ZEITmagazin: Frau Cornwell, womit erklären Sie sich Ihren Erfolg?

Patricia Cornwell: Egal was ich mache, ich gebe immer mein Bestes. Ich gehe bis an meine Grenzen, wie mühevoll es auch sein mag. Ich weiß noch, wie ich als Kind im Ferienlager kaum das Kletterseil hochkam und der Betreuer sagte: Schon gut, das reicht. Aber ich rief: Nein, nein!, und strengte mich so an, dass meine Arme zitterten. Wow, sagte der Mann, er habe noch nie jemanden sich so plagen sehen. Beharrlichkeit bringt einen weiter als Talent, das ist der Schlüssel zu meinem Erfolg. Und ich sage nie Nein. Welche Gelegenheit, welcher Kontakt auch immer sich bietet: Lass es dir nicht entgehen, auch wenn es wehtut – es könnte dein Leben ändern. Zur Recherche eine Obduktion anzusehen ist hart, aber es hat mich weitergebracht. Da bin ich sehr deutsch. Die Familie meiner Mutter war deutsch.

ZEITmagazin: Ihr Vater verließ die Familie, als Sie fünf waren. Ihre Mutter kam zeitweise in die Psychiatrie...

Cornwell: Es war furchtbar. Oft fühlte ich mich sehr, sehr einsam. Und solange meine Mutter in der Klinik war, hatten wir kein Geld. Meine Kindheit war erbärmlich.

ZEITmagazin: Was hat Sie aus diesem Elend gerettet?

Cornwell: Materiell halfen uns gütige Nachbarn, auch die Kirche. Innerlich gerettet hat mich meine Kreativität. Als Kind habe ich meine eigene Welt erfunden, wenn ich die echte nicht ertrug. Ich schrieb Geschichten, stieg mit meinem Notizbuch auf einen Berg und schrieb Gedichte über das, was ich dort sah. Das waren meine Fluchten.

ZEITmagazin: Später hat sich Ruth Graham Ihrer angenommen, die Frau des Fernsehpredigers Billy Graham. Sie wohnte in der Nähe.

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Cornwell: Oh ja, ihr verdanke ich so viel! Ich war 19, hatte die Schule geschmissen und Essstörungen, fühlte mich als kompletter Versager. Ich dachte, ich sei nutzlos. Und da kam Ruth. Sie lud mich zum Essen in ihr Haus ein, gab mir Notizbücher und sagte: Schreib weiter! Diese Lady, deren Bekanntschaft jedem eine Ehre gewesen wäre, interessierte sich für mich. Sie sagte sogar, ich sei etwas Besonderes, das habe sie immer gespürt. Ich bin so dankbar, dass sie mein Talent erkannt und mir die Selbstachtung wiedergegeben hat. Sie hat mich gerettet. Ohne sie wäre ich nie geworden, was ich bin.

ZEITmagazin: Ist Kay Scarpetta, die kühle Heldin Ihrer Romane, eigentlich Ihr Alter Ego?

Cornwell: Schwer zu sagen. Sie ist strukturierter als ich. Vor dem Schreiben plane ich nicht groß. Es ist, als malte ich ein Bild. Am Ende frage ich mich dann: Wie habe ich das geschafft? Scarpetta ist cool und sachlich, ich bin eher künstlerisch, eine unstete Persönlichkeit.

ZEITmagazin: Sie litten unter einer bipolaren Störung.

Cornwell: Nennen wir es Stimmungsschwankungen. Vermutlich haben viele Künstler so etwas, manchmal denke ich sogar: Was täte ich ohne sie? Denn man fühlt dabei sehr intensiv und kann dann manches viel kräftiger schildern.

ZEITmagazin: Es heißt, dass Sie unfreiwillig als lesbisch geoutet wurden. Stimmt das?

Cornwell: Freunde haben das getan, sie waren eifersüchtig auf meinen Erfolg. Das verwindet man nie ganz. Ich hatte ja kein Geheimnis daraus gemacht: Wer fragte, bekam eine Antwort. Aber dass jemand es verwendet, um dir zu schaden, tut weh. Eigentlich sollte es heute gleichgültig sein, mit wem du lebst. Aber es gibt noch so viel Diskriminierung, gerade in den Vereinigten Staaten.

ZEITmagazin: Seit 2005 sind Sie nun mit einer Frau verheiratet, mit der Psychiaterin Staci Gruber. Wie hat sie Ihr Leben bereichert?

Cornwell: Sie gibt mir etwas, das ich nicht kaufen oder verdienen kann – eine wundervolle Beziehung. Mit ihr bin ich nicht einsam. Bei unserer ersten Begegnung wusste ich sofort, ich muss diese Frau näher kennenlernen, vorher gehe ich hier nicht weg. Staci ist unglaublich smart, es gibt fast nichts, was sie nicht kann. Manche sagen: Wie gut, dass sie Psychiaterin ist und dir bei deinen Stimmungsschwankungen helfen kann. Aber so ist es doch nicht! Letztlich ist man immer für sich selbst verantwortlich. Das Leben in die Hand nehmen, das kann niemand für dich tun.

ZEITmagazin: Und Staci akzeptiert Sie so, wie Sie sind?

Cornwell: Absolut. Eine Gefahr des Ruhms ist, dass andere nicht dich lieben, sondern das Bild, das sie von dir haben. Sie lassen sich von deinem Namen blenden und vom Geld – und sehen nicht das kleine Kind.

ZEITmagazin: Das Kind, das in Ihnen steckt?

Cornwell: Tief drin bin ich noch das kleine Mädchen, das auf dem Berg in sein Buch schreibt und malt. Mal traurig, dann wieder ganz verträumt. Diesen Teil von sich darf man nie verlieren, denn dort wohnt die Kreativität. Man kann keine Beziehung führen mit jemandem, der dieses Kind nicht versteht. Staci versteht es.