Herlinde Molling war schwanger. Es ist der 11. Juni 1961, und die werdende Mutter ist auf geheimer Mission unterwegs nach Vilpian, in ein kleines Dorf unweit von von Bozen. Im Reisegepäck sind Sprengstoff und Zeitzünder versteckt. An ihrem Ziel befestigen die damals 25-jährige Innsbruckerin und ihr Mann Klaudius ihre Bombe an einem Strommast. Dann kehrt das Paar wieder heim. Heim zur erstgeborenen Tochter und dem bürgerlichen Leben, das die Familie der Kunsthistorikerin führt, wenn die Eltern nicht gerade für die Wiedervereinigung Tirols kämpfen. Wenige Stunden später kracht es in der Herz-Jesu-Nacht, in der seit Jahrhunderten Gipfelfeuer die Treue der Tiroler zu ihrem Schutzpatron bekunden.

Vor 50 Jahren begingen die patriotischen Alpenbewohner den katholischen Festtag mit einem Fanal des Widerstands: Insgesamt wurden in dieser Feuernacht 37 Anschläge auf Hochspannungsleitungen südlich des Brenners verübt. Die »Bumser«, wie die Landsleute liebevoll ihre Terroristen auch heute noch nennen, hatten das Südtirolproblem in die Schlagzeilen der Weltpresse gesprengt. Erst acht Jahre später endete diese Bombenserie.

Bis heute sieht Herlinde Molling keinen Widerspruch in ihrer doppelten Rolle als Terroristin und Mutter. Als sie einmal Mitte der sechziger Jahre Sprengstoff nach Südtirol liefern sollte, fand sie niemanden, der in ihrer Abwesenheit auf die beiden Töchter hätte aufpassen können. »Da dachte ich mir, ich nehme sie einfach mit.« Mit den Kindern auf dem Rücksitz, Sprengstoff und Karabinern im Kofferraum ihres Karmann-Ghia, eines schnittigen Cabrios, kurvte sie kurz entschlossen über den Brenner.

Wenn Molling vom Befreiungsausschuss Südtirol (B.A.S.) erzählt, von jener Untergrundorganisation, die gewaltsam versuchte, die Geschichte zurückzudrehen, schwingt mitunter ein Hauch von Abenteuerurlaub mit. Bei konspirativen Treffen in Innsbrucker Bürgerhäusern und in stundenlangen Debatten träumten die jungen Patrioten von einem wiedervereinten Tirol. Einem ohne Italien. Einem, das sich auch von Österreich losgesagt hat. Diesen Traum, sagt Molling, habe sie in all den Jahren nicht verworfen. »Wer sagt, dass Grenzen ewig Bestand haben müssen?«

Über die Bombenjahre spricht die vitale 75-Jährige heute in ihrem gediegenen Anwesen im bürgerlichen Norden von Innsbruck ruhig und unaufgeregt. Seit sie vor nunmehr 55 Jahren zum ersten Mal die Parole »Freiheit für Südtirol!« auf eine Hauswand gepinselt habe, sagt Molling, sei eine unabhängige Republik Tirol ihr Lebenstraum gewesen. Sie sitzt in einem breiten Lederstuhl im Wohnzimmer, dessen Türstock mit Marmorplatten verkleidet ist. Mit sanfter Stimme erzählt sie, wie sie Ende der fünfziger Jahre über ihren Vater, ein führendes Mitglied des nationalistischen Bergisel-Bundes, zum B.A.S. gestoßen war.

Molling flirtete mit Polizisten und hatte das Auto voll mit Sprengstoff

»Die Wiener haben sich nie um Tirol gekümmert!«, erklärt ihr Mann. Deshalb hätten die Tiroler nach den territorialen Verlusten als Folge des Ersten Weltkrieges selbst ihr Schicksal in die Hand nehmen müssen. Weder in der Ersten Republik noch im Ständestaat und auch nach dem Ende der Nazi-Ära nicht, klagt der Bildhauer. Einzig dem seinerzeitigen Außenminister Bruno Kreisky zollen die Mollings Respekt. Ausgerechnet einem Sozialisten. Kurios, angesichts der trüben Allianzen des B.A.S., in dem sich Altnazis vom Schlage eines Norbert Burger, des Gründers der später verbotenen NDP, tummelten. Zugleich wurden Sozialdemokraten aus dem inneren Kreis gedrängt, aus Angst, man würde später mögliche Erfolge mit den Roten, dem Klassenfeind im tiefschwarzen Tirol, teilen müssen.

Herlinde Mollings Geschichte ist eine der Gegensätze. Die Rechtsextremisten rund um Burger hätten sie »regelrecht angeekelt« – und dennoch steckten die heimattreuen Aktivisten mit den Nazibrüdern unter einer Decke. Als italienische Ermittler Wind davon bekamen, dass Burger und seine Recken im B.A.S. mitgemischt hatten, war die Mär von den edlen Tiroler Freiheitskämpfers außerhalb der Landesgrenzen bald passé. Fortan verbreitete Italien erfolgreich das Klischee eines Naziterrorismus.

Wenn Molling über die Zeit von 1957 bis 1967 spricht, ihr persönliches Terrorjahrzehnt, klingt das weder heroisch noch prahlerisch. Ihre nüchterne Beschreibung, wie sie Sprengstoff an Strommasten befestigt hat – »ein Kilogramm je Stütze« –, erinnert an ein Kochrezept: »Betonmasten waren schwierig zu sprengen, dazu brauchte man 50 Kilogramm.« Gelassen, als sei es eine heitere Urlaubserinnerung, erzählt sie, wie sie eines Tages mit ihren Kindern in einem geliehenen Auto, voll beladen mit Sprengstoff und Waffen, von Carabinieri angehalten worden sei. Die Staatsschützer umstellten, ihre automatischen Waffen im Anschlag, den Wagen und kontrollierten den Pass, den sich Molling von einer Freundin ausgeliehen hatte. »Ich hab mit den Carabinieri geschäkert und einer hat mich gefragt, ob ich am Abend etwas vorhabe. Ich habe auf mein Kind gewiesen und dann ließ er mich fahren.«