Öko-Baustoffe... und das hält

Gepresstes Stroh erlebt als nachwachsender Bau- und Dämmstoff in Deutschland eine Renaissance. von Lukas Grasberger

Baumeister Björn Meenen steht auf dem Dach der Villa Bellevue, des jüngsten Strohballenhauses der Siedlung Sieben Linden in Sachsen-Anhalt. Unter ihm tragen Helfer Lehmputz auf eine goldgelb leuchtende Wand aus Strohquadern auf. Ein halbes Dutzend Strohballenhäuser – die größte Ansammlung dieses Bautyps in Deutschland – steht hier in dem Ökodorf. Pionier Meenen hat an allen mitgebaut, schon an der 2001 begonnenen Villa Strohbund. Sie war eines der ersten Gebäude dieser Bauweise in Deutschland.

Der gelernte Schreiner Meenen ist Mitbesitzer der Häuser – als Mitglied der Siedler-Genossenschaft. Diese kaufte 1997 im ostdeutschen Nirgendwo günstig Boden, um ein ökologisch-soziales Modellprojekt aufzubauen. Ihre Häuser sollten sowohl beim Bau als auch später beim Wohnen möglichst wenig Energie verbrauchen, Baumaterial aus der Region hatte Vorrang. Dafür gab es Vorbilder.

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Ende des 19. Jahrhunderts errichteten Wanderarbeiter im US-Bundesstaat Nebraska Hütten aus Heu und Stroh. Sie machten aus der Not eine Tugend, in den dortigen Sandhills gab es zwar viel Gras, aber kaum Holz. Also pressten sie Heu und Stroh zu soliden Blöcken und bauten 70 Strohballenhäuser. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam die Bauweise aus der Mode. Erst 1974, inmitten der Ölkrise, erlebte die Technik eine neue Blüte: Mehr als 13.000 Strohhäuser stehen mittlerweile in den USA. Die Siedler in Sieben Linden sahen im Stroh nicht nur den nachhaltigen Baustoff. Fast wichtiger war ihnen anfangs die leichte Handhabbarkeit der Ballen. »Für ein solches Haus braucht man kaum Maschinen, nur Handkreissäge, Schrauber – und viele Hände.« Silke Hagmaier erinnert sich gern an ihren »Bauplatz, an dem die Vögel meist das Lauteste waren«. Sie wohnt in der Villa Strohbund. Deren Bau erforderte zwar nur wenige Prozent der sonst üblichen energetischen und materiellen Ressourcen, aber er zog sich lange hin, von 2001 bis 2004. Ein Haus aus Stroh? Mit dieser Idee biss sie bei deutschen Behörden auf Granit.

»Wir hatten es wahnsinnig schwer, mussten mit unserem Haus das Eis für diese Bauweise brechen«, erzählt Silke Hagmaier. Die Sieben-Lindener bezahlten die Feuertests, vertieften sich als Autodidakten in die Bautechnik. Sie gründeten 2002 den Fachverband Strohballenbau (Fasba), der eine erste bauaufsichtliche Zulassung von Strohballen erkämpfte. Mittlerweile sind die Seminare, die Björn Meenen anbietet, fast immer ausgebucht. Bauherren setzen die nachhaltige Technik inzwischen in vielen Staaten Europas um. In Deutschland stehen bereits mehr als 150 Strohballenhäuser, laut Fasba soll ihre Zahl bis 2012 auf 500 anwachsen. »Die Tendenz ist stark steigend«, bestätigt der Architekt Benjamin Krick. Er hat an der Universität Kassel über Strohballenbau promoviert.

Forscher wie er haben sich mit dem Thema gründlich befasst. Sie konnten Vorurteile entkräften, sehen aber auch die Grenzen. Die verbreitete Angst, Bauen mit Stroh sei brandgefährlich, haben staatliche Prüfstellen widerlegt. So hielt bei der Braunschweiger Materialprüfanstalt für das Bauwesen eine verputzte Strohballenwand eine halbe Stunde den Flammen stand – die übliche Anforderung für Ein- und Zweifamilienhäuser. Bei einem Test in Österreich trotzte eine ähnliche Wand gar 90 Minuten dem Feuer.

»Werden die Ballen richtig eingebaut, gibt es keinen Grund, warum ein Strohhaus nicht so lange halten sollte wie eines aus mineralischen Baustoffen«, sagt Krick. Mit fast hundert Jahren ist die Fawn Lake Ranch in Nebraska das älteste noch bewohnte Strohhaus. In ihm tragen die gestapelten Ballen die Lasten vom Dach und von den Decken. Benjamin Krick hingegen setzt auf nicht lasttragende Häuser wie die Villa Bellevue, weil sie hierzulande leichter genehmigt werden. Bei ihnen wird eine Holzrahmen-Konstruktion schrittweise mit Strohquadern aufgefüllt. Das Füllmaterial muss bestimmten Bedingungen genügen, die Ballen werden sehr fest aus Getreidehalmen gepresst.

Leserkommentare
  1. Am High Tech Standort Deutschland wurde das Fachwerkhaus erfunden!!!!

    Nachdem Deutschland, als Vorreiter technischer Innovationen, erst einmal alle atom- und corbanbasierte Kraftwerke abschalten will, wurde nun das Fachwerkhaus entdeckt.

    Wie von Leuten von der Staße zu erfahren war, wollen „die Deutschen“ demnächst von Wind, Sonne und Liebe leben. Back to he roots.

    „Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaft gebracht!“

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    mir wird ganz unheimlich zumute! woher nehmen sie eigentlich das recht, sich über alternative bauweisen lustig zu machen? niemand hat verlangt, dass der nobelpreis für lowtech zu vergeben sei! es ist absolut aller ehren wert, ungewöhnliche bauweisen zu erproben und zur serienreife zu treiben und selbst die strohhausbauer gehen davon aus, dass es sich um ein nischenprodukt handelt. was wollen sie denn? mainstream überall? darf über alles, was abseits vom patt ist nicht mehr nachgedacht, nichts erprobt und erst recht nicht darüber berichtet werden? das finde ich doch recht bedenklich.

    Ein Technozentrist!

    • Amreix
    • 08. Juni 2011 8:49 Uhr

    Also, ich habe diese Häuser gesehen und ich empfand sie als sehr angenehm. Die Ängste meines Vorkommentators kann ich überhaupt nicht verstehen, für mich ist ein höherer Wohnkompfort ein Fortschritt auch oder gerade wenn er nicht mit high-tech Materialien erziehlt wird

    • ysaac
    • 08. Juni 2011 9:08 Uhr

    ... Wohlbefinden konterkarieren, scheinen Naturprodukte wieder auf dem besten Wege, nun auch als Baumaterial, vermehrt bei Bauherren Anklang zu finden. Alles bio oder was? In diesem Falle heißt bio Leben.

  2. Das wichtigste wird in dem Artikel nur am Rande benannt: die genaue Wärmedämmung.
    Während Stroh bestens eine WLG von 038 hat, erreicht man mit Styropor WLG 022.
    Styropor dämmt also 70 % besser. Strohdämmung kommt aus Platzgründen selten in Frage.

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    das wichtigste haben SIE noch nicht mal am Rande bemerkt: wenn sie mit Polystyrol dämmen, dann dämmen sie mit 12-14cm ihre Aussenwände, bei Stroh sind es wie im Artikel erwähnt 50cm. Selbst wenn die von Ihnen angegebenen Wärmeleitgruppen stimmten (was sie definitiv nicht tun!!!) hätten sie immer noch nicht gerechnet, denn bei einer mehr als dreifachen Dämmstärke wäre die geringere Dämmqualität des Strohs mehr als ausgeglichen. WLG 022 finden sie bestenfalls bei Polyurethan, einem Werkstoff mit extrem hohem Primärenergieeinsatz (meines Wissens gibt es da auch nur WLG 023). Sie müssen bei Bauten nicht nur die Dämmqualität beurteilen, sondern im Gesamtkonzept den Primärenergieeinsatz, sowie dann im Betrieb noch die Energiequelle. Wie eigentlich kommen sie darauf, dass Polystyrol mit 022 70% besser wäre als 038? Nach meiner rechnung ist der Wärmedurchgang bei WLG022 57,9% dessen von WLG 038. Also: erst denken, zweitens rechnen, drittens informieren und dann viertens schreiben. So aber: fünftens: revidieren!

  3. das wichtigste haben SIE noch nicht mal am Rande bemerkt: wenn sie mit Polystyrol dämmen, dann dämmen sie mit 12-14cm ihre Aussenwände, bei Stroh sind es wie im Artikel erwähnt 50cm. Selbst wenn die von Ihnen angegebenen Wärmeleitgruppen stimmten (was sie definitiv nicht tun!!!) hätten sie immer noch nicht gerechnet, denn bei einer mehr als dreifachen Dämmstärke wäre die geringere Dämmqualität des Strohs mehr als ausgeglichen. WLG 022 finden sie bestenfalls bei Polyurethan, einem Werkstoff mit extrem hohem Primärenergieeinsatz (meines Wissens gibt es da auch nur WLG 023). Sie müssen bei Bauten nicht nur die Dämmqualität beurteilen, sondern im Gesamtkonzept den Primärenergieeinsatz, sowie dann im Betrieb noch die Energiequelle. Wie eigentlich kommen sie darauf, dass Polystyrol mit 022 70% besser wäre als 038? Nach meiner rechnung ist der Wärmedurchgang bei WLG022 57,9% dessen von WLG 038. Also: erst denken, zweitens rechnen, drittens informieren und dann viertens schreiben. So aber: fünftens: revidieren!

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    > WLG 022 finden sie bestenfalls bei Polyurethan, einem
    > Werkstoff mit extrem hohem Primärenergieeinsatz (meines
    > Wissens gibt es da auch nur WLG 023).
    StoTherm Resol – WLG 022 (http://www.sto.de/93323_D...)

    >Wie eigentlich kommen sie darauf, dass Polystyrol mit 022 >70% besser wäre als 038? Nach meiner rechnung ist der >Wärmedurchgang bei WLG022 57,9%
    1 / 57,9% = 1,73: ich habe die 73% auf 70% abgerundet

  4. mir wird ganz unheimlich zumute! woher nehmen sie eigentlich das recht, sich über alternative bauweisen lustig zu machen? niemand hat verlangt, dass der nobelpreis für lowtech zu vergeben sei! es ist absolut aller ehren wert, ungewöhnliche bauweisen zu erproben und zur serienreife zu treiben und selbst die strohhausbauer gehen davon aus, dass es sich um ein nischenprodukt handelt. was wollen sie denn? mainstream überall? darf über alles, was abseits vom patt ist nicht mehr nachgedacht, nichts erprobt und erst recht nicht darüber berichtet werden? das finde ich doch recht bedenklich.

  5. Der jenseitig Jäger @nirvanahunter moniert:

    "...woher nehmen sie eigentlich das recht, sich über alternative bauweisen lustig zu machen?"

    Ja woher nehme ich nur dieses Recht? Nun, wer aus der Geschichte nichts lernt, ist verdammt sie zu wiederholen.

    Ich gehe davon aus, das unsere verehrten Ahnen auch ziemlich clevere Leute waren. Irgendwann sind sie dann „auf den Trichter gekommen“ doch lieber in Stein zu bauen. Auch und vor allen auf dem Dorf wurden seit zwei drei Jahrhunderten Erweiterung- Ersatz- und Neubauten nicht mehr aus Lehm und Stroh errichtet.

    Es gibt darüber sogar moderne Märchen. Ich empfehle „Die Geschichte von den drei Schweinchen“ zur Vertiefung der Problemantik.

    Wenn jetzt irgendwelche Romantiker ihre Häuser wieder nach der alten Weise errichten wollen, auf Orkney kann man sich sogar Anregungen für Erdhäuser holen, bitte sehr.

    Nur das ist nicht der Punkt. Denn hier geht es um Abgreifen von Subventionen. Mit anderen Worten, die Allgemeinheit, du und ich, sollen die tollen „Ökohäuser“ zum Großteil bezahlen.

    Bitte achten Sie beide auf einen sachlichen Umgangston und verlieren Sie sich nicht in persönliche Streitigkeiten. Danke. Die Redaktion/er

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    sie haben mir immer noch nicht erklärt, woher sie das recht nehmen sich lustig zu machen. sie führen doch nur gemeinplätze an. ohne substanz.

    vielleicht haben sie ja aufmerksamer gelesen als ich, aber wo steht denn was von subventionen?

    • siljan
    • 08. Juni 2011 10:33 Uhr

    Wo steht da was von Subevention? Jetzt bin ich den Artikel dreimal durch und immer noch nix. Bezahlt haben Sie. Aus eigener Tasche. Die Brandrests und alles andere was in Deutschland DIN gebietet und worüber Sie sich in AMiland scheckig lachen würden wo jeder draulos hämmern darf wie es ihm beliebt.

    Aber es gibt wohl Leute die hören BIO und ÖKO und schon sidn die Feinbilder erfüllt.

    Was die Bauweise per se angeht? Die hat man eher vor 50 Jahren endgültig aufgegeben den vor 200. Grund? Stein wurde mit der fortschreitenden industrialisierung im Steinbruch wie bei der Ziegelbrennerei halt billiger und brachte mehr Prestige. Ob das Resultat besser war möchte ich beim Anblick so manches Siedlerhäuschesn und Bauernhauses aus der Zeit bezweifeln.

    Summa summarum. Lasst Sie doch. Tun niemandem weh...Oder Sie nenen mir ne Quelle wo die jungs und Mädels mal Subventionen abgreifen

    • polka
    • 15. Juni 2011 10:41 Uhr

    es gibt bereits ein weit verbreitetes sick-building-syndrom, also eine Menge Menschen, die an den innovativen Chemiecoctails, die sie in ihren Häusern haben, erkranken.
    Wenn Sie schon mal in einem mit Styropor gedämmten Haus gelebt haben, in dem die Wände auch noch mit Tapete beklebt und Dulux bestrichen waren und dann in ein Haus mit 6 cm dickem Lehmputz, Wandheizung und last but not least mit Naturfarben gestrichenen Wänden gezogen sind - so wie ich - dann werden Sie nie mehr tauschen wollen. Ersteres fühlt sich dagegen an wie eine Plastiktüte. Also ich meine, das Bauen geht in die richtige Richtung und ist begrüssenswert.

  6. > WLG 022 finden sie bestenfalls bei Polyurethan, einem
    > Werkstoff mit extrem hohem Primärenergieeinsatz (meines
    > Wissens gibt es da auch nur WLG 023).
    StoTherm Resol – WLG 022 (http://www.sto.de/93323_D...)

    >Wie eigentlich kommen sie darauf, dass Polystyrol mit 022 >70% besser wäre als 038? Nach meiner rechnung ist der >Wärmedurchgang bei WLG022 57,9%
    1 / 57,9% = 1,73: ich habe die 73% auf 70% abgerundet

    Antwort auf "@naemberch"
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    und wie steht's mit der dämmstärke?

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