Vom hohen Anspruch der Musik spricht bald niemand mehr
Prompt zerreißen sich die Experten die Mäuler, Hymnisches und Hämisches liegen in der Opernwelt nah beieinander. Denoke als neue Brünnhilde, das sei heller Wahnsinn, reiche hinten und vorne nicht, werde nicht lange gut gehen. Auch Germinal Hilberts Analyse fällt unbarmherzig aus: »In der Todesverkündigung der Walküre wird sie einiges schuldig bleiben, ebenso in den tieferen Passagen der Götterdämmerung, Siegfried hingegen dürfte ihr leichter fallen. Insgesamt: negativ für die spätere Karriere, keine Idealpartie.« Gegen solche Zweifel anzusingen muss furchtbar sein, furchtbarer als alle »Hojotohos« zusammen.
Aber war das nicht immer so? Als Birgit Nilsson die große Kirsten Flagstad ablöste, hieß es, sie schummle und lege ihren Kehlkopf künstlich tiefer, um das Volumen vorzutäuschen. Als Gwyneth Jones kam, hielt man das Ende der Hochdramatischen für besiegelt, und die Nilsson spottete über »die ehrgeizige Gwyneth«. Als Hildegard Behrens sich traute, konstatierte man zwar stimmliche Blessuren, rühmte aber ihre schauspielerische Leistung und Intensität. Spätestens in den neunziger Jahren stand das Brünnhilden-Denkmal dann vollends kopf. Aus dem beleibten Typus der Wagner-Heroine, die täglich riesige Mengen heißer Kartoffelknödel verschlingt, war eine androgyne Amazone geworden. Angela Denoke passt erschreckend gut in dieses Bild, Ausnahmen wie Gabriele Schnaut oder Linda Watson bestätigen nur die Regel. Wobei die Sache mit dem Resonanzboden nachweislich Quatsch ist: Gesungen wird mit Muskeln, nicht mit Fett. Aber wer sich derart exponiert, ist sicher für jeden Panzer dankbar.
Die ideale Brünnhilde von heute muss also schlank sein, nett aussehen und über eine einigermaßen schöne Stimme verfügen. Und bitte keine Asiatinnen, die gelten in der Rolle als schwer vermittelbar, ganz so weit ist der globale Markt dann doch noch nicht. Sich gegen diesen Kriterienkatalog zu wehren, sagt Nikolaus Bachler, sei, als wolle man »am Nürburgring mit dem Pferd gewinnen«. Entsprechend dürften sich seine Bemühungen auf diesem Gebiet in Grenzen halten. Von der Utopie des Gesangs, vom hohen Anspruch der Musik spricht ohnehin bald niemand mehr. Brünnhilde sei die Erlöserin, sagt Nina Stemme und wärmt ihre Hände an einem großen Glas Tee, sie müsse sterben, um Neues zu schaffen: »Die Frage richtet sich an uns, ganz subjektiv: Was tun wir hier, gehen wir unter, oder kehren wir um?«
- Datum 31.05.2011 - 17:22 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 1.6.2011 Nr. 23
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... und ich liebe auch Mozart, aber bei Wagner geht MIR das Herz auf. Das ist einfach Gefühl und Kraft pur.
Ich denke, die Sache, dass die Leute im 19. Jahrhundert eine andere Psychologie als im 21. haben, stimmt schon sehr. Und das gilt für Wagner, einem fast dauerhysterischen, hypersensiblen und paranoiden Musiker natürlich noch mehr. Man merkt bei alten Einspielungen, z.B. Toscaninis Meistersinger oder Bruno Walters "Walküre", dass sich die Sänger noch viel mehr mit den Rollen identifizieren konnten, sie lebten das noch mehr, was gesungen wurde.
Gerade der Ring, gerade Brünnhilde, ist eine Geschichte von einem Revolutionär komponiert, der bereit war, alles für das, was er für richtig gehalten hat, aufzugeben (ob das nun so richtig war, gerade die Meinung über die Juden - zweifelhaft). Und das ist schon menschlich gesehen eine ungeheure Wandlung, gerade bei Brünnhilde, die - viel stärker als Siegfried - die eigentliche Hauptfigur, das eigentliche Umdenken, Umfühlen im Sinne Wagners verkörpert und jede Facette Leben durchmacht.
Und auf all das muss ja, neben der stimmlichen Schönheit, auch noch geachtet werden, um etwas zu Stande zu bringen.
Wenn man sich in der heutigen Aufführungs- und Probenpraxis Wagners Forderung, seine Opern erst, ohne Musik, ohne Gesang, wie Theaterstücke einzustudieren, um die Rolle zu begreifen, ansieht, merkt man, wie wenig so etwas heute zu realisieren ist.
Wagner sprach zumindest immer, dass er "singende Schauspieler" und nicht "schauspielernde Sänger" haben wollte...
spielen zu laut". Das scheint mir, neben dem zu schnellen angehen der Partien, der Grund der Misere. Als wollte man das Vorurteil "Wagner=Lärm" (praktisch jeder Nicht-Operngänger reagiert nach meiner Erfahrung so) bestätigen, drehen die Dirigenten auf. Das bringt offenbar Punkte beim Publikum, hilft aber wenig zum Verständnis der Musik und schadet den Sängern. Gerade im Ring hat das Orchester genug Stellen um sich auszutoben, man kann sich bei den Sängern zurücknehmen. Kommt dann noch eine schauspielerisch begabte Sängerin/Sänger dazu und eine kluge Inszenierung, muss man nicht brüllen, um zu überzeugen. Renate Behle hat die Brünnhilde in der Stuttgarter "Walküre" auf diese Weise ganz großartig gespielt, in meiner Erinnerung ist sie bis heute geradezu körperlich präsent.
Insgesamt sehe ich den Wagner-Hype 2013 doch sehr gemischt entgegen. Wagner wird in den deutschen Opernhäusern und auch in den Zeitungen zu viel Raum zugestanden. So faszinierend er ist, er ist kein Genie im luftleeren Raum, sondern sollte stärker im Kontext gesehen werden. Und andere Dinge, Barockopern, die Grand Opera (gerade für Wagner nicht unwichtig) und die Musik des 20. Jahrhunderts (besonders die nach 1945) hätten noch mehr Aufmerksamkeit verdient. Aber zum Glück findet ja hier schon ein Wandel statt. Nach der Wagner-Dröhnung zum 200 Geburtstag wird es für anderes hoffentlich Luft (und auch das Interesse des Publkums) geben.
dass die Dirigenten ihre Wagnerinterpretationen viel stärker von der Gesangslinie her entwickeln müssten. Es muss den Sängern die Möglichkeit zur Phrasierung und zur melodischen Linienführung gegeben werden. Häufig hört man hingegen Sänger und Sängerinnen, die nur einen lauten Ton, nach dem anderen abliefern, ohne weiteren Zusammenhang. Ein Beispiel dieser Unkultur ist im Artikel mit Frau Watson ja genannt. In Bayreuth ließ sich dies aber auch bei Herrn Wottrich beobachten, der ebenfalls keine Bögen singen kann, sondern bloß Töne. Frau Stemme und Herr Seiffert und Herr Voigt hingegen machen es vor, wie es geht. Etwas mehr Italianitá und das Ganze wird zum Belcanto. Im (Bass)-Baritonbereich wiederum sind es häufig diese hochgeschraubten Bässe (Hawlata als Sachs), die wegen der zu hohen Tessitura forcieren und nicht singen. Für einen Belcanto-Wagner braucht es aber in der Tat anschmiegsame Dirigenten, die mit den Sängern mitgehen und die das Orchester bändigen. Es ist ein falscher Ansatz, Wagner so zu dirigieren, als handele es sich um sinfonische Werke, bei denen die Gesangsstimmen nur dazu da sind, den Text auf bestimmten Tonhöhen hineinzurufen.
dass die Dirigenten ihre Wagnerinterpretationen viel stärker von der Gesangslinie her entwickeln müssten. Es muss den Sängern die Möglichkeit zur Phrasierung und zur melodischen Linienführung gegeben werden. Häufig hört man hingegen Sänger und Sängerinnen, die nur einen lauten Ton, nach dem anderen abliefern, ohne weiteren Zusammenhang. Ein Beispiel dieser Unkultur ist im Artikel mit Frau Watson ja genannt. In Bayreuth ließ sich dies aber auch bei Herrn Wottrich beobachten, der ebenfalls keine Bögen singen kann, sondern bloß Töne. Frau Stemme und Herr Seiffert und Herr Voigt hingegen machen es vor, wie es geht. Etwas mehr Italianitá und das Ganze wird zum Belcanto. Im (Bass)-Baritonbereich wiederum sind es häufig diese hochgeschraubten Bässe (Hawlata als Sachs), die wegen der zu hohen Tessitura forcieren und nicht singen. Für einen Belcanto-Wagner braucht es aber in der Tat anschmiegsame Dirigenten, die mit den Sängern mitgehen und die das Orchester bändigen. Es ist ein falscher Ansatz, Wagner so zu dirigieren, als handele es sich um sinfonische Werke, bei denen die Gesangsstimmen nur dazu da sind, den Text auf bestimmten Tonhöhen hineinzurufen.
Es mag ja sein, dass es der Stimme nicht guttut, aber man kann ja immer noch Lieder singen. Das 19.Jh ist ganz da, wenn man es romatisch denkt. Diese ganzen Wagner-Rollen sind eine Kopfgeschichte. Die meisten Sänger sind nicht intellektuell oder sensibel genug um ihre Rolle zu verstehen, sie imitieren andere, die es getan haben.
Was für ein theoretischer Artikel. Wir haben derzeit Wagneraufführungen mit großartigen Sängerinnen an ausverkauften deutschen Opern, die das Publikum berühren und begeistern. Wunderbar. Das Opernvolk ist zufrieden und die Sängerinnen freuen sich wohl über ihren Erfolg.
Informationen über diese neuen Sängerinnen wären spannend, da sie manche von ihnen eine neue natürlich emanzipierte Brünnhilde des 21. Jahrhunderts darstellen - leider fehlt dies in dem Artikel. Dafür erfährt der Leser von der besorgten Autorin von deren zu befürchteten Verschleiß. Für mich irritierend. Dass eine Catherine Foster zu diesem Thema nicht erwähnt wird, relativiert für mich den Anspruch dieses Artikels.
"Eine pflegliche Entwicklung im Sopranfach vollzieht sich schrittweise: von der Soubrette zur Lyrischen, zur Jugendlichen, zur Jugendlich-Dramatischen und von dieser eventuell zur Dramatischen."
Aha.
Diese Passage scheint mir das Gravitationszentrum des ganzen Artikels zu sein, der mir einen ganzen Abend immer wieder aufgegeben hat darüber zu grübeln, was er mir sagen will.
Ich fürchte, er sagt mir nur, dass da jemand sehr genau zu wissen scheint, wie die Dinge zu sein haben und feststellen zu müssen glaubt, dass sie nicht so seien, wie sie zu sein haben sollten.
Ich stelle mir grade vor, wie - sagen wir Barbara Schlick, um mal irgendeine Sängerin zu nehmen - sich fühlt, nachdem sie sich schrittweise von der Soubrette zur Lyrischen, dann zur Jugendlichen, von dort ordnungsgemäß zur jugendlich-dramatischen entwickelt hat, um dann - eventuell - als Dramatische zu kulminieren, die Schlick nun aber feststellen muss, dass es zu diesem letzten Schritt nicht gereicht hat, denn als Brünhilde hat sie noch niemand gesehen, jedenfalls nicht, dass ich wüsste. Arme Schlick. Da ist sie nun eine der besten Oratoriensängerinnen, die man hören kann, aber es hat nicht zur - eventuell - Dramatischen gereicht.
Bei der Meyer, auch sie aus Würzburg, hat es gereicht. Aber zu schnell. Und fertig ist sie auch. Und sie schauspielert zu viel. Sie ist auch nicht fett wie die Nielsson.
Nein, ich wwiß immer noch nicht, was mir der Artikel sagen will. Ich will einfach nur Wagner hören.
dass die Dirigenten ihre Wagnerinterpretationen viel stärker von der Gesangslinie her entwickeln müssten. Es muss den Sängern die Möglichkeit zur Phrasierung und zur melodischen Linienführung gegeben werden. Häufig hört man hingegen Sänger und Sängerinnen, die nur einen lauten Ton, nach dem anderen abliefern, ohne weiteren Zusammenhang. Ein Beispiel dieser Unkultur ist im Artikel mit Frau Watson ja genannt. In Bayreuth ließ sich dies aber auch bei Herrn Wottrich beobachten, der ebenfalls keine Bögen singen kann, sondern bloß Töne. Frau Stemme und Herr Seiffert und Herr Voigt hingegen machen es vor, wie es geht. Etwas mehr Italianitá und das Ganze wird zum Belcanto. Im (Bass)-Baritonbereich wiederum sind es häufig diese hochgeschraubten Bässe (Hawlata als Sachs), die wegen der zu hohen Tessitura forcieren und nicht singen. Für einen Belcanto-Wagner braucht es aber in der Tat anschmiegsame Dirigenten, die mit den Sängern mitgehen und die das Orchester bändigen. Es ist ein falscher Ansatz, Wagner so zu dirigieren, als handele es sich um sinfonische Werke, bei denen die Gesangsstimmen nur dazu da sind, den Text auf bestimmten Tonhöhen hineinzurufen.
besonders zum letzten Satz, schließlich wollte Wagner ja Musik-Theater, nicht Orchester mit Gesang. Außerdem hat er begeistert über Bellini und dessen Belcanto-Kompositionen geschrieben. Das sollte zu denken geben.
besonders zum letzten Satz, schließlich wollte Wagner ja Musik-Theater, nicht Orchester mit Gesang. Außerdem hat er begeistert über Bellini und dessen Belcanto-Kompositionen geschrieben. Das sollte zu denken geben.
besonders zum letzten Satz, schließlich wollte Wagner ja Musik-Theater, nicht Orchester mit Gesang. Außerdem hat er begeistert über Bellini und dessen Belcanto-Kompositionen geschrieben. Das sollte zu denken geben.
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