Operngesang Vom Absturz der Windsbräute
An den Opernhäusern wird so viel Wagner gespielt wie nie zuvor. Aber nichts ist so schwer zu besetzen wie Brünnhilde im "Ring des Nibelungen". Nur wenige Sopranistinnen weltweit beherrschen die Partie auf hohem Niveau. Sie hetzen von Premiere zu Premiere – und machen sich kaputt. Ein Krankenbericht
Man möchte ihr Wadenwickel anlegen und Halsumschläge machen, ab ins Bett, Ruhe geben. Erschöpft erscheint Nina Stemme in Zürich zum Interview, die letzte Erkältung steht ihr noch ins Gesicht geschrieben. Die Stemme, wird behauptet, sei eigentlich immer krank, mehr oder weniger. Und das ist kein Wunder: Am Abend zuvor hat sie die Elisabeth in Wagners Tannhäuser gesungen, morgen geht es für zwei Tage nach Stockholm, wo die Familie lebt, danach wieder Zürich, wieder Tannhäuser, ein Liederabend, dann Wien, Wiederaufnahme-Premiere von Richard Strauss’ Ariadne auf Naxos. Und an einem freien Nachmittag wie diesem geht sie zwei Stunden korrepetieren, die Götterdämmerungs-Brünnhilde, mit der sie im Juni in San Francisco debütiert und die sie zur Eröffnung der Münchner Opernfestspiele 2012 singen wird. Wie ein Beil ragt der Klavierauszug aus ihrem Gepäck. »Eine gute Vorbereitungszeit ist meine Lebensversicherung«, betont die Schwedin. Im Wagner-Fach meint das zweieinhalb bis drei Jahre. Wadenwickel, Halsumschläge – verlorene Liebesmüh.
Warum treibt eine hochtalentierte, intelligente, strahlend erfolgreiche Frau solchen Raubbau an sich? Ihre Agentur gilt als seriös; beutet sie sie trotzdem aus? Sind Druck und Konkurrenz in der Branche so groß? Ist es Sucht? Euphorischer Schwindel im Hamsterrad? Wer in der internationalen Opernszene nach Richard Wagners »Weib der Zukunft« fahndet, nach der idealen Brünnhilde, lernt Pathologien kennen: Sängerinnen am Rande des Burn-outs, von Reflux-Beschwerden, chronischen Nebenhöhleninfekten und Stimmbandschwellungen gepeinigt, permanent die Angst vor dem Versagen im Nacken und vor den weißen Flecken im Fünfjahreskalender. »Man muss wissen, was man tut«, sagt Stemme. »Für meine Stimme bin ich allein verantwortlich.«
Noch nie stand der Wagnergesang so in Verruf wie im 21. Jahrhundert
Wer sich auf Brünnhilden-Suche macht, trifft auch viele Empörte und ehrlich Besorgte. Schließlich geht es nicht nur um die Überforderung der Stimmen, sondern auch um die Unterforderung des Materials, der Musik – und den Verlust eines Gedächtnisses. Noch nie stand der Wagnergesang so im Verruf wie im frühen 21. Jahrhundert. »Heute ist man hochdramatisch, wenn man schreit«, sagt der Pädagoge Josef Loibl. »Im Musiktheater wird die Musik kleingeschrieben und das Theater groß«, klagt der Agent Germinal Hilbert. Und Gwyneth Jones, die die Brünnhilde im legendären Bayreuther Chereau-Ring sang, warnt, man müsse bei den hochdramatischen Rollen sehr genau auf seine innere Stimme hören: »Weil heutzutage viele junge Sänger ins hochdramatische Fach gedrängt werden, ohne die nötige Erfahrung und Reife zu haben, werden sie verschlissen und anschließend wie alte Waschlappen weggeworfen. Wenn das so weitergeht, kann man die großen Opern von Wagner und Strauss nicht mehr spielen. Ich habe trotz vieler toller Angebote mehr als zwölf Jahre für meine erste Brünnhilde und 20 Jahre für meine erste Elektra gewartet, um zu wissen, wann ich bereit war.« Nur Nikolaus Bachler, der Intendant der Bayerischen Staatsoper, löckt ein wenig wider den Stachel: »Die ideale Brünnhilde ist die, für die man sich entscheidet. Das Perfekte gibt es nicht. Ich muss mich zu meiner Zeit bekennen und dazu, dass die Menschen heute eine andere Psyche und Physis haben als im 19. oder 20. Jahrhundert.«
Das klingt vernünftig. Was aber, wenn die Schere zwischen den zur Verfügung stehenden Kräften und Kapazitäten und den Anforderungen der Partitur immer weiter auseinandergeht, noch weiter? Wenn auf kränkelnde Sopranistinnen kranke folgen, frustrierte, ruinierte und bald keine mehr? Dann wäre Brünnhilde ein Menetekel: für unseren verheerenden Umgang mit Ressourcen, für unsere masochistische Lust am Verschleiß. Dass alle miteinander daran schuld sind und alles einsehen, ändert gar nichts. Das ist das Schlimmste.
In Buenos Aires, am traditionsreichen Teatro Colón, zieht man nun eine mögliche Konsequenz. Im Herbst 2012 soll sich hier über einer Instant-Version des Rings der Vorhang heben, Bayreuths Festspielchefin Katharina Wagner inszeniert höchstpersönlich, statt der berüchtigten 16 Stunden Spieldauer werden es bei ihr nur sieben sein – gerafft und kompakt an einem Abend. In diesem halben Ring wird Linda Watson die (halbe) Brünnhilde singen. Über die Amerikanerin, die zuletzt im Thielemann- Ring in Bayreuth agierte, wird gern gelästert. Den einen ist sie nicht heldisch genug, den anderen zu wenig Maid, die Dritten wollen bei ihr noch weniger Text verstehen als bei anderen, die Vierten stören sich am unüberhörbaren »Wobble« (jenem Leiern und Wackeln in der Stimme, das sich nach Überstrapazierung einstellt). Mit Alternativen freilich tun sich die Meckerer und Merker schwer. Evelyn Herlitzius, Watsons Vorgängerin auf dem Grünen Hügel? Singt auf den Scherben ihrer Stimme. Katarina Dalayman, Barenboims Errungenschaft für die Berliner Staatsoper? Ist vom Temperament her so ziemlich das Gegenteil einer gottväterlichen Windsbraut. Eva Johansson in Wien? Soll vor der Götterdämmerung drei Monate pausiert haben, um die Partie zu Hause in Dänemark jeden zweiten Tag durchzusingen (an der Kondition liegt es jedenfalls nicht). Deborah Voigt, die es im Wechsel mit Dalayman und Wendy Bryn Harmer an der Met macht? Hat nach ihrem Magen-Bypass von 2004 zwar gewaltig an Gewicht verloren, sich dafür aber ein nervöses Flacker-Vibrato eingefangen.
- Datum 31.05.2011 - 17:22 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 1.6.2011 Nr. 23
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... und ich liebe auch Mozart, aber bei Wagner geht MIR das Herz auf. Das ist einfach Gefühl und Kraft pur.
Ich denke, die Sache, dass die Leute im 19. Jahrhundert eine andere Psychologie als im 21. haben, stimmt schon sehr. Und das gilt für Wagner, einem fast dauerhysterischen, hypersensiblen und paranoiden Musiker natürlich noch mehr. Man merkt bei alten Einspielungen, z.B. Toscaninis Meistersinger oder Bruno Walters "Walküre", dass sich die Sänger noch viel mehr mit den Rollen identifizieren konnten, sie lebten das noch mehr, was gesungen wurde.
Gerade der Ring, gerade Brünnhilde, ist eine Geschichte von einem Revolutionär komponiert, der bereit war, alles für das, was er für richtig gehalten hat, aufzugeben (ob das nun so richtig war, gerade die Meinung über die Juden - zweifelhaft). Und das ist schon menschlich gesehen eine ungeheure Wandlung, gerade bei Brünnhilde, die - viel stärker als Siegfried - die eigentliche Hauptfigur, das eigentliche Umdenken, Umfühlen im Sinne Wagners verkörpert und jede Facette Leben durchmacht.
Und auf all das muss ja, neben der stimmlichen Schönheit, auch noch geachtet werden, um etwas zu Stande zu bringen.
Wenn man sich in der heutigen Aufführungs- und Probenpraxis Wagners Forderung, seine Opern erst, ohne Musik, ohne Gesang, wie Theaterstücke einzustudieren, um die Rolle zu begreifen, ansieht, merkt man, wie wenig so etwas heute zu realisieren ist.
Wagner sprach zumindest immer, dass er "singende Schauspieler" und nicht "schauspielernde Sänger" haben wollte...
spielen zu laut". Das scheint mir, neben dem zu schnellen angehen der Partien, der Grund der Misere. Als wollte man das Vorurteil "Wagner=Lärm" (praktisch jeder Nicht-Operngänger reagiert nach meiner Erfahrung so) bestätigen, drehen die Dirigenten auf. Das bringt offenbar Punkte beim Publikum, hilft aber wenig zum Verständnis der Musik und schadet den Sängern. Gerade im Ring hat das Orchester genug Stellen um sich auszutoben, man kann sich bei den Sängern zurücknehmen. Kommt dann noch eine schauspielerisch begabte Sängerin/Sänger dazu und eine kluge Inszenierung, muss man nicht brüllen, um zu überzeugen. Renate Behle hat die Brünnhilde in der Stuttgarter "Walküre" auf diese Weise ganz großartig gespielt, in meiner Erinnerung ist sie bis heute geradezu körperlich präsent.
Insgesamt sehe ich den Wagner-Hype 2013 doch sehr gemischt entgegen. Wagner wird in den deutschen Opernhäusern und auch in den Zeitungen zu viel Raum zugestanden. So faszinierend er ist, er ist kein Genie im luftleeren Raum, sondern sollte stärker im Kontext gesehen werden. Und andere Dinge, Barockopern, die Grand Opera (gerade für Wagner nicht unwichtig) und die Musik des 20. Jahrhunderts (besonders die nach 1945) hätten noch mehr Aufmerksamkeit verdient. Aber zum Glück findet ja hier schon ein Wandel statt. Nach der Wagner-Dröhnung zum 200 Geburtstag wird es für anderes hoffentlich Luft (und auch das Interesse des Publkums) geben.
dass die Dirigenten ihre Wagnerinterpretationen viel stärker von der Gesangslinie her entwickeln müssten. Es muss den Sängern die Möglichkeit zur Phrasierung und zur melodischen Linienführung gegeben werden. Häufig hört man hingegen Sänger und Sängerinnen, die nur einen lauten Ton, nach dem anderen abliefern, ohne weiteren Zusammenhang. Ein Beispiel dieser Unkultur ist im Artikel mit Frau Watson ja genannt. In Bayreuth ließ sich dies aber auch bei Herrn Wottrich beobachten, der ebenfalls keine Bögen singen kann, sondern bloß Töne. Frau Stemme und Herr Seiffert und Herr Voigt hingegen machen es vor, wie es geht. Etwas mehr Italianitá und das Ganze wird zum Belcanto. Im (Bass)-Baritonbereich wiederum sind es häufig diese hochgeschraubten Bässe (Hawlata als Sachs), die wegen der zu hohen Tessitura forcieren und nicht singen. Für einen Belcanto-Wagner braucht es aber in der Tat anschmiegsame Dirigenten, die mit den Sängern mitgehen und die das Orchester bändigen. Es ist ein falscher Ansatz, Wagner so zu dirigieren, als handele es sich um sinfonische Werke, bei denen die Gesangsstimmen nur dazu da sind, den Text auf bestimmten Tonhöhen hineinzurufen.
dass die Dirigenten ihre Wagnerinterpretationen viel stärker von der Gesangslinie her entwickeln müssten. Es muss den Sängern die Möglichkeit zur Phrasierung und zur melodischen Linienführung gegeben werden. Häufig hört man hingegen Sänger und Sängerinnen, die nur einen lauten Ton, nach dem anderen abliefern, ohne weiteren Zusammenhang. Ein Beispiel dieser Unkultur ist im Artikel mit Frau Watson ja genannt. In Bayreuth ließ sich dies aber auch bei Herrn Wottrich beobachten, der ebenfalls keine Bögen singen kann, sondern bloß Töne. Frau Stemme und Herr Seiffert und Herr Voigt hingegen machen es vor, wie es geht. Etwas mehr Italianitá und das Ganze wird zum Belcanto. Im (Bass)-Baritonbereich wiederum sind es häufig diese hochgeschraubten Bässe (Hawlata als Sachs), die wegen der zu hohen Tessitura forcieren und nicht singen. Für einen Belcanto-Wagner braucht es aber in der Tat anschmiegsame Dirigenten, die mit den Sängern mitgehen und die das Orchester bändigen. Es ist ein falscher Ansatz, Wagner so zu dirigieren, als handele es sich um sinfonische Werke, bei denen die Gesangsstimmen nur dazu da sind, den Text auf bestimmten Tonhöhen hineinzurufen.
Es mag ja sein, dass es der Stimme nicht guttut, aber man kann ja immer noch Lieder singen. Das 19.Jh ist ganz da, wenn man es romatisch denkt. Diese ganzen Wagner-Rollen sind eine Kopfgeschichte. Die meisten Sänger sind nicht intellektuell oder sensibel genug um ihre Rolle zu verstehen, sie imitieren andere, die es getan haben.
Was für ein theoretischer Artikel. Wir haben derzeit Wagneraufführungen mit großartigen Sängerinnen an ausverkauften deutschen Opern, die das Publikum berühren und begeistern. Wunderbar. Das Opernvolk ist zufrieden und die Sängerinnen freuen sich wohl über ihren Erfolg.
Informationen über diese neuen Sängerinnen wären spannend, da sie manche von ihnen eine neue natürlich emanzipierte Brünnhilde des 21. Jahrhunderts darstellen - leider fehlt dies in dem Artikel. Dafür erfährt der Leser von der besorgten Autorin von deren zu befürchteten Verschleiß. Für mich irritierend. Dass eine Catherine Foster zu diesem Thema nicht erwähnt wird, relativiert für mich den Anspruch dieses Artikels.
"Eine pflegliche Entwicklung im Sopranfach vollzieht sich schrittweise: von der Soubrette zur Lyrischen, zur Jugendlichen, zur Jugendlich-Dramatischen und von dieser eventuell zur Dramatischen."
Aha.
Diese Passage scheint mir das Gravitationszentrum des ganzen Artikels zu sein, der mir einen ganzen Abend immer wieder aufgegeben hat darüber zu grübeln, was er mir sagen will.
Ich fürchte, er sagt mir nur, dass da jemand sehr genau zu wissen scheint, wie die Dinge zu sein haben und feststellen zu müssen glaubt, dass sie nicht so seien, wie sie zu sein haben sollten.
Ich stelle mir grade vor, wie - sagen wir Barbara Schlick, um mal irgendeine Sängerin zu nehmen - sich fühlt, nachdem sie sich schrittweise von der Soubrette zur Lyrischen, dann zur Jugendlichen, von dort ordnungsgemäß zur jugendlich-dramatischen entwickelt hat, um dann - eventuell - als Dramatische zu kulminieren, die Schlick nun aber feststellen muss, dass es zu diesem letzten Schritt nicht gereicht hat, denn als Brünhilde hat sie noch niemand gesehen, jedenfalls nicht, dass ich wüsste. Arme Schlick. Da ist sie nun eine der besten Oratoriensängerinnen, die man hören kann, aber es hat nicht zur - eventuell - Dramatischen gereicht.
Bei der Meyer, auch sie aus Würzburg, hat es gereicht. Aber zu schnell. Und fertig ist sie auch. Und sie schauspielert zu viel. Sie ist auch nicht fett wie die Nielsson.
Nein, ich wwiß immer noch nicht, was mir der Artikel sagen will. Ich will einfach nur Wagner hören.
dass die Dirigenten ihre Wagnerinterpretationen viel stärker von der Gesangslinie her entwickeln müssten. Es muss den Sängern die Möglichkeit zur Phrasierung und zur melodischen Linienführung gegeben werden. Häufig hört man hingegen Sänger und Sängerinnen, die nur einen lauten Ton, nach dem anderen abliefern, ohne weiteren Zusammenhang. Ein Beispiel dieser Unkultur ist im Artikel mit Frau Watson ja genannt. In Bayreuth ließ sich dies aber auch bei Herrn Wottrich beobachten, der ebenfalls keine Bögen singen kann, sondern bloß Töne. Frau Stemme und Herr Seiffert und Herr Voigt hingegen machen es vor, wie es geht. Etwas mehr Italianitá und das Ganze wird zum Belcanto. Im (Bass)-Baritonbereich wiederum sind es häufig diese hochgeschraubten Bässe (Hawlata als Sachs), die wegen der zu hohen Tessitura forcieren und nicht singen. Für einen Belcanto-Wagner braucht es aber in der Tat anschmiegsame Dirigenten, die mit den Sängern mitgehen und die das Orchester bändigen. Es ist ein falscher Ansatz, Wagner so zu dirigieren, als handele es sich um sinfonische Werke, bei denen die Gesangsstimmen nur dazu da sind, den Text auf bestimmten Tonhöhen hineinzurufen.
besonders zum letzten Satz, schließlich wollte Wagner ja Musik-Theater, nicht Orchester mit Gesang. Außerdem hat er begeistert über Bellini und dessen Belcanto-Kompositionen geschrieben. Das sollte zu denken geben.
besonders zum letzten Satz, schließlich wollte Wagner ja Musik-Theater, nicht Orchester mit Gesang. Außerdem hat er begeistert über Bellini und dessen Belcanto-Kompositionen geschrieben. Das sollte zu denken geben.
besonders zum letzten Satz, schließlich wollte Wagner ja Musik-Theater, nicht Orchester mit Gesang. Außerdem hat er begeistert über Bellini und dessen Belcanto-Kompositionen geschrieben. Das sollte zu denken geben.
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