarajevo wurde belagert, und serbische Heckenschützen schossen dort auf alles, was sich bewegte. Auf Männer, Frauen, Kinder. Es gab die sogenannten bosnischen Enklaven wie Goražde und Srebrenica – unglückliche Städte, deren einziges Glück es war, dass der General noch nicht den Befehl gegeben hatte, sie zu stürmen.
Die Menge umringte ihn wie einen Popstar – oder einen Erlöser
Als ich ihn in Bijeljina beten sah, war Mladić der Feldherr des Bösen. Doch dass er ein wahrer Meister des Todes war, würde er erst elf Tage nach dieser Messe zeigen. Am 7. Juli gab er seinen Soldaten den Befehl, Srebrenica zu erobern. Aber schon an diesem Tag in Bijeljina war Mladić vom Tod umweht. Der Tod lag in der Stimme der Schauspielerin, und er war draußen in den Straßen von Bijeljina. Seine dichte, schwarze Präsenz raubte einem den Atem.
Nach der Messe ging Mladić als einer der Ersten aus der Kirche. Ich konnte ihn kaum erkennen, denn eine Menschenmenge drängte sich um ihn wie um einen Popstar oder einen Gesandten Gottes. Er stieg in einen Wagen und fuhr tiefer hinein in das bosnische Land, das er in wenigen Tagen mit dem Blut der Tausenden Männer von Srebrenica tränken würde.
Ich ging durch die Straßen von Bijeljina und fragte nach den muslimischen Bewohnern der Stadt. Die wenigen, die Antwort gaben, sagten: »Sie sind alle geflohen, freiwillig.« Niemand habe sie vertrieben. Im Gegenteil, man habe das beste Verhältnis zu den muslimischen Mitbewohnern gehabt, doch leider fehle denen das Vertrauen in die neue Ordnung. Bijeljina war von gespenstischer Reinheit.
Ich fuhr noch am selben Tag weiter, in ein hässliches Kaff namens Pale, das die Führung der bosnischen Serben zur Hauptstadt ihrer Republik ernannt hatte. Dort interviewte ich Vertreter dieser Führung. Ich hörte mir ihre Lügen an. Manches schrieb ich nieder, weil ich die Lügen nicht durchschaute. Ich hatte diese Reise unternommen, um die serbische Seite zu verstehen. Ich hatte noch nicht begriffen: Es gab das Böse in der Welt. Ich war ein Kind Nachkriegseuropas. Ein Kind dieses Kontinents, der zu wissen glaubte, was Krieg ist, weil die Väter die schrecklichsten aller Kriege geführt hatten, und ihn deshalb aus tiefstem Herzen verabscheute. Dass einer morden ließ, nur um zu morden, dass einer Tausende aus Rache töten konnte, das vermochte ich nicht zu glauben. Auch darum konnten Männer wie Mladić mitten in Europa so lange ungestraft wüten.





zu sehen wie die Verehrer und Unterstuetzer solcher Ueberzeugungsverbrecher sich keinesfalls daran stoeren, wenn ihre Helden sich als Feiglinge und prinzipienlose Kriminelle erweisen, indem sie am Ende nicht zu ihren Taten und Ueberzeugungen stehen, sondern sich versuchen mit schaebigen Luegen und albernen Ausreden aus der Verantwortung zu stehlen.
Ich betrachte solche Helden als feiges, kriminelles Gesindel .
Hitler befahl, die Beteiligten des 20. Juli an Fleischerhaken aufzuhängen. Die Verurteilten von Nürnberg endeten an einem "ordentlichen" Galgen.
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