Als der Festredner seine Ansprache beginnt, rollen die Jugendlichen gelangweilt mit den Augen. »Liebe junge Freunde, heute ist also der Tag gekommen, an dem wir euch in den Kreis der Erwachsenen aufnehmen«, verkündet er salbungsvoll. Die Worte donnern durch den »Erzhammer«, das Veranstaltungshaus von Annaberg-Buchholz. Rund 200 Gäste sitzen im Saal. Väter zücken ihre Videokameras, Omas kramen nach Taschentüchern, irgendwo kreischt ein Kleinkind.

Plötzlich hört man ein herzhaftes Gähnen aus Reihe eins. Es folgen Pfiffe, nervöses Gemurmel im Saal. Dann schreit ein Mädchen »Laaangweilig!« und stürmt auf die Bühne. »Kannste alles streichen, Mann!«, ruft sie dem Redner zu. »Das ist ein halbes Jahrhundert her!« Erst jetzt erkennen die irritierten Gäste: Der Mann und das Mädchen sind Schauspieler. Sie nehmen das angestaubte Image der Jugendweihe auf die Schippe.

Der Sächsische Verband für Jugendarbeit und Jugendweihe hat diese Feierstunde organisiert. Von April bis Juni richtet er sie für 11.000 Jugendliche aus, fast die Hälfte aller Achtklässler im Freistaat. Nur etwa 15 Prozent feiern bei anderen Anbietern, und ein Fünftel lässt sich konfirmieren oder firmen. Der Verein hat nahezu das Monopol auf die Jugendweihe in Sachsen. Wie hat er das geschafft?

Er ist die Nachfolgeorganisation der »Ausschüsse für Jugendweihe in der DDR«, jenes staatlichen Betriebes, der einst das sozialistische Fest organisierte. Als dieser nach 1989 abgewickelt wurde, formierte sich Widerstand unter Eltern und ehemaligen Mitarbeitern. »Die Jugendweihe plötzlich sterben zu lassen«, sagt Klaus-Peter Krause, »das hätte eine Revolte gegeben.«

Krause, 66, ein ehemaliger Geschichtslehrer, ist Präsident des sächsischen Verbandes und Vizepräsident des Vereins Jugendweihe Deutschland, den er mit gegründet hat. Er war es, der 1990 organisatorische Hilfe aus Dresdens Partnerstadt Hamburg holte. Aus Hamburg? Ja, denn die Jugendweihe gab es auch im Westen, sie ist keine Erfindung der DDR. Vor etwa 160 Jahren riefen freireligiöse Gemeinden, die die Abkehr von christlichen Dogmen forderten, sie als Alternative zu kirchlichen Ritualen ins Leben. Gewerkschaften und Parteien politisierten die Veranstaltung am Ende des 19. Jahrhunderts. In der Weimarer Republik erlebte sie einen regelrechten Boom; vor allem in Arbeiterstädten wie Hamburg und Berlin, wo sich bis zu einem Drittel der Jugendlichen säkular »weihen« ließen. Die Nazis verboten deshalb nach ihrer Machtergreifung die proletarische Jugendweihe.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Ritual in allen Besatzungszonen wieder eingeführt. Doch im Osten wurde die SED misstrauisch: Die Jugendweihefeiern waren nicht auf den Sozialismus geeicht. Deshalb verbot man sie 1950, merkte jedoch bald, dass die Bindung der Jugend an den Staat elementar war. So begann die sozialistische Instrumentalisierung. Hatten 1955 an der ersten DDR-Jugendweihe noch 17 Prozent aller Achtklässler teilgenommen, stieg ihre Zahl in wenigen Jahren auf 97 Prozent. Die politische Kontamination im Osten bedeutete zugleich das Ende für die Jugendweihe im Westen: Dort galt der Festakt bald als DDR-gesteuert und kommunistisch unterwandert. Die Teilnehmerzahlen sanken in dem Maß, in dem sie auf der anderen Seite der Mauer stiegen.

Nach der Wende strich der neue Jugendweihe-Verein das Gelöbnis, mit dem der Nachwuchs einst versichert hatte, »für die große und edle Sache des Sozialismus zu arbeiten und zu kämpfen«, und berief sich auf humanistische Wurzeln. Man schuf Landesverbände, gab sich eine neue Satzung, eine neue Leitung, ein neues Programm und einen neuen Namen. »Damit jeder sehen konnte, dass wir es anders meinen«, sagt Renate Mizera, Mitarbeiterin im Dresdner Regionalbüro des Vereins.