Hitlers Krieg im OstenZähe Legenden

Warum die Deutschen so lange brauchten, um der Wahrheit über den Krieg gegen die Sowjetunion ins Gesicht zu blicken. Ein Gespräch mit dem Historiker Wolfram Wette von 

Russische Archäeologen graben im Mai 2011 in den Wäldern von Nowgorod nach den sterblichen Überresten gefallener sowjetischer Soldaten.

Russische Archäeologen graben im Mai 2011 in den Wäldern von Nowgorod nach den sterblichen Überresten gefallener sowjetischer Soldaten.  |  © Mikhail Mordasov/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Herr Wette, als im Dezember 1955 die letzten deutschen Gefangenen aus russischer Kriegsgefangenschaft heimkehrten, leisteten sie im Durchgangslager Friedland einen Eid »vor dem deutschen Volk«: Sie hätten sich im Feldzug gegen die Sowjetunion strikt an die internationalen Regeln des Krieges gehalten.

Wolfram Wette: Ein kollektiver Meineid! Und absolut typisch für die Zeit. Die Verbrechen der NS-Jahre wurden generell beschwiegen oder verleugnet. Im Falle des Ostfeldzugs aber kam noch etwas hinzu: Der Antibolschewismus der Nazizeit lebte im Antikommunismus des beginnenden Kalten Krieges fort. Der Krieg gegen die Sowjetunion konnte dadurch auch rückblickend noch als legitim erscheinen. Die Leute, die unter Adenauer gegen alles Kommunistische hetzten, waren dabei mitunter dieselben, die unter Hitler antibolschewistische Propaganda betrieben hatten.

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Zeitleiste
Hitlers Krieg im Osten
23. August 1939

© AFP/Getty Images

"Hitler-Stalin-Pakt": Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop und der Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten der Sowjetunion, Wjatscheslaw Molotow, unterschreiben im Beisein Josef Stalins in Moskau einen Nichtangriffsvertrag. In der Folge wird Polen zwischen Deutschland und der Sowjetunion aufgeteilt. Es ist ein Vertrag, der nichts über die wahren Pläne Adolf Hitlers aussagt. Denn schon 1933 hatte Hitler  seine Absicht erklärt, "neuen Lebensraum im Osten" zu erobern.
 

18. Dezember 1940

© Fox Photos/Getty Images

Hitler unterzeichnet seine Weisung Nr. 21 "Fall Barbarossa". Unter diesem Namen beginnt die Planung des Krieges gegen die Sowjetunion. Die Wehrmachtspitze rechnet mit einer Kriegsdauer von maximal vier Monaten. Bis zum Sommer 1941 werden circa 3,3 Millionen Soldaten an der Ostgrenze  zusammengezogen. Am 30. März 1941 sagt Hitler vor den Oberbefehlshabern der Wehrmacht, sein Ziel sei die Auslöschung des sowjetischen Staates, die Vernichtung seiner Träger und die Errichtung einer deutschen Kolonie.

Mai/Juni 1941

© Archivdokument

Kurz vor Beginn des Ostfeldzuges erlassen die Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) und des Heeres (OKH) völkerrechtswidrige Befehle. Es bestehe "kein Verfolgungszwang" für verbrecherische Handlungen deutscher Soldaten gegen feindliche Zivilpersonen. Jeder "aktive oder passive Widerstand" solle "restlos" beseitigt werden. Der sogenannte Kommissarbefehl sieht vor, politische Kommissare der Roten Armee "nach durchgeführter Absonderung zu erledigen".

22. Juni 1941

Deutsche Pioniereinheiten setzen über den Bug. Ohne Kriegserklärung greift Deutschland die Sowjetunion an. Die Heeresgruppe Mitte, die stärkste der drei Heeresgruppen zu Beginn des "Unternehmens Barbarossa", ist zu diesem Zeitpunkt gut 1.000 Kilometer von Moskau entfernt. Einen knappen Monat später ist diese Distanz auf 350 Kilometer zusammengeschrumpft. Bis zum Spätherbst besetzt die Wehrmacht Weißrussland, Teile Russlands und den größten Teil der Ukraine.

Sommer 1941

Mit dem Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion setzt eine massenhafte Flucht der sowjetischen Zivilbevölkerung ein. Im Verlauf des gesamten Krieges fliehen etwa 14 Millionen Menschen vor den deutschen Truppen oder müssen in Sicherheit gebracht werden.

Juli 1941

Etwa zwei Wochen nach Beginn des Ostfeldzuges befiehlt Stalin, jegliche kriegswichtige Infrastruktur in den unsicheren westlichen Regionen zu demontieren und nach Osten abzutransportieren. Im Ural und jenseits entstehen in der Folge Zentren der sowjetischen Rüstungsindustrie. Dort arbeiten zumeist Frauen und Kriegsinvaliden.

16. August 1941

© Hulton Archive/Getty Images

Stalin erlässt den Befehl Nr. 270, der es Rotarmisten verbietet, sich dem Feind zu ergeben. Darin heißt es: "Wer in die Einkreisung geraten ist, hat auf Leben und Tod zu kämpfen und bis zuletzt zu versuchen, sich zu den Unseren durchzuschlagen." Wer die Gefangenschaft vorziehe, sei mit dem Tod zu bestrafen. Bis Ende des Jahres geraten 3,3 Millionen Rotarmisten in deutsche Kriegsgefangenschaft.

August/September 1941

© Hulton Archive/Getty Images

Hitler verlegt den Schwerpunkt des Angriffs auf die Ukraine. In einer gemeinsamen Offensive der Heeresgruppen Süd und Mitte gelingt es der Wehrmacht am 19. September, Kiew einzunehmen. Eine Woche später ist auch die Kesselschlacht im Osten der Stadt endgültig ausgefochten. Rund 700.000 Rotarmisten geraten in deutsche Kriegsgefangenschaft.

Im September beginnt die fast 900-tägige Blockade von Leningrad. Die Stadt der Oktoberrevolution soll ausgehungert werden.

8. September 1941

Bis zur Befreiung am 27. Januar 1944 sterben rund eine Million Bürger Leningrads an Hunger und Kälte.

29./30. September 1941

Wenige Tage nach der Besetzung Kiews nehmen deutsche Verbände unter Generalfeldmarschall Walter von Reichenau sämtliche Juden fest, die noch in der ukrainischen Hauptstadt leben, und treiben sie zur Schlucht von Babi Jar. Binnen zwei Tagen ermordet dort ein Sonderkommando der Einsatzgruppen fast 34.000 Männer, Frauen und Kinder.

2. Oktober 1941

© Julika Altmann für ZEIT Geschichte

Beginn der "Operation Taifun": Für den Vorstoß auf die sowjetische Hauptstadt Moskau hat die deutsche Führung 78 Divisionen zusammengezogen., knapp zwei Millionen Mann. Doch die Offensive gerät bald ins Stocken und wird im Dezember mit einer sowjetischen Gegenoffensive beantwortet. Die Rote Armee treibt die deutschen Verbände bei eisiger Kälte bis zu 200 Kilometer zurück in Richtung Westen.

Dezember 1941

Ende des Jahres 1941 sind bereits 3,3 Millionen Rotarmisten in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten. Von den 5,7 Millionen Rotarmisten, die den Deutschen insgesamt während des Krieges in die Hände fallen, werden gut drei Millionen, also mehr als die Hälfte, durch Hunger, Krankheit und Erschießungen getötet – das Gros davon während der Abtransporte und in den Gefangenenlagern.

Januar 1942

Die ersten "Ostarbeiter" kommen mit Zügen ins Reich. Von 1942 bis 1944 werden insgesamt etwa drei Millionen Menschen aus der Sowjetunion nach Deutschland geschafft, um dort Zwangsarbeit zu leisten. Andere müssen auf dem Boden der Sowjetunion Sklavendienste für die Besatzer verrichten. Betroffen sind vor allem Frauen und Jugendliche, die zu jung sind, um zur Armee eingezogen zu werden.

28. Juni 1942

© Julika Altmann für ZEIT Geschichte

Nachdem Hitlers Ostheer bis Frühjahr 1942 bereits Verluste von mehr als einer Million Soldaten hinnehmen musste – gezählt werden Gefallene, Verwundete, Vermisste –, beginnt im Sommer 1942 der Vorstoß auf die Erdölfelder des Kaukasus sowie auf Stalingrad an der Wolga. Doch die "Operation Blau" läuft bald ins Leere. Sowjetische Truppen gewinnen zunehmend die Initiative.

2. Februar 1943

Die Schlacht um Stalingrad endet mit der Kapitulation der 6. Armee. Bereits im November des Vorjahres sind mehr als 200.000 Wehrmachtsoldaten eingekesselt worden. Die deutsche Niederlage bei Stalingrad wird weltweit als die entscheidende Kriegswende wahrgenommen.

18. Februar 1943

Die Schlacht um Stalingrad endet mit der Kapitulation der 6. Armee. Zwei Wochen später hält Reichspropagandaminister Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast seine berüchtigte Rede. Vor ausgewählten Zuhörern verkündet er den "totalen Krieg". Das Publikum jubelt ihm zu. Die über 100-minütige Rede gilt als Musterbeispiel der nationalsozialistischen Propaganda.

 

20. Mai 1943

© Keystone/Getty Images

In einem der größten Einsätze gegen prosowjetische Partisanen ermordet eine nach SS-Brigadeführer Curt von Gottberg benannte Kampfgruppe in Weißrussland innerhalb von zehn Tagen rund 13.000 Menschen ("Aktion Cottbus"). Die Zahl der Getöteten ist, wie bei derartigen Aktionen üblich, etwa zehnmal so hoch wie die Zahl der erbeuteten Waffen. Insgesamt fallen der Partisanenbekämpfung durch Wehrmacht-, SS- und Polizeitruppen mehr als ein halbe Million Menschen zum Opfer.

5. Juli 1943

© Hulton Archive/Getty Images

In einer letzten Großoffensive versucht die Wehrmachtsführung, die sowjetische Front aufzubrechen, die westrussische Stadt Kursk einzunehmen und damit die Initiative zurückzugewinnen. Dabei kommt es zur größten Konzentration von Kriegstechnik, die die Geschichte bislang kennt. Nach einer guten Woche sieht sich Hitler gezwungen, den Angriff auf Kursk einzustellen. Die Rote Armee dringt unter großen Verlusten weiter nach Westen vor.

Sommer 1943 – Herbst 1944

"Verbrannte Erde": Auf ihrem Rückzug vor der Roten Armee zerstört und entvölkert die Wehrmacht systematisch das Land. Die Deutschen vertreiben die Bevölkerung, hinterlassen kilometerweite Feuersbrünste, zerstören die Infrastruktur, vernichten Vorräte und vergiften Brunnen.

22. Juni 1944

© Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst

Operation "Bagration": Am dritten Jahrestag des Überfalls eröffnet die Rote Armee ihre große Sommeroffensive im Mittelabschnitt der Ostfront. Mit Unterstützung russischer Partisanen zerschlagen die Sowjets innerhalb von wenigen Wochen 28 deutsche Divisionen; die Heeresgruppe Mitte verliert rund 400.000 Soldaten und damit fast drei Viertel ihres vormaligen Gesamtumfangs.

23. Juli 1944

Im Sommer 1944 befreit die Rote Armee als erstes der nationalsozialistischen Vernichtungslager Majdanek. Die SS hat es kurz zuvor überhastet geräumt, Gefangene abtransportiert, Unterlagen vernichtet und Gebäude niedergebrannt. Die Rote Armee findet noch rund 1.000 ausgezehrte und kranke sowjetische Kriegsgefangene vor. In den Vernichtungslagern wurden zusammengenommen mehr als drei Millionen Menschen umgebracht. Insgesamt ermordeten die Deutschen etwa sechs Millionen Juden und mehrere Hunderttausend Sinti und Roma.

Immer schneller verschiebt sich die Front nach Westen. Am 10. Oktober erreicht die Rote Armee die ostpreußische Grenze.

16. April 1945

© Ivan Shagin/Getty Images

Die Rote Armee beginnt ihre Offensive auf Berlin. Obwohl der Krieg schon entschieden ist, muss sie weiterhin hohe Verluste hinnehmen, da viele Deutsche bis zur letzten Sekunde kämpfen. Im Osten wie im Westen Deutschlands inszeniert die Wehrmacht einen apokalyptischen Endkampf. Am 30. April begeht Hitler Selbstmord.

Mai 1945

© Fred Ramage/Getty Images

Millionen deutsche Bewohner aus Ost- und Westpreußen, Pommern, Schlesien, dem östlichen Brandenburg und anderen Siedlungsgebieten im Osten fliehen bis Mai 1945 vor der Roten Armee. Millionen weitere werden in den nachfolgenden Monaten vertrieben. Etwa 600.000 Deutsche kommen auf der Flucht und während der Vertreibung ums Leben.

8./9. Mai 1945

Die Wehrmacht kapituliert. Generalstabschef Alfred Jodl unterzeichnet die Gesamtkapitulation im US-Hauptquartier in Reims. Die Oberbefehlshaber Wilhelm Keitel, Hans-Georg von Friedeburg und Generaloberst Hans-Jürgen Stumpff ratifizieren die Kapitulation am 9. Mai im sowjetischen Hauptquartier in Berlin. Rund 27 Millionen Sowjetbürger haben im Krieg gegen Deutschland ihr Leben verloren.

7. Oktober 1955

Die letzten knapp 10.000 Wehrmachtsoldaten kehren aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück. Insgesamt waren 17 Millionen Deutsche Teil der Wehrmacht. Der überwiegende Teil wurde im Ostfeldzug eingesetzt. Erst in den neunziger Jahren beginnt in der breiten Öffentlichkeit eine kritische Aufarbeitung des Vernichtungskrieges.

Texte: Thomas Dierkes, Beratung: Peter Jahn

ZEIT: Und nach wie vor hieß es: Die Russen kommen!

Wette: Ja, das war die Angstfantasie der Westdeutschen – eine klassische Projektion: Das, was die Deutschen den Russen angetan haben – sie zu überfallen, das Land zu erobern, es auszubeuten, zu zerstören und die Menschen zu ermorden und zu versklaven –, das, fürchtete man, könnten nun auch die Russen mit den Deutschen machen. Darin schwang mit, was man selbst angerichtet hatte und worüber man lieber nicht offen sprach.

Wolfram Wette
Wolfram Wette

Jahrgang 1940, ist Professor (em.) für Neueste Geschichte an der Universität Freiburg.

ZEIT: Wurde über den Krieg denn nur geschwiegen?

Wette: Nein, überhaupt nicht. Es ist nach 1945 unendlich viel über den Ostkrieg gesprochen und geschrieben worden. Generäle schrieben ihre Memoiren. Offiziere verfassten reihenweise Landserhefte. Oder denken Sie an die Bücher des Goebbels-Manns Paul Karl Schmidt, der sich später Paul Carell nannte: Die standen in jedem Bücherschrank. Da wurde dann der Kampf um Stalingrad als großes Drama geschildert. Auch das Scheitern der Wehrmacht vor Moskau wurde viel beschrieben – als Triumph des russischen Winters über die tapferen deutschen Soldaten. Was den Russlandfeldzug wirklich ausgemacht hat, dass er ein Krieg war, in dem die Deutschen mit allen geltenden Konventionen gebrochen hatten, davon war nirgends etwas zu lesen.

ZEIT: Und die Kriegsursachen – wurde über die diskutiert?

Wette: Es wurde die alte NS-Lüge verbreitet, man wäre Stalin nur zuvorgekommen, die Deutschen hätten sich präventiv gegen die bolschewistische Aggression verteidigt. Die Gesellschaft der fünfziger Jahre bewegte sich da noch immer im Schatten der Nazipropaganda.

ZEIT: Als 1955 die Bundeswehr gegründet wurde, wollte man einen Trennstrich zur Wehrmacht ziehen. Ist das gelungen?

Wette: Kaum. Adenauer hat einmal scherzhaft gesagt: Ja, soll ich denn die Bundeswehr mit lauter Leutnants aufbauen? Ich muss doch auf die alten Generäle zurückgreifen. Und das tat er dann. Beispielhaft zeigt das der Fall Adolf Heusinger. Von 1941 bis 1945 stand Heusinger neben Hitler am Kartentisch und hat den Ostkrieg maßgeblich mitgeplant und -geführt. Dieser Mann wurde in den fünfziger Jahren Generalinspekteur der Bundeswehr.

Leserkommentare
  1. Artikel / Interview haben einen guten Ansatz. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass auf manche Antworten des Herrn Wette nochmals genauer eingegangen wäre, wie beispielsweise auf die Verwicklungen Adenauers mit ranghohen Vertretern des NS-Staates. Ob Militär, Geheimdienst oder sein persönliches Umfeld, überall wimmelte es von ehemaligen Nazis.

    Trotzdem danke für das informative Interview.

    Eine Leserempfehlung
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    http://www.mitteleuropa.d...
    Wladimir Sergejew ist ein bekannter Reporter und Publizist, der sich vor allem mit Fragen der Zeitgeschichte beschäftigt. Tabus akzeptiert er nicht. Wie eine Bombe schlug sein Gedenkartikel zum diesjährigen 22. Juni ein, veröffentlicht in der auflagenstarken Moskauer Kulturzeitschrift "Literaturnaja Gaseta" vom 21. Juni (Folge 25). Schon die Überschrift des Dreispalters signalisiert eine Sensation: "Auch wir hatten unseren ‘Barbarossa’. Schukow-Plan ist kein Geheimnis mehr."Im Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation entdeckte Sergejew die 20 handgeschriebenen Seiten der Offensiv-Erwägungen vom 15. Mai 1941, kurz "Schukow-Plan", Stalin vorgelegt von Verteidigungskommissar Semjon Timoschenko und Generalstabschef Grigorij Schukow. Ausgearbeitet nach Weisungen der beiden von Generalmajor Alexander Wassilewskij, damals stellvertretender Leiter der Operativen Abteilung im Generalstab. Das Dokument trägt die Stempel "Streng geheim", "Besonders wichtig", "nur persönlich". In der Beilage befinden sich Karten von Polen, Ostpreußen und Teilen des übrigen Deutschland.

    Sergejew würdigt die wissenschaftlichen Verdienste Viktor Suworows. Das Phänomen "Eisbrecher" gehöre nicht der Vergangenheit an, argumentiert Sergejew, die Kernaussagen im ersten Buch Suworows (1989) seien immer noch aktuell. Die Aufregung im russischen Historikerstreit habe sich nicht gelegt, Suworows Enthüllungsbuch von 1989 erhalte stattdessen jetzt neuen Auftrieb.

    Schwarze Kassen
    Über die Schwarzen Kassen, betrieben von Altnazis und CIA, mit denen die CDU in der Nachkriegszeit finanziert wurde.

    Obwohl da einige Historiker nicht einverstanden sind, erscheint vieles mehr als nur plausibel.

    "Man schüttet kein schmutziges Wasser weg, solange man kein sauberes hat."

  2. Ich bin froh, dass die „Zeit“ sich mit guten Beiträgen um dieses Thema kümmert – all' denen zum Trotz, „die es nicht mehr hören wollen“. Gerade die Diskussion zu den unterschiedlichen Beiträgen auf dieser Online-Plattform zeigt ja, wie stark die Meinungsbildung von Legenden und falsch verstandener Vaterlandsliebe geprägt ist.

    Wer früher – zum Beispiel nach 1968 – mit ehemaligen Wehrmachtsangehörigen sprach, die diesen Krieg mitgemacht hatten, konnte auf Menschen treffen, die sich ihrer Schuld sehr wohl bewusst waren, die sich das aber nicht eingestehen konnten und darum nach Rechtfertigung suchten.

    Diejenigen, die heute die Augen vor den umfassend dokumentierten Fakten verschließen, tun sich mit dem Akzeptieren wohl auch deshalb schwer, weil sie den Krieg nicht erlebt haben. Ihre ganze Weisheit beziehen sie aus alten Wochenschau-Schnipseln und ein paar niedergeschriebenen Lebenserinnerungen. Das macht die Aufklärungsarbeit unendlich viel schwerer.

    Im Übrigen bin ich davon überzeugt, dass die grenzübergreifende Aufarbeitung der Geschehnisse mehr zum Abbau von Vorurteilen beiträgt als viele Sonntagsreden. Wenn es also eine militärische Einrichtung gibt, deren Arbeit in dieser Hinsicht wirklich Sinn macht, ist es das Militärgeschichtliche Forschungsamt.

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    "nicht mehr hören wollen" ist es bei vielen nicht.
    Sondern schlicht der Wunsch das das ganze endlich GESCHICHTE ist und nicht mehr laufend auch in der Tagespolitik rausgekramt wird.

    Irgendwann ist einfach ein Punkt erlangt wo sich die geschichtswissenschaft darum kümmern sollte (wenn nicht sogar MUSS) aber das ganze nicht mehr als Maßstab oder sonst irgendwie relevant für die tagespolitik sein sollte.

    Es sind 60 Jahre vergangen, der Krieg ist vorbei, das Regime ist (gott sei dank) weg es wird langsam Zeit das Deutschland nach vorne schaut und nicht immer komplexmäßig nach hinten.

    Als geschichtsunterricht braucht es das ganze da werden ihnen auch die wenigsten widersprechen (ausser denen die sowieso noch dem adolf nachtrauern) aber als Schuldkomplex braucht es das nicht.

    Entfernt. Bitte beachten Sie, dass die Relativierung deutscher Kriegsverbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus hier keinen Platz hat. Danke, die Redaktion/jz

  3. Entfernt. Nutzen Sie den Kommentarbereich bitte, um sich sachlich über den konkreten Artikelinhalt auszutauschen. Danke. Die Redaktion/se

  4. Das Buch von Wassily Grossman, Leben und Schicksal, in Romanform, aber auf wahre Ereignisse basierend, beschreibt den deutschen Angriff auf Russland, hauptsächlich die Schlacht um Stalingrad, die Tötung unzähliger Juden, einschliesslich Grossmans Mutter in der Ukraine. Anfangs glaubten viele Russen, die Deutschen wären ihre Befreier, stellten aber schnell fest, dass Hitler das Ebenbild von Stalin war, viele glaubten, die zwei arbeiteten zusammen!

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    Das taten sie auch.
    Beide Hitler und Stalin wollten Mittel- und Ost-Europa zwischen sich aufteilen und einverleiben.
    Und beiden wolltensie den Juden und die Slavische Völker ausrotten.
    Hitler wollte sie alle physisch ausrotten wollte wegen ihrer vermeinte "Rasse".
    Stalin wollte sie kulturell ausrotten, die Slaven wegen ihrer gläubige Tradition, die nicht im kommunistischen Plan hinein passte, und die Juden wegen ihr Intelligenz und vermeinter westlichen "Kosmopolitusmus". Er wollte, dass alle Völker der UdSSR ihre eigne Traditionen und ausser-Sowjetische Bindungen loswerden, und sich mischen Würden zu einem amorfen Sowjetmensch.

    Hitler hat mit "Barbarossa" ducrh seinem Megalomanie den Vertrag verbrochen.
    Die Folge dessen war, das West-Europa nach 1945 befreit werden konnte: Ost-Europa aber vorher ein grausamer Krieg ausgesetzt war, und nachdem noch mal mehr als 40 Jahre ein neuer Diktatur.

    Ein geniales Meisterwerk der Literatur, alle seine Werke

  5. "nicht mehr hören wollen" ist es bei vielen nicht.
    Sondern schlicht der Wunsch das das ganze endlich GESCHICHTE ist und nicht mehr laufend auch in der Tagespolitik rausgekramt wird.

    Irgendwann ist einfach ein Punkt erlangt wo sich die geschichtswissenschaft darum kümmern sollte (wenn nicht sogar MUSS) aber das ganze nicht mehr als Maßstab oder sonst irgendwie relevant für die tagespolitik sein sollte.

    Es sind 60 Jahre vergangen, der Krieg ist vorbei, das Regime ist (gott sei dank) weg es wird langsam Zeit das Deutschland nach vorne schaut und nicht immer komplexmäßig nach hinten.

    Als geschichtsunterricht braucht es das ganze da werden ihnen auch die wenigsten widersprechen (ausser denen die sowieso noch dem adolf nachtrauern) aber als Schuldkomplex braucht es das nicht.

    Antwort auf "Vielen Dank!"
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    Richtig.
    Aber Lehren aus der Geschichte über Kriegsvorbereitung, Kriegsfolgen und Nutznießer.
    Es scheint an der Zeit zu sein, wieder verstärkt darüber nachzudenken!
    Die Nato und Deuschland bereiten sich auf zunehmende Waffengänge im Ausland zur Sicherung des Zugangs zu Rohstoffen vor. ("Unser Öl", "Unser Gas").
    Dämmerts?

    reden Sie sich ein.

    Der Krieg ist inzwischen über 60 Jahre vergangen, ich bin Jahrzehnte danach geboren worden, ja selbst meine Großeltern waren unter 20 Jahren alt, als dieser Krieg endete. Warum sollte ich mich also für die Verbrechen der Wehrmacht schuldig fühlen? Weil ich Deutscher bin? Darauf hatte ich keinen Einfluss und muss mich daher weder dafür schämen, noch darauf stolz sein.

    Die Verbrechen des Nationalsozialismus waren ein deutsches Verbrechen, aber keines, das nur in Deutschland hätte passieren können. Wir müssen herausfinden, wie eine Kulturnation innerhalb kürzester Zeit in die Barbarei verfallen konnte, wie normale Familienväter unvorstellbare Verbrecher geworden sind und wie man eine solche Entwicklung verhindern kann. Die Deutschen wurden aus sozialpolitischen Gründen zu Monstern, nicht aus genetischen.

    Mit Schuld hat das in meinen Augen nichts zu tun, sondern mit Verstehen-Wollen.

    • Otto2
    • 07. Juni 2011 17:41 Uhr

    JA und NEIN
    "Alles 60 Jahre her" usw.
    Selbstverständlich tragen Kinder und Eltern nicht die Schuld der Handelnden der Kriegsgeneration. Selbst von denen haben sich nicht alle (wohl aber die Mehrheit) Schuld aufgeladen.
    Was erzählten uns die Alten (jedenfalls nicht wenige von ihnen) nach dem Krieg? "Nie wieder Krieg", "Lieber ess' ich ein Leben lang trocken Brot, als dass ich das wieder erleben will". Es gibt mehr von solchen Äußerungen.
    Aber, und davor sollte man nicht die Augen schließen: Es ist nicht lange her, da ging es um das Auswärtige Amt der Nazis und seine Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen und Völkermord. UND um personelle Kontinuität zwischen dem AA der Nazis und dem AA der alten Bundesrepublik. Genau da lag der Hase im Pfeffer: Der Widerstand aus dem AA und von ehemaligen Mitarbeitern gegen Veröffentlichungen der "Verstrickungen" waren enorm.
    Für mich lässt das nur eine Schlussfolgerung zu: Da empörten sich Leute, die sich als Zöglinge der ehemaligen Nazis im AA verstanden!

  6. http://www.mitteleuropa.d...
    Wladimir Sergejew ist ein bekannter Reporter und Publizist, der sich vor allem mit Fragen der Zeitgeschichte beschäftigt. Tabus akzeptiert er nicht. Wie eine Bombe schlug sein Gedenkartikel zum diesjährigen 22. Juni ein, veröffentlicht in der auflagenstarken Moskauer Kulturzeitschrift "Literaturnaja Gaseta" vom 21. Juni (Folge 25). Schon die Überschrift des Dreispalters signalisiert eine Sensation: "Auch wir hatten unseren ‘Barbarossa’. Schukow-Plan ist kein Geheimnis mehr."Im Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation entdeckte Sergejew die 20 handgeschriebenen Seiten der Offensiv-Erwägungen vom 15. Mai 1941, kurz "Schukow-Plan", Stalin vorgelegt von Verteidigungskommissar Semjon Timoschenko und Generalstabschef Grigorij Schukow. Ausgearbeitet nach Weisungen der beiden von Generalmajor Alexander Wassilewskij, damals stellvertretender Leiter der Operativen Abteilung im Generalstab. Das Dokument trägt die Stempel "Streng geheim", "Besonders wichtig", "nur persönlich". In der Beilage befinden sich Karten von Polen, Ostpreußen und Teilen des übrigen Deutschland.

    Sergejew würdigt die wissenschaftlichen Verdienste Viktor Suworows. Das Phänomen "Eisbrecher" gehöre nicht der Vergangenheit an, argumentiert Sergejew, die Kernaussagen im ersten Buch Suworows (1989) seien immer noch aktuell. Die Aufregung im russischen Historikerstreit habe sich nicht gelegt, Suworows Enthüllungsbuch von 1989 erhalte stattdessen jetzt neuen Auftrieb.

    Antwort auf "guter ansatz"
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    Die Bücher, auf die Sie verweisen, sind hoch umstritten. Man lese hier aus der neusten "Welt" (nicht gerade ein linkes Blättchen):
    http://www.welt.de/kultur...

  7. Das der Ostfeldzug ein schmutziger Krieg gewesen ist galt für mich und vielen meiner Bekannten als Allerweltsweisheit.
    Selbstverständlich war nach dem Krieg niemand scharf darauf sich ständig dem eigenen Versagen zu stellen. Und auch klar, dass es dem Aufbau der Bundeswehr kaum gut getan hätte, das Führungspersonal, dessen militärisches know how gebraucht wurde, in seiner Autorität zu diskreditieren.
    Der Deal lautete Still halten, Fach know how liefern und bloss den Demokraten nicht in die Quere kommen.
    Das hat u.a. dazu beigetragen, dass undemokratisches Gedankengut nach dem Krieg keine politische Rolle gespielt hat. Die "Herren" hatten allzu viel zu verlieren.
    Allerdings gab es nach dem Krieg zum Nationmalsozialismus Literatur in Hülle und Fülle und jeder der was dazu lesen wollte, konnte das auch.

    Merkwürdigerweise dünnte diese Literatur Mitte der 60-ziger Jahre erheblich aus.
    Man kann durchaus plausibel vermuten das die bessere Gesellschaft, die gerade vor dem eigenen Nachwuchs (68-ziger) keine Erklärungen abgeben wollte, jede Gelegenheit nutzte die Quellen auszudünnen.
    Das ist aber ein Generationenproblem dieser Kreise durchaus bisi ndie bürgerlichen Mittelschichten hinein, das aber zu Unrecht pauschal verallgmeinert wurde und wird.

    H.

    • WIHE
    • 06. Juni 2011 16:44 Uhr

    So ähnlich: Die größte Schaden der roten Armee sei es gewesen, dass russische Zivilbevölkerung in langen Kolonnen der abrückenden deutschen Wehrmacht angeschlossen habe:

    Mein Vater in einem Brief an meine Mutter vom Okt. 1943:

    Zuerst beschreibt er, dass sie auf ihrem Rückzug jede Stadt, jedes Dorf und jeden Bauernhof angezündet hätten.
    Dann, dass er auf einem Bauernhof gut unter gebracht sei, die Bauersleute ihn gut behandelten und freundlich seien, obwohl sie wüssten, dass morgen ihr Hof abgebrannt würde.

    Dann kommt etwas, das konnte ich erst einordnen, als ich Obiges von A. Solschenizin zu Gesicht bekommen hatte, in der Welt las ich in einem Kommentar zuerst davon.

    Mein Vater schrieb:

    "Ein Teil der Zivilbevölkerung zieht mit uns, der größere Teil versteckt sich in den Wäldern"

    Viele Russen hatten vor der Roten Armee offenbar noch mehr Angst als vor der Wehrmacht.

    Der Brief meines Vater liegt als Zeitdokument bei mir in der Schublade.

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    Dass aus der Zivilbevölkerung viele mit abgerückt sind, ist bekannt und auch nachvollziehbar. Schließlich hatten sich nicht wenige den Deutschen als Kollaborateure angedient, wieder andere fürchteten, (auch unberechtigt) als Kollaborateure verhaftet zu werden. Genau dies geschah dann ja auch nach der Rückeroberung, als die große Abrechnung einsetzte, während der sicherlich 2 Millionen wg. Kollaboration und Kriegsverbrechen verurteilt wurden.

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