Ohne den Bürger, heißt es neuerdings überall, wird die Energiewende nicht funktionieren: Der Bürger müsse "mitgenommen" und "beteiligt", seine Kompetenzen müssten gesteigert und demokratische Rechte geachtet werden, wenn es um den Bau von Windrädern, von Stromleitungen oder von Kraftwerksblöcken geht.

Schöne Idee. Nur ist der Bürger, insbesondere in seiner Ausprägung als Demonstrant und Protestler, mitunter ein etwas sperriges Wesen, das gar nicht mitgenommen werden möchte. Das erfährt gerade die deutsche Tochter des amerikanischen Konzerns ExxonMobil. Vergangenen Freitag lud das Unternehmen in einen Tagungssaal in Münster zu einer öffentlichen Veranstaltung, in der es um seine umstrittene Suche nach Erdgas in Deutschland ging. Eine Handvoll Wissenschaftler mühte sich redlich um Aufklärung. Draußen aber, am Münsteraner Prinzipalmarkt, protestierten die Bürgerinitiativen – gegen das Unternehmen und gegen die Wissenschaftler. Trillerpfeifen, Plakate, Transparente und ein Megafon, alles war da, was zu einer guten Demo gehört.

Wie einige andere Unternehmen aus dem In- und Ausland möchte ExxonMobil in Deutschland sogenanntes "unkonventionelles" Gas fördern, das sich in Ton oder Sandstein und in Kohleflözen verbirgt und das nur mit dem sogenannten Fracking-Verfahren an die Erdoberfläche gebracht werden kann. Beim Fracking wird sehr viel Wasser und viel Chemie unter die Erde gepumpt, und damit werden im Untergrund lange Risse ins Gestein gesprengt. Dass diese Methode große Umweltschäden anrichten könnte, ist eine verständliche Sorge. Sie treibt nicht nur deutsche Bürger um: Im französischen Parlament wird über ein Fracking-Verbot diskutiert, in den USA wurde ein Dokumentarfilm zum Thema für den Oscar nominiert.

ExxonMobil allerdings ist von der Methode überzeugt. Also hat das Unternehmen die Flucht nach vorn angetreten und will Fracking wissenschaftlich prüfen lassen. Und zwar ergebnisoffen: Wenn für Politik und Wissenschaft inakzeptable Restrisiken blieben, werde man auf weitere Bohrungen möglicherweise verzichten, heißt es aus der Firmenzentrale in Hannover.

Nun hat das Unternehmen, besonders in der Umweltszene, einen wahrscheinlich noch schlechteren Leumund als etwa der deutsche Atomkonzern RWE . Dass ExxonMobil sich die Untersuchung vorerst eine Million Euro kosten lässt, dürfte nicht zu seinem Vorteil ausgelegt werden, sondern eher noch mehr Misstrauen erzeugen. Aber muss es dieses Misstrauen auch gegenüber den an der Untersuchung beteiligten Wissenschaftlern geben? Eine Toxikologin beschäftigt sich mit der Gefährlichkeit der Chemikalien, die unter die Erde gepresst werden; Geologen beurteilen Gesteinsschichten in den Bohrgebieten; Biologen bewerten die Auswirkungen der Bohrungen auf das Trinkwasser; Risiko- und Störfallexperten sollen die technische Sicherheit überprüfen und Szenarien entwerfen, anhand derer entschieden wird, ob und mit welchem Risiko Gas mittels Fracking gefördert werden kann. Kurzum: Unter Leitung des Biologen Dietrich Borchardt vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Magdeburg hat sich eine Riege anerkannter Fachleute versammelt, die das Thema wahrscheinlich so umfassend untersucht wie bisher in Deutschland noch nicht geschehen. Keiner von ihnen, beteuern die Experten, habe jemals für die Energie- oder Bergbauindustrie gearbeitet. "Wir sind wirklich unabhängig", meint Borchardt, und es ist ihm anzusehen, dass sehr schon dieser Satz ihn nervt.

Auch werden die Ergebnisse der Untersuchungen ungekürzt und unzensiert auf einer eigenen Webseite veröffentlicht. Bürgerinitiativen und Vertreter der von den Bohrungen potenziell betroffenen Regionen können jederzeit Fragen stellen und an Fachkonferenzen teilnehmen. "Die Entscheidungsgrundlagen für alle Beteiligten sollen verbessert werden", sagt Borchardt: "Das Wissen wird vergrößert, die Risiken werden bewertet."

Allerdings sitzt das Misstrauen tief, das wurde auch im Konferenzsaal in Münster deutlich. Die Abgesandten von Kommunen, Behörden und Verbänden stellten kluge Fragen, die Kritiker des Gasbohrens waren wohl in der Überzahl. Er habe Zweifel, ob er wirklich klare Antworten bekomme, sagte der Baudezernent der Stadt Borken, in deren Einzugsgebiet mehrere potenzielle Bohrstellen liegen. Aber es sei gut, den Diskussionsprozess überhaupt zu haben, meinte der Dezernent noch: "Immerhin kommen alle Themen auf den Tisch."

Die Bürgerinitiativen machten es sich da einfacher. Sie lärmten am Prinzipalmarkt und taten die wissenschaftliche Untersuchung des Gasbohrens als Veranstaltung ab, in der es einzig darum gehe, Fracking zu legitimieren. Den vom Unternehmen angestoßenen Dialogprozess zwischen Wissenschaft und Bürgern nannten die Initiativen ExxonMobils "Feigenblatt". Das sei "durchaus verletzend", sagte drinnen im Tagungssaal der Geologe Martin Sauter. Das sei "überhaupt nicht schön", meinte Dietrich Borchardt.