Wenn Feinde einander nachahmen, kann das Verhältnis nicht ganz hoffnungslos sein. Schon vor der Geburt Israels hatten die Juden einen "Staat im Aufbruch" aufgebaut: mit Parteien und Parlament, Polizei und (Untergrund-)Armee. Die Palästinenser nennen es from the ground up – eins nach dem anderen, von unten nach oben. Tony Blair, Chef des Nahost-Quartetts, rühmt das Projekt als "helles Licht in der diplomatischen Finsternis".

Das "helle Licht" heißt in Wahrheit Salam Fajad, 61, der Premier Proto-Palästinas, der sich von einem Herzinfarkt erholt. Benjamin Netanjahu hat ihm Genesungswünsche nach Austin, Texas geschickt, ein Zeichen zähneknirschender Hochachtung. Denn Fajad hat vor zwei Jahren einen Paradigmenwechsel ausgerufen. Unter Arafat war die Besatzung die große Ausrede: Wie können wir den Staat aufbauen (freie Wahlen abhalten, die Privatarmeen entwaffnen...), solange uns die Israelis im Nacken sitzen? Heute heißt es: erst Institutionen, Investitionen, Innere Sicherheit, dann der eigene Staat. So haben es die Zionisten gemacht; das können wir auch.

Der Wechsel lässt sich mit Händen greifen – und mit Augen sehen. Das geschätzte Wachstum des Westjordanlandes für 2010 und 2011 liegt bei sieben Prozent. Ramallah, die "Hauptstadt", ist ein Wald von Baukränen; sie wuchert wie São Paulo oder Mexico City und wäre ohne die scharf kontrollierten Übergänge schon mit Jerusalem verwachsen. Noch eindringlicher ist dieses Bild: Traf man sich früher mit PLO-Führern, sei’s in Beirut oder Gaza, sah man harte Jungs in Lederjacke und mit der Automatik im Hosenbund. Heute trifft man Minister im grauen Anzug. Die Revolutionsromantik ist verblasst, es regieren die Technokraten.

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Wachstum und Sicherheit: Beide bedingen einander , und israelische Militärs, die anonym bleiben wollen, loben die palästinensischen Kollegen. Die Zusammenarbeit sei gut, der Terror fast auf null. Dan Diker, der bis vor Kurzem am Jerusalem Center for Public Affairs forschte, sieht das nicht ganz so wohlwollend. "Fajad konnte die Speerspitze des Terrors, die Al-Aksa-Brigaden, nicht entwaffnen; sie haben bloß darauf verzichtet, ihre Waffen in der Öffentlichkeit zu tragen." Doch auch er gibt zu, was Weltwährungsfonds und Weltbank inzwischen zelebrieren: "Von unten nach oben" funktioniere.

Stolz zählt Planungsminister Ali Jarbawi die Leistungen des Fajadismus auf, obwohl in seinem waffenlosen Büro noch immer ein Bild von Arafat hängt, aber keines vom Premier: "In zwei Jahren haben wir 180 Schulen gebaut, 2000 Kilometer Straßen geflickt oder trassiert, 700 Kilometer Wasserleitungen gelegt, 1,5 Millionen Bäume gepflanzt, drei Krankenhäuser eröffnet."

Besonders stolz sind die Fajadisten auf den gerade von der Weltbank veröffentlichten Bericht Improving Governance and Reducing Corruption, den Jarbawi dem Reporter alsgleich in die Hand drückt. Nicht, dass die Korruption verschwunden wäre, insbesondere nicht bei der Vergabe öffentlicher Jobs. Aber die Weltbank vermerkt: Höchstens zehn Prozent der Befragten berichten von Bakschisch-Forderungen, wenn sie mit Polizei, Gerichten oder Gesundheitsversorgung zu tun hatten. In Ägypten sind es bis zu 60 Prozent.

Der Planungschef drückt das so aus: "Wenigstens in dieser Gegend sind wir das Schlusslicht bei der Korruption." Die Weltbank spricht von "Fortschritten" im Regierungssystem, mahnt aber bei Landvergabe und Bau "notwendige Reformen" an. Doch auf diesem Sektor, wo der Staat überall auf der Welt Vorteile zuschanzt oder verweigert, wird Korruption nie ausgerottet werden – siehe Deutschland.