Russische Archäeologen graben im Mai 2011 in den Wäldern von Nowgorod nach den sterblichen Überresten gefallener sowjetischer Soldaten. © Mikhail Mordasov/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Herr Wette, als im Dezember 1955 die letzten deutschen Gefangenen aus russischer Kriegsgefangenschaft heimkehrten, leisteten sie im Durchgangslager Friedland einen Eid »vor dem deutschen Volk«: Sie hätten sich im Feldzug gegen die Sowjetunion strikt an die internationalen Regeln des Krieges gehalten.

Wolfram Wette: Ein kollektiver Meineid! Und absolut typisch für die Zeit. Die Verbrechen der NS-Jahre wurden generell beschwiegen oder verleugnet. Im Falle des Ostfeldzugs aber kam noch etwas hinzu: Der Antibolschewismus der Nazizeit lebte im Antikommunismus des beginnenden Kalten Krieges fort. Der Krieg gegen die Sowjetunion konnte dadurch auch rückblickend noch als legitim erscheinen. Die Leute, die unter Adenauer gegen alles Kommunistische hetzten, waren dabei mitunter dieselben, die unter Hitler antibolschewistische Propaganda betrieben hatten.

ZEIT: Und nach wie vor hieß es: Die Russen kommen!

Wette: Ja, das war die Angstfantasie der Westdeutschen – eine klassische Projektion: Das, was die Deutschen den Russen angetan haben – sie zu überfallen, das Land zu erobern, es auszubeuten, zu zerstören und die Menschen zu ermorden und zu versklaven –, das, fürchtete man, könnten nun auch die Russen mit den Deutschen machen. Darin schwang mit, was man selbst angerichtet hatte und worüber man lieber nicht offen sprach.

ZEIT: Wurde über den Krieg denn nur geschwiegen?

Wette: Nein, überhaupt nicht. Es ist nach 1945 unendlich viel über den Ostkrieg gesprochen und geschrieben worden. Generäle schrieben ihre Memoiren. Offiziere verfassten reihenweise Landserhefte. Oder denken Sie an die Bücher des Goebbels-Manns Paul Karl Schmidt, der sich später Paul Carell nannte: Die standen in jedem Bücherschrank. Da wurde dann der Kampf um Stalingrad als großes Drama geschildert. Auch das Scheitern der Wehrmacht vor Moskau wurde viel beschrieben – als Triumph des russischen Winters über die tapferen deutschen Soldaten. Was den Russlandfeldzug wirklich ausgemacht hat, dass er ein Krieg war, in dem die Deutschen mit allen geltenden Konventionen gebrochen hatten, davon war nirgends etwas zu lesen.

ZEIT: Und die Kriegsursachen – wurde über die diskutiert?

Wette: Es wurde die alte NS-Lüge verbreitet, man wäre Stalin nur zuvorgekommen, die Deutschen hätten sich präventiv gegen die bolschewistische Aggression verteidigt. Die Gesellschaft der fünfziger Jahre bewegte sich da noch immer im Schatten der Nazipropaganda.

ZEIT: Als 1955 die Bundeswehr gegründet wurde, wollte man einen Trennstrich zur Wehrmacht ziehen. Ist das gelungen?

Wette: Kaum. Adenauer hat einmal scherzhaft gesagt: Ja, soll ich denn die Bundeswehr mit lauter Leutnants aufbauen? Ich muss doch auf die alten Generäle zurückgreifen. Und das tat er dann. Beispielhaft zeigt das der Fall Adolf Heusinger. Von 1941 bis 1945 stand Heusinger neben Hitler am Kartentisch und hat den Ostkrieg maßgeblich mitgeplant und -geführt. Dieser Mann wurde in den fünfziger Jahren Generalinspekteur der Bundeswehr.