Operngesang Vom Absturz der Windsbräute

An den Opernhäusern wird so viel Wagner gespielt wie nie zuvor. Aber nichts ist so schwer zu besetzen wie Brünnhilde im "Ring des Nibelungen". Nur wenige Sopranistinnen weltweit beherrschen die Partie auf hohem Niveau. Sie hetzen von Premiere zu Premiere – und machen sich kaputt. Ein Krankenbericht

Man möchte ihr Wadenwickel anlegen und Halsumschläge machen, ab ins Bett, Ruhe geben. Erschöpft erscheint Nina Stemme in Zürich zum Interview, die letzte Erkältung steht ihr noch ins Gesicht geschrieben. Die Stemme, wird behauptet, sei eigentlich immer krank, mehr oder weniger. Und das ist kein Wunder: Am Abend zuvor hat sie die Elisabeth in Wagners Tannhäuser gesungen, morgen geht es für zwei Tage nach Stockholm, wo die Familie lebt, danach wieder Zürich, wieder Tannhäuser, ein Liederabend, dann Wien, Wiederaufnahme-Premiere von Richard Strauss’ Ariadne auf Naxos. Und an einem freien Nachmittag wie diesem geht sie zwei Stunden korrepetieren, die Götterdämmerungs-Brünnhilde, mit der sie im Juni in San Francisco debütiert und die sie zur Eröffnung der Münchner Opernfestspiele 2012 singen wird. Wie ein Beil ragt der Klavierauszug aus ihrem Gepäck. »Eine gute Vorbereitungszeit ist meine Lebensversicherung«, betont die Schwedin. Im Wagner-Fach meint das zweieinhalb bis drei Jahre. Wadenwickel, Halsumschläge – verlorene Liebesmüh.

Warum treibt eine hochtalentierte, intelligente, strahlend erfolgreiche Frau solchen Raubbau an sich? Ihre Agentur gilt als seriös; beutet sie sie trotzdem aus? Sind Druck und Konkurrenz in der Branche so groß? Ist es Sucht? Euphorischer Schwindel im Hamsterrad? Wer in der internationalen Opernszene nach Richard Wagners »Weib der Zukunft« fahndet, nach der idealen Brünnhilde, lernt Pathologien kennen: Sängerinnen am Rande des Burn-outs, von Reflux-Beschwerden, chronischen Nebenhöhleninfekten und Stimmbandschwellungen gepeinigt, permanent die Angst vor dem Versagen im Nacken und vor den weißen Flecken im Fünfjahreskalender. »Man muss wissen, was man tut«, sagt Stemme. »Für meine Stimme bin ich allein verantwortlich.«

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Noch nie stand der Wagnergesang so in Verruf wie im 21. Jahrhundert

Wer sich auf Brünnhilden-Suche macht, trifft auch viele Empörte und ehrlich Besorgte. Schließlich geht es nicht nur um die Überforderung der Stimmen, sondern auch um die Unterforderung des Materials, der Musik – und den Verlust eines Gedächtnisses. Noch nie stand der Wagnergesang so im Verruf wie im frühen 21. Jahrhundert. »Heute ist man hochdramatisch, wenn man schreit«, sagt der Pädagoge Josef Loibl. »Im Musiktheater wird die Musik kleingeschrieben und das Theater groß«, klagt der Agent Germinal Hilbert. Und Gwyneth Jones, die die Brünnhilde im legendären Bayreuther Chereau-Ring sang, warnt, man müsse bei den hochdramatischen Rollen sehr genau auf seine innere Stimme hören: »Weil heutzutage viele junge Sänger ins hochdramatische Fach gedrängt werden, ohne die nötige Erfahrung und Reife zu haben, werden sie verschlissen und anschließend wie alte Waschlappen weggeworfen. Wenn das so weitergeht, kann man die großen Opern von Wagner und Strauss nicht mehr spielen. Ich habe trotz vieler toller Angebote mehr als zwölf Jahre für meine erste Brünnhilde und 20 Jahre für meine erste Elektra gewartet, um zu wissen, wann ich bereit war.« Nur Nikolaus Bachler, der Intendant der Bayerischen Staatsoper, löckt ein wenig wider den Stachel: »Die ideale Brünnhilde ist die, für die man sich entscheidet. Das Perfekte gibt es nicht. Ich muss mich zu meiner Zeit bekennen und dazu, dass die Menschen heute eine andere Psyche und Physis haben als im 19. oder 20. Jahrhundert.«

Das klingt vernünftig. Was aber, wenn die Schere zwischen den zur Verfügung stehenden Kräften und Kapazitäten und den Anforderungen der Partitur immer weiter auseinandergeht, noch weiter? Wenn auf kränkelnde Sopranistinnen kranke folgen, frustrierte, ruinierte und bald keine mehr? Dann wäre Brünnhilde ein Menetekel: für unseren verheerenden Umgang mit Ressourcen, für unsere masochistische Lust am Verschleiß. Dass alle miteinander daran schuld sind und alles einsehen, ändert gar nichts. Das ist das Schlimmste.

In Buenos Aires, am traditionsreichen Teatro Colón, zieht man nun eine mögliche Konsequenz. Im Herbst 2012 soll sich hier über einer Instant-Version des Rings der Vorhang heben, Bayreuths Festspielchefin Katharina Wagner inszeniert höchstpersönlich, statt der berüchtigten 16 Stunden Spieldauer werden es bei ihr nur sieben sein – gerafft und kompakt an einem Abend. In diesem halben Ring wird Linda Watson die (halbe) Brünnhilde singen. Über die Amerikanerin, die zuletzt im Thielemann- Ring in Bayreuth agierte, wird gern gelästert. Den einen ist sie nicht heldisch genug, den anderen zu wenig Maid, die Dritten wollen bei ihr noch weniger Text verstehen als bei anderen, die Vierten stören sich am unüberhörbaren »Wobble« (jenem Leiern und Wackeln in der Stimme, das sich nach Überstrapazierung einstellt). Mit Alternativen freilich tun sich die Meckerer und Merker schwer. Evelyn Herlitzius, Watsons Vorgängerin auf dem Grünen Hügel? Singt auf den Scherben ihrer Stimme. Katarina Dalayman, Barenboims Errungenschaft für die Berliner Staatsoper? Ist vom Temperament her so ziemlich das Gegenteil einer gottväterlichen Windsbraut. Eva Johansson in Wien? Soll vor der Götterdämmerung drei Monate pausiert haben, um die Partie zu Hause in Dänemark jeden zweiten Tag durchzusingen (an der Kondition liegt es jedenfalls nicht). Deborah Voigt, die es im Wechsel mit Dalayman und Wendy Bryn Harmer an der Met macht? Hat nach ihrem Magen-Bypass von 2004 zwar gewaltig an Gewicht verloren, sich dafür aber ein nervöses Flacker-Vibrato eingefangen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Tolle Töne können diese Sängerinnen alle produzieren, und Mut, Löwinnenherzen haben sie sowieso. Die Frage ist, zu welchem Preis. Eine pflegliche Entwicklung im Sopranfach vollzieht sich schrittweise: von der Soubrette zur Lyrischen, zur Jugendlichen, zur Jugendlich-Dramatischen und von dieser eventuell zur Dramatischen. Heute nimmt man auf diesem Weg gern zwei Stufen auf einmal. Eine Sprinterin aber kann auch nicht plötzlich Marathon laufen, nur weil der Markt es hergibt. Also doch lieber Linda Watson? Watson sei eine der wenigen echten Hochdramatischen, sagt Germinal Hilbert, nur im Figürlichen hapere es: »Sie ist halt keine Duse auf der Bühne.« Das aber sollte man im Zeitalter von DSDS und Heidi Klum unbedingt auch sein. Rund zwölf »Damen« – Hilberts Jargon hat etwas tröstlich Altmodisches – werden derzeit zwischen Seattle und Straßburg, Valencia und Carlstad als Brünnhilden gehandelt. An Spitzenhäusern ist die Luft noch dünner, da sind es vier oder fünf, denen man die Partie zutraut – immer dieselben vier oder fünf wohlgemerkt. »Und die, die sie singen können, sind natürlich überall besetzt«, klagt Eva Wagner-Pasquier nicht nur im Blick aufs Wagner-Jubiläumsjahr 2013, »von Gestaltungsspielraum kann da keine Rede sein.« 

Das war früher gar nicht so viel anders. In den fünfziger und sechziger Jahren regierte zwar das sagenhafte Brünnhilden-Isolden-Dreigestirn Astrid Varnay, Martha Mödl und Birgit Nilsson – in dessen Schatten aber wuchs auch kein Kraut. Dafür lebten diese Legenden 25 Jahre lang mit den Rollen, wuchsen mit ihnen und an ihnen, fraßen sich in sie hinein – und wurden schließlich in Ehren verabschiedet: Meist fiel zuerst die Siegfried-Brünnhilde weg, die lyrischste und höchste, dann die der Walküre, die vielgestaltigste, und zum Schluss, wie es sich gehört, die der Götterdämmerung, von der Lage her ohnehin eher eine Mezzo-Partie. Gwyneth Jones hat ihre erste Brünnhilde mit 37 Jahren gesungen und ihre letzte mit 61. Heute beträgt die durchschnittliche Verweildauer in der Partie sieben bis zehn Jahre. Und das ist auch eine Folge der Masse: Noch nie wurde weltweit so viel Wagner gespielt und gesungen, regelrecht inflationär.

Immer früher, schneller, kopfloser hinein ins hochdramatische Fach also – und oft noch schneller wieder heraus. Wobei das Leben einer Wagner-Heroine ohne Wagner wenig rosig aussieht, Strauss’ Elektra oder seine Färberin aus Frau ohne Schatten bleiben gewöhnlich auf der Agenda übrig, Puccinis Turandot vielleicht. Ein reumütiges Zurück aber zu Mozarts Pamina oder leise flehenden Schubert-Liedern gibt es nicht, dazu sind selbst unversehrte Hochleistungsstimmbänder nicht in der Lage. Wenn das so weitergeht, sagt Josef Loibl, »dann werden wir vom Ring oder vom Tristan bald nur noch Teile aufführen«. Weil das, was in den Noten steht, nicht mehr erfüllt werden kann. Weil Wagners hohe, laute, lange Töne nicht gesungen werden, sondern gebrüllt, geschrien, ausgespien. Singen heiße: dem Ton einen Ansatz geben und sich seiner Schwingung anvertrauen, auf dem Atem reiten; Vokale und Konsonanten in ein sinnliches Verhältnis zueinander setzen, kein dreifaches »R« rollen und kein doppeltes »K« kotzen, wie es im internationalen Geschäft Mode ist, das zerhackt jede Linie, jeden Fluss. Und vor allem: sich eine Vorstellung vom Klang machen, denken, tüfteln, in Farben, in Nuancen. Das eigene Ich finden, nennt das Gwyneth Jones, der »inneren Stimme« folgen.

Kann das heute überhaupt noch jemand? Hört das noch einer? Loibl rauft sich die letzten Haare. »Ich könnt ein rotes Tuch nehmen und den Namen eines Stars draufschreiben, das würd auch noch beklatscht!«, ruft er. Aber jetzt muss er los, in die Berliner Philharmonie, wo sein Schützling Violeta Urmana die Isolde singt, den zweiten Akt, konzertant. In der Höhe gebe es etwas zu korrigieren, hat sie ihren Mentor am Nachmittag per SMS wissen lassen, bitte um 19.30 Uhr in meiner Garderobe. Das klingt nach Boxenstopp, als müsse der Mechaniker mal kurz an den Schräubchen drehen. Und Loibl dreht gut daran, Urmana ist hoch konzentriert, nur Simon Rattle und sein Orchester spielen viel zu laut. Was mit ein Grund ist für die Gesamtmisere: »Es sind auch die Dirigenten, die Sänger kaputt machen können, oder die Institute«, sagt Eva Wagner-Pasquier, »das muss man nüchtern sehen.« Dirigenten, die selbst zu wenig von Stimmen verstehen und falsch besetzen; Dirigenten, die es bei Wagner rauschen lassen wollen. Dann lärmt’s unten – und oben wird gebrüllt.

Urmana als Brünnhilde hat die Branche längst auf der Liste, »das wird was«, prophezeit Loibl in aller Vorsicht. Gerade weil die Litauerin nicht die typische Wagner-Röhre hat, sondern auch italienisches Repertoire singt, Amelia, Leonora, Aida, reinstes Olivenöl für die Kehle. Und weil sie sich dem Fach »von unten« genähert hat, als ehemaliger Mezzosopran, das verspricht eine stabile Mittellage, aus der heraus die heldischen Höhen in Angriff genommen werden können. Außerdem ist Urmana fleißig und lässt sich Zeit, singt nie mehr als 45 Abende pro Jahr. »Eine neue Brünnhilde kommt nicht aus dem Urwald«, sagt Germinal Hilbert. Die gedeiht, die zeichnet sich ab.

Wie Angela Denoke? Auf leisen Sohlen hat sich die hochgewachsene Norddeutsche in den vergangenen Jahren angepirscht. Und jetzt ist sie da, das heißt: in zwei Jahren. Denoke, die im Stuttgarter Ring im Jahr 2000 eine so fesselnde Sieglinde war und in München 2006 eine verstörend kühle, elfenbeinerne Salome, soll im Bayreuther Jubiläums-Ring 2013 die Brünnhilde singen. Der Vertrag sei unterschrieben, wispern die Latrinen. Über Eva Wagner-Pasquiers Lippen kommt kein Wort, »Diskussionen im Vorfeld sind schädlich«. Wagner-Pasquier hat ihr ganzes professionelles Leben mit Sängern zugebracht, an der Seite ihres Vaters auf dem Grünen Hügel, an diversen Opernhäusern, bei Agenturen und Plattenfirmen. Auf ihr Konto geht das Casting des Rings in Aix-en-Provence mit Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern. Kleine Stimmen, kaum Text, wenig Gesangskultur, nicht die allerbeste Visitenkarte.

Prompt zerreißen sich die Experten die Mäuler, Hymnisches und Hämisches liegen in der Opernwelt nah beieinander. Denoke als neue Brünnhilde, das sei heller Wahnsinn, reiche hinten und vorne nicht, werde nicht lange gut gehen. Auch Germinal Hilberts Analyse fällt unbarmherzig aus: »In der Todesverkündigung der Walküre wird sie einiges schuldig bleiben, ebenso in den tieferen Passagen der Götterdämmerung, Siegfried hingegen dürfte ihr leichter fallen. Insgesamt: negativ für die spätere Karriere, keine Idealpartie.« Gegen solche Zweifel anzusingen muss furchtbar sein, furchtbarer als alle »Hojotohos« zusammen.

Aber war das nicht immer so? Als Birgit Nilsson die große Kirsten Flagstad ablöste, hieß es, sie schummle und lege ihren Kehlkopf künstlich tiefer, um das Volumen vorzutäuschen. Als Gwyneth Jones kam, hielt man das Ende der Hochdramatischen für besiegelt, und die Nilsson spottete über »die ehrgeizige Gwyneth«. Als Hildegard Behrens sich traute, konstatierte man zwar stimmliche Blessuren, rühmte aber ihre schauspielerische Leistung und Intensität. Spätestens in den neunziger Jahren stand das Brünnhilden-Denkmal dann vollends kopf. Aus dem beleibten Typus der Wagner-Heroine, die täglich riesige Mengen heißer Kartoffelknödel verschlingt, war eine androgyne Amazone geworden. Angela Denoke passt erschreckend gut in dieses Bild, Ausnahmen wie Gabriele Schnaut oder Linda Watson bestätigen nur die Regel. Wobei die Sache mit dem Resonanzboden nachweislich Quatsch ist: Gesungen wird mit Muskeln, nicht mit Fett. Aber wer sich derart exponiert, ist sicher für jeden Panzer dankbar.

Die ideale Brünnhilde von heute muss also schlank sein, nett aussehen und über eine einigermaßen schöne Stimme verfügen. Und bitte keine Asiatinnen, die gelten in der Rolle als schwer vermittelbar, ganz so weit ist der globale Markt dann doch noch nicht. Sich gegen diesen Kriterienkatalog zu wehren, sagt Nikolaus Bachler, sei, als wolle man »am Nürburgring mit dem Pferd gewinnen«. Entsprechend dürften sich seine Bemühungen auf diesem Gebiet in Grenzen halten. Von der Utopie des Gesangs, vom hohen Anspruch der Musik spricht ohnehin bald niemand mehr. Brünnhilde sei die Erlöserin, sagt Nina Stemme und wärmt ihre Hände an einem großen Glas Tee, sie müsse sterben, um Neues zu schaffen: »Die Frage richtet sich an uns, ganz subjektiv: Was tun wir hier, gehen wir unter, oder kehren wir um?«

 
Leser-Kommentare
  1. ... und ich liebe auch Mozart, aber bei Wagner geht MIR das Herz auf. Das ist einfach Gefühl und Kraft pur.

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  2. Ich denke, die Sache, dass die Leute im 19. Jahrhundert eine andere Psychologie als im 21. haben, stimmt schon sehr. Und das gilt für Wagner, einem fast dauerhysterischen, hypersensiblen und paranoiden Musiker natürlich noch mehr. Man merkt bei alten Einspielungen, z.B. Toscaninis Meistersinger oder Bruno Walters "Walküre", dass sich die Sänger noch viel mehr mit den Rollen identifizieren konnten, sie lebten das noch mehr, was gesungen wurde.

    Gerade der Ring, gerade Brünnhilde, ist eine Geschichte von einem Revolutionär komponiert, der bereit war, alles für das, was er für richtig gehalten hat, aufzugeben (ob das nun so richtig war, gerade die Meinung über die Juden - zweifelhaft). Und das ist schon menschlich gesehen eine ungeheure Wandlung, gerade bei Brünnhilde, die - viel stärker als Siegfried - die eigentliche Hauptfigur, das eigentliche Umdenken, Umfühlen im Sinne Wagners verkörpert und jede Facette Leben durchmacht.

    Und auf all das muss ja, neben der stimmlichen Schönheit, auch noch geachtet werden, um etwas zu Stande zu bringen.

    Wenn man sich in der heutigen Aufführungs- und Probenpraxis Wagners Forderung, seine Opern erst, ohne Musik, ohne Gesang, wie Theaterstücke einzustudieren, um die Rolle zu begreifen, ansieht, merkt man, wie wenig so etwas heute zu realisieren ist.
    Wagner sprach zumindest immer, dass er "singende Schauspieler" und nicht "schauspielernde Sänger" haben wollte...

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  3. spielen zu laut". Das scheint mir, neben dem zu schnellen angehen der Partien, der Grund der Misere. Als wollte man das Vorurteil "Wagner=Lärm" (praktisch jeder Nicht-Operngänger reagiert nach meiner Erfahrung so) bestätigen, drehen die Dirigenten auf. Das bringt offenbar Punkte beim Publikum, hilft aber wenig zum Verständnis der Musik und schadet den Sängern. Gerade im Ring hat das Orchester genug Stellen um sich auszutoben, man kann sich bei den Sängern zurücknehmen. Kommt dann noch eine schauspielerisch begabte Sängerin/Sänger dazu und eine kluge Inszenierung, muss man nicht brüllen, um zu überzeugen. Renate Behle hat die Brünnhilde in der Stuttgarter "Walküre" auf diese Weise ganz großartig gespielt, in meiner Erinnerung ist sie bis heute geradezu körperlich präsent.

    Insgesamt sehe ich den Wagner-Hype 2013 doch sehr gemischt entgegen. Wagner wird in den deutschen Opernhäusern und auch in den Zeitungen zu viel Raum zugestanden. So faszinierend er ist, er ist kein Genie im luftleeren Raum, sondern sollte stärker im Kontext gesehen werden. Und andere Dinge, Barockopern, die Grand Opera (gerade für Wagner nicht unwichtig) und die Musik des 20. Jahrhunderts (besonders die nach 1945) hätten noch mehr Aufmerksamkeit verdient. Aber zum Glück findet ja hier schon ein Wandel statt. Nach der Wagner-Dröhnung zum 200 Geburtstag wird es für anderes hoffentlich Luft (und auch das Interesse des Publkums) geben.

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    dass die Dirigenten ihre Wagnerinterpretationen viel stärker von der Gesangslinie her entwickeln müssten. Es muss den Sängern die Möglichkeit zur Phrasierung und zur melodischen Linienführung gegeben werden. Häufig hört man hingegen Sänger und Sängerinnen, die nur einen lauten Ton, nach dem anderen abliefern, ohne weiteren Zusammenhang. Ein Beispiel dieser Unkultur ist im Artikel mit Frau Watson ja genannt. In Bayreuth ließ sich dies aber auch bei Herrn Wottrich beobachten, der ebenfalls keine Bögen singen kann, sondern bloß Töne. Frau Stemme und Herr Seiffert und Herr Voigt hingegen machen es vor, wie es geht. Etwas mehr Italianitá und das Ganze wird zum Belcanto. Im (Bass)-Baritonbereich wiederum sind es häufig diese hochgeschraubten Bässe (Hawlata als Sachs), die wegen der zu hohen Tessitura forcieren und nicht singen. Für einen Belcanto-Wagner braucht es aber in der Tat anschmiegsame Dirigenten, die mit den Sängern mitgehen und die das Orchester bändigen. Es ist ein falscher Ansatz, Wagner so zu dirigieren, als handele es sich um sinfonische Werke, bei denen die Gesangsstimmen nur dazu da sind, den Text auf bestimmten Tonhöhen hineinzurufen.

    dass die Dirigenten ihre Wagnerinterpretationen viel stärker von der Gesangslinie her entwickeln müssten. Es muss den Sängern die Möglichkeit zur Phrasierung und zur melodischen Linienführung gegeben werden. Häufig hört man hingegen Sänger und Sängerinnen, die nur einen lauten Ton, nach dem anderen abliefern, ohne weiteren Zusammenhang. Ein Beispiel dieser Unkultur ist im Artikel mit Frau Watson ja genannt. In Bayreuth ließ sich dies aber auch bei Herrn Wottrich beobachten, der ebenfalls keine Bögen singen kann, sondern bloß Töne. Frau Stemme und Herr Seiffert und Herr Voigt hingegen machen es vor, wie es geht. Etwas mehr Italianitá und das Ganze wird zum Belcanto. Im (Bass)-Baritonbereich wiederum sind es häufig diese hochgeschraubten Bässe (Hawlata als Sachs), die wegen der zu hohen Tessitura forcieren und nicht singen. Für einen Belcanto-Wagner braucht es aber in der Tat anschmiegsame Dirigenten, die mit den Sängern mitgehen und die das Orchester bändigen. Es ist ein falscher Ansatz, Wagner so zu dirigieren, als handele es sich um sinfonische Werke, bei denen die Gesangsstimmen nur dazu da sind, den Text auf bestimmten Tonhöhen hineinzurufen.

  4. Es mag ja sein, dass es der Stimme nicht guttut, aber man kann ja immer noch Lieder singen. Das 19.Jh ist ganz da, wenn man es romatisch denkt. Diese ganzen Wagner-Rollen sind eine Kopfgeschichte. Die meisten Sänger sind nicht intellektuell oder sensibel genug um ihre Rolle zu verstehen, sie imitieren andere, die es getan haben.

    • Kanzel
    • 02.06.2011 um 0:11 Uhr

    Was für ein theoretischer Artikel. Wir haben derzeit Wagneraufführungen mit großartigen Sängerinnen an ausverkauften deutschen Opern, die das Publikum berühren und begeistern. Wunderbar. Das Opernvolk ist zufrieden und die Sängerinnen freuen sich wohl über ihren Erfolg.
    Informationen über diese neuen Sängerinnen wären spannend, da sie manche von ihnen eine neue natürlich emanzipierte Brünnhilde des 21. Jahrhunderts darstellen - leider fehlt dies in dem Artikel. Dafür erfährt der Leser von der besorgten Autorin von deren zu befürchteten Verschleiß. Für mich irritierend. Dass eine Catherine Foster zu diesem Thema nicht erwähnt wird, relativiert für mich den Anspruch dieses Artikels.

  5. "Eine pflegliche Entwicklung im Sopranfach vollzieht sich schrittweise: von der Soubrette zur Lyrischen, zur Jugendlichen, zur Jugendlich-Dramatischen und von dieser eventuell zur Dramatischen."

    Aha.

    Diese Passage scheint mir das Gravitationszentrum des ganzen Artikels zu sein, der mir einen ganzen Abend immer wieder aufgegeben hat darüber zu grübeln, was er mir sagen will.

    Ich fürchte, er sagt mir nur, dass da jemand sehr genau zu wissen scheint, wie die Dinge zu sein haben und feststellen zu müssen glaubt, dass sie nicht so seien, wie sie zu sein haben sollten.

    Ich stelle mir grade vor, wie - sagen wir Barbara Schlick, um mal irgendeine Sängerin zu nehmen - sich fühlt, nachdem sie sich schrittweise von der Soubrette zur Lyrischen, dann zur Jugendlichen, von dort ordnungsgemäß zur jugendlich-dramatischen entwickelt hat, um dann - eventuell - als Dramatische zu kulminieren, die Schlick nun aber feststellen muss, dass es zu diesem letzten Schritt nicht gereicht hat, denn als Brünhilde hat sie noch niemand gesehen, jedenfalls nicht, dass ich wüsste. Arme Schlick. Da ist sie nun eine der besten Oratoriensängerinnen, die man hören kann, aber es hat nicht zur - eventuell - Dramatischen gereicht.

    Bei der Meyer, auch sie aus Würzburg, hat es gereicht. Aber zu schnell. Und fertig ist sie auch. Und sie schauspielert zu viel. Sie ist auch nicht fett wie die Nielsson.

    Nein, ich wwiß immer noch nicht, was mir der Artikel sagen will. Ich will einfach nur Wagner hören.

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  6. dass die Dirigenten ihre Wagnerinterpretationen viel stärker von der Gesangslinie her entwickeln müssten. Es muss den Sängern die Möglichkeit zur Phrasierung und zur melodischen Linienführung gegeben werden. Häufig hört man hingegen Sänger und Sängerinnen, die nur einen lauten Ton, nach dem anderen abliefern, ohne weiteren Zusammenhang. Ein Beispiel dieser Unkultur ist im Artikel mit Frau Watson ja genannt. In Bayreuth ließ sich dies aber auch bei Herrn Wottrich beobachten, der ebenfalls keine Bögen singen kann, sondern bloß Töne. Frau Stemme und Herr Seiffert und Herr Voigt hingegen machen es vor, wie es geht. Etwas mehr Italianitá und das Ganze wird zum Belcanto. Im (Bass)-Baritonbereich wiederum sind es häufig diese hochgeschraubten Bässe (Hawlata als Sachs), die wegen der zu hohen Tessitura forcieren und nicht singen. Für einen Belcanto-Wagner braucht es aber in der Tat anschmiegsame Dirigenten, die mit den Sängern mitgehen und die das Orchester bändigen. Es ist ein falscher Ansatz, Wagner so zu dirigieren, als handele es sich um sinfonische Werke, bei denen die Gesangsstimmen nur dazu da sind, den Text auf bestimmten Tonhöhen hineinzurufen.

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    besonders zum letzten Satz, schließlich wollte Wagner ja Musik-Theater, nicht Orchester mit Gesang. Außerdem hat er begeistert über Bellini und dessen Belcanto-Kompositionen geschrieben. Das sollte zu denken geben.

    besonders zum letzten Satz, schließlich wollte Wagner ja Musik-Theater, nicht Orchester mit Gesang. Außerdem hat er begeistert über Bellini und dessen Belcanto-Kompositionen geschrieben. Das sollte zu denken geben.

  7. besonders zum letzten Satz, schließlich wollte Wagner ja Musik-Theater, nicht Orchester mit Gesang. Außerdem hat er begeistert über Bellini und dessen Belcanto-Kompositionen geschrieben. Das sollte zu denken geben.

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