Adolf Hitler berät sich 1941 im Führerhauptquartier mit seinen Kriegsgenerälen, darunter Halder, Keitel and Brauchitsch. © Heinrich Hoffmann/Keystone/Getty Images

Fast zwanzig Jahre lang hatte Adolf Hitler vorgehabt, die Sowjetunion anzugreifen, am 22. Juni 1941 war es so weit: Das Unternehmen Barbarossa begann. Bereits im Dezember 1922, zwei Jahre nach Gründung der NSDAP, hatte er erklärt, die Zerstörung Russlands »mit Hilfe Englands« sei nötig, um Raum zu schaffen für deutsche Siedler und die deutsche Wirtschaft. 1926, als der zweite Band seines programmatischen Bekenntnisbuches Mein Kampf erschien, gehörte der Gewinn von »Lebensraum« auf Kosten Russlands zu den Kernelementen seiner Vorstellungen und Ziele. Hitlers obsessiver Judenhass fand seine außenpolitische Entsprechung in seinem Hass auf die Sowjetunion und in der Verachtung der »minderwertigen slawischen Rasse«. »Das Ende der Judenherrschaft in Rußland«, schrieb er, »wird auch das Ende Rußlands als Staat sein.« Es scheint fast so, als sei ihm das Vernichten wichtiger gewesen als das Erobern.

Allerdings führt keine gerade Linie von Hitlers ideologischen Überzeugungen der zwanziger Jahre zu den spezifischen strategischen Entscheidungen und konkreten militärischen Weisungen, die 1941 in den Überfall auf die Sowjetunion mündeten. Der Weg zum Unternehmen Barbarossa war gewunden, voller Abzweigungen und Hindernisse. Auch entsprang dieser Krieg keineswegs allein Hitlers Willen. Beim »Lebensraum«, was auch immer er selbst darunter verstand, handelte es sich um kaum mehr als einen vagen Begriff, der eine Expansion zu irgendeinem zukünftigen Zeitpunkt implizierte und innerhalb der Machtelite unterschiedlich interpretiert werden konnte.

Die Sowjetunion spielte bis 1939 nur eine untergeordnete Rolle in der Entwicklung der außenpolitischen Strategien des Regimes. Als Hitler im November 1937 seine expansionistischen Absichten in einem langen Vortrag vor seinen Heerführern und seinem Außenminister konkretisierte, erwähnte er die Sowjetunion kaum. Die Aussicht auf einen Krieg gegen die Westmächte, nicht gegen Moskau, bildete in den Jahren 1938 und 1939 das beherrschende Thema. Dazu gehörte eine Entscheidung, mit der Hitler im August 1939 die Welt überraschte: Er revidierte schlagartig Jahre antisowjetischer Propaganda und Programmatik und willigte in den zynischen Nichtangriffspakt mit Stalin ein – ein Handel, der beiden Seiten sehr zupasskam.

Doch trotz dieser vermeintlichen Kehrtwende und ungeachtet der Frage, wie opportunistisch seine außenpolitischen Schachzüge in den Jahren davor gewesen sein mögen, waren Hitlers Vorstellungen unverändert geblieben. Bereits in seiner allerersten Ansprache als Reichskanzler vor den Generälen der Reichswehr hatte er am Abend des 3. Februar 1933 in der Berliner Wohnung des Chefs der Heeresleitung, Kurt von Hammerstein-Equord, die »Eroberung neuen Lebensraums im Osten und dessen rücksichtslose Germanisierung« angekündigt.

Auch als es bald darauf um die drastische Beschleunigung der Wiederaufrüstung ging, spielte das alte Motiv eine Rolle. Hitlers geheime Denkschrift zum deutschen Vierjahresplan vom August 1936 – als der Beginn des Spanischen Bürgerkriegs seine Aufmerksamkeit auf die »bolschewistische Bedrohung« lenkte – beruhte auf der Prämisse eines unausweichlichen Krieges mit Russland. Ein Jahr darauf bezeichnete der Diktator im privaten Kreis den Bolschewismus als »die Gefahr, die wir einmal niederschlagen müssen«. Und 1939 drohte er nur Tage vor seinem Pakt mit Stalin: Falls die Westmächte sich nicht fügten, »werde ich gezwungen sein, mich mit den Russen zu verständigen, den Westen zu schlagen und dann nach der Niederlage mich mit meinen versammelten Kräften gegen die Sowjetunion zu wenden«.