Stilkolumne Knittert das nicht leicht?

Tillmann Prüfer über Papiermode

Nichts für Regen, aber sonst stabil: Papier-Handtasche von Saskia Diez, 99 Euro

Nichts für Regen, aber sonst stabil: Papier-Handtasche von Saskia Diez, 99 Euro

Als Meister Geppetto die Holzfigur Pinocchio schnitzte, da gab er ihr Kleider aus Papier. Etwas anderes konnte er sich nicht leisten. Heute wäre der Holzkopf damit vermutlich ganz gut angezogen. Denn Papier ist einer der Werkstoffe, mit denen zurzeit am meisten experimentiert wird. Papiermode gibt es von Hussein Chalayan, A.F. Vandevorst, Walter Van Beirendonck, Dirk Van Saene und Issey Miyake. Die Münchner Designerin Saskia Diez hat eine Serie von überraschend stabilen Handtaschen aus Papier geschaffen, und die Schmuckdesignerin Ina Seifart faltet Goldpapier zu kleinen Schlüsselanhängern in Schiffchenform. Nicht nur in der Mode spielt Papier gerade eine große Rolle: Möbel aus Papier sind derzeit nicht billiger als solche aus Holz, und in einer kürzlich präsentierten Autostudie der Marke Mini wurde Papier als Füllmaterial für die Türen verwendet.

Für die Mode ist Papier schon seit langer Zeit interessant. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts half man sich mit Papiermanschetten und nutzte das Material, um Kragen steifer zu machen. Legendär ist die mit Stoff bespannte Hemdbrust aus Karton, die man um 1900 unter dem Smoking trug.

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Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick

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Erst in den sechziger Jahren wurde Papier in der Mode anders gewertet. So brachte die US-Firma Scott Paper 1966 das erste Papierkleid auf den Markt. Es war als Gag gemeint, aber die Kreation löste einen Hype aus. Papier galt damals vielen als Stoff der Zukunft. Es war ideal für die Wegwerfgesellschaft. Man würde beschädigte Kleider nicht mehr ausbessern, sondern einfach zusammenknüllen und entsorgen. Auf das Papier wurden futuristische Ideen projiziert: Papiermode wäre nicht nur beliebig reproduzierbar, und jeder würde sie sich leisten können. Freilich kamen die Zellstoff-Kleider nie über das Experimentierstadium hinaus.

Heute wird Papier wieder mit neuen Augen gesehen. In Zeiten, in denen man sich der Knappheit der Ressourcen bewusst ist, steht es für Nachhaltigkeit. Der Mensch möchte keine Rohstoffe verschwenden, er möchte nichts von Dauer hinterlassen. Es reicht, wenn der Atommüll den folgenden Generationen erhalten bleibt, wenigstens unsere Hosen sollen sich schnell auflösen. So hat jede Generation ihren Spaß an diesem Werkstoff. Und das Papier – ist geduldig.

 
Leser-Kommentare
  1. Das A und O eines jeden Origamistücks ist sorgfältiges Kniffen. Denn die Kniffe bleiben, auch wenn der Rest knittert. Wie bei einem Plissèrock. Und nachhaltig sind Arbeiten aus Papier sowieso. Man kann wirklich JEDES Papierstück verwenden und in ein Kunststück verwandeln:
    Fahrscheine ( http://skizzenblockg.blog... ), Bons, Packpapier, Geschenkpapier, oder vor allem eben Goldpapier...

  2. An sich finde ich die Idee echt gut. Allerings wäre es interessant zu wissen wieviel Bekleidung aus Papier kostet, schließlich muss das Papier speziell behandelt werden um gute Trageeigenschaften zu gewährleisten.

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