Politik und Lyrik Nr. 13 IDENTITÄTSSOG
Jede Woche veröffentlicht die ZEIT Gedichte über Politik. Diese Woche schreibt Monika Rinck über kriegerische Konflikte und den Rückzug ins Private.
Seit dem 10. März versuchen wir im Politikteil der ZEIT, Politik von einer anderen Seite und auf andere Art wahrzunehmen. Elf Lyrikerinnen und Lyriker verfassen eigens für die ZEIT Gedichte, sie zeigen uns ihre Sicht auf die Politik. Mal schreiben sie unabhängig von den Ereignissen, mal gehen sie direkt auf politische Erlebnisse ein. Womit wir anfangs nicht gerechnet hatten, das ist die Fülle und Dichte der Ereignisse, wie wir sie seit Anfang dieses Jahres erleben. Die Gedichte wurden dabei häufig sehr aktuell, einige wurden am Tag nach politischen Entscheidungen oder nach Katastrophen verfasst. Diesmal handelt das Gedicht von kriegerischen Konflikten und dem Rückzug ins Private.
Monika Rinck: IDENTITÄTSSOG
Hier habt ihr eure Welt aus Söldnern und aus Models.
Ich sage: Horden. Horen? Horden sag ich. Und warum?
Die Damen ins Nest, die Herren auf Jagdpfad und töten.
Rosa. Das sagt ja schon alles, dein Großhirn von innen.
Nimm einen Hysteriker als Lupe und wenn du’s gesehn hast,
wirf ihn weg. Merke: Das unverlierbare Selbst begegnet
als Schmerz, als Trauer, als Plüschtier und als Gewalt.
Schau dich um, überall Nischen. Wo andere Nischen hingehn,
wenn sie alleine sein wollen. Gut, dass du anrufst, ich hasse
dich gerade, du, ich könnte dir taumelnde Dinge erzählen,
richtige Knaller! Aber ich weiß ja nicht, ob du das willst, sprechen,
jenseits der Identitäten, glaubst du denn, dass die freie Rede
dich rettete, damals, jemals, dereinst? Als erweiterte Welt?
Der Sog, der von konventionellen Identitäten und der Idee,
sie voll zu erfüllen, her wirkt, besteht auch nur solange,
als man sich dort nicht befindet. Also hör auf zu befinden.
- Monika Rinck
Monika Rinck wurde 1969 in Zweibrücken geboren. 2001 erschien Begriffsstudio 1996–2001 in der edition sutstein, 2004 der Band Verzückte Distanzen im zu Klampen! Verlag. Es folgten bei Kookbooks der Essayband Ah, das Love-Ding! (2006) und der Lyrikband zum fernbleiben der umarmung (2007), 2008 dann das Hörbuch Pass auf, Pony in der edition sutstein. 2009: Helle Verwirrung / Rincks Ding- und Tierleben. Zuletzt Elf kleine Dressuren, mit Max Marek, edition sutstein 2010.
- Datum 31.05.2011 - 17:07 Uhr
- Serie Politik & Lyrik
- Quelle DIE ZEIT, 1.6.2011 Nr. 23
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