Kunstschau in VenedigNie war sie so nackt wie heute
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 Großes Getöse und Klischeehaftigkeit

Überhaupt ist der Anteil an Nichtkunst auf vielen Biennalen kaum geringer als im Sgarbi-Pavillon. Dort allerdings, und das ist dann doch ein gravierender Unterschied, fehlt es den meisten Künstlern an dem, was man in der Renaissance sprezzatura nannte: jene Lässigkeit, die selbst das schwierige Geschäft der Kunst mühelos und leicht erscheinen lässt. Viele der von Sgarbi gezeigten Maler und Fotografen sind furchtbar bemüht, endlich etwas Bedeutsames zu erzeugen. Viele suchen die Nähe der alten Meister und hoffen inständig, ihr feines handwerkliches Können möge ihre Kunst mit Kraft und Sinnlichkeit versorgen. Wie sehr diese Hoffnung trügt, lässt sich auf vielen Bildern studieren. Oft sind sie technisch perfekt, doch bar allen Lebens.

Viele andere Künstler der Biennale, die erfolgreichen und akzeptierten, agieren spiegelbildlich: Sie produzieren möglichst unperfekte, emsig um Mühelosigkeit bemühte Werke, die aber oft ebenfalls unlebendig und nichtssagend ausfallen. Oft inszenieren sie ihre Werke mit großem Getöse, doch selten nur können sie ihre eigene dumme Klischeehaftigkeit kaschieren.

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Kneten für den Frieden in Ägypten, auch das bietet diese Biennale

Wenn Ayse Erkmen einen ganzen Raum mit ratternden Motoren und bunten Rohren füllt, durch die das venezianische Brackwasser fließt und zu Trinkwasser aufbereitet wird, dann kann man das bestenfalls als Installateurs-Installation verstehen. Wenn Ryan Gander rote, gelbe und blaue Quadrate und Rechtecke auf dem Ausstellungsboden abstellt, dann mag er das für eine unerhört waghalsige Dekonstruktion der klassischen Mondrian-Moderne halten – doch niemanden wird er mit dieser Nichtkunst belehren, erstaunen oder gar erfreuen können. Und wenn Bruno Jakob mit klarem Wasser auf weißer Leinwand herumpinselt, nur um den Betrachter anschließend in raunenden Gedichten von der ungemein bedeutungstiefen Leere seiner Bilder vorzuschwärmen, dann wird das mancher für amüsante Realsatire halten – andere werden zu Recht die ungemein bedeutungsflache Leere der italienischen Schlafzimmerinterieurs vorziehen.

Schlimm auch die vielen Heimatkünstler der Gegenwart, die wie Song Dong alte Schränke, ganze Häuser oder auch nur die Fotoalben der Eltern plündern und meinen, mit diesem Authentizitätsgehabe schon dem Soll der Kunst genügt zu haben. Schlimm die Kalauerkünstler, die noch die kleinsten Ideen derart aufblasen, dass sie an sich selbst ersticken, wie zum Beispiel die Wachsskulpturen von Urs Fischer, die langsam dahinschmelzen. Schlimm die neuen Naiven, die wie Norma Jeane riesige Mengen Knete in die Ausstellung schleppen, rote, weiße und schwarze Platten, arrangiert in den Nationalfarben Ägyptens, um dann die Besucher aufzufordern, fröhlich zuzugreifen und also mitzumischen wie die Kämpfer vom Tahrir-Platz.

Man muss all diesen Ramsch einmal kurz erwähnen, er wird sonst in den Kunstkritiken gern unterschlagen, weil die Zeilen zu kostbar sind, um sich damit abzugeben. Doch sollte man sich vor Augen halten, wie viel Unausgegorenes auf so einer Biennale dargeboten wird – und es in Zeiten der Post-Avantgarde gar nicht mehr so einfach ist mit der avantgardistischen Überheblichkeit.

Der Banalisierung scheint weder hier noch dort Einhalt geboten. Besonders beliebt sind in beiden Sphären, um auch das noch kurz zu erwähnen, die freien Arrangements. Luca Francesconi verstreut auf dem Fußboden des Ausstellungsraums einen Fernseher (verstaubt), eine Herdplatte (verrostet) und eine Art Schaufensterpuppe (weder verstaubt noch verrostet) – und nennt das Ganze Europa3000. Ähnlich verfährt Carol Bove, die Pfauenfedern und Muscheln an Drahtgestellen auf einem hohen Podest arrangiert, oder Ida Ekblad, die Gartentore und Vogelkäfige zusammenschweißen und lustige Schiffe aus Strandgut basteln kann, deren Werke man aber auch bei noch so viel sprezzatura nicht als Kunst bezeichnen will. Sie erschöpfen sich in einer Lässigkeit ohne Form, ohne Komposition oder spannungsvollen Verweis. Zu den Mülleimern, die Klara Lidén auf der Biennale zeigt, heißt es im Katalog: »Sie nehmen eine Vielzahl von Bedeutungen an oder überhaupt keine.« Für den Betrachter heißt das, er darf sich alles denken oder nichts. Im Zweifel streicht er das »oder« und hält von allem nichts.

An den Eröffnungstagen mochten sich jedenfalls die meisten Besucher mit Mülleimern und Wasserrohren nicht lange aufhalten. Sie blieben eigentlich nur dort stehen, wo schon andere Besucher standen, oft in ewig langen Schlangen, vor den Lichtmeditationen des James Turrell zum Beispiel oder auch vor dem deutschen Pavillon, in dem nun die Schlingensief-Passionsfestspiele zu besichtigen sind. An ihn, den Überwinder aller Kunst- und Nichtkunst-Debatten, zu erinnern, ihn mit einem Goldenen Löwen zu ehren, das ist natürlich nicht verkehrt: politisch sehr korrekt und ästhetisch geboten. Den Löwen hingegen in der Mitte durchzuschneiden und zumindest die eine Hälfte den 520 Künstlern und Kuratoren des italienischen Pavillons zu verleihen wäre völlig absurd und doch belebend gewesen. Die laue Biennale hätte den Streit bekommen, ohne den jede Kunst verkümmern muss.

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Leserkommentare
  1. über die Kunstszene, die sich auch auf andere Orte künstlerischen Geschehens übertragen lässt. Die Frage ist doch wozu gibt es überhaupt noch den Künstler an sich, der die Menschheit wachrütteln und ihr ein Spiegelbild vorhalten will? Zu oft Kopiertes, schon längst Dagewesenes, bewusst Zurückhaltendes oder auch verkrampft Unfertiges ermüdet auf Dauer die Augen. Es ist ja nicht schlimm, dass jeder seine kreative Ader auslebt wie er es möchte um seinen Blick auf die Welt zu verdeutlichen. Aber ist er dann gleich ein Künstler? Die Kunst, das Kreative und Schöne hat sich in so unterschiedlichen Bereichen schon längst in der Gesellschaft und den Alltag durch kreative Menschen unterschiedlicher fachlicher Herkunft verankert, dass es den Künstler nahezu überflüssig macht. Jedem das Seine, macht alle mit, seid kreativ und lasst eure kreativen Gedanken in euer Leben einfließen, dann ist es auch völlig unwichtig darüber zu diskutieren wo Kunst aufhört und Kitsch beginnt.

  2. Da hat wohl jemand die Reise nach Venedig bereut - oder?
    Aber mal im Ernst - über die Qualität der verschiedenen Biennalen, besonders der in Venedig wird doch schon seit Jahren immer wieder diskutiert. Es stehen wohl zu viele Marktinteressen im Raum um eine Qualitätsschau zu bewerkstelligen. Das Berusbild und die Aufgaben eines Kurators sind doch in den letzten Jahren völlig auf den Kopf gestellt worden. Eine unabhängige Selektierung von Kunst und Künstler ist bei den meisten ihrer Zunft doch nicht mehr zu erwarten.

    Wer trotzdem noch zur Biennale nach Venedig möchte - kann alle wichtigen Informationen hier einsehen:
    http://www.artinfo24.com/...

    • hollai
    • 09. Juni 2011 11:33 Uhr

    Wieso sollte die Biennale großartiger sein als andere Ausstellungen? Man braucht gar nicht so weit ins Ausland schweifen, auch die arte cologne hat uns vor kurzem keine neuen Erkenntnisse gebracht. Jeder will Künstler sein und oft findet sich jemand, der das auch noch vertritt (Galerist). Zum Glück regelt sich das oft von selbst und alle die, die sich nur wenig von der dekorativen, naiven Art eines Kaufhausbildes abheben, oder zumsammen geschissenen Deutungskuddelmuddel ihrer Realkunst aus Bauschaum und Straßendreck, finden sich dann auch gern im erweiterten Raum des Kunstbegriffs wieder und verschwinden, ganz klein, kaum mehr sichtbar, stecknadelgroß in der Weite des Raums.

  3. Biennale-„Plunder“-Ausstellung „schwer ermattet“ – „Kunstszene zurück in die Windstille“, so die Rauterberg-Kritik. HR (DIE ZEIT) zum „Meister des Absurden“ SCHLINGENSIEF (Gaensheimer-Wahl): (…) „hätte er den Goldenen Löwen für den besten Länderpavillon vermutlich nicht bekommen (…) falls doch, hätte er (…) »Tötet Berlusconi!« (…) gerufen, so wie er einst »Tötet Helmut Kohl!« rief. Vielleicht hätte er auch einfach den goldigen Löwen eingeschmolzen und einen schrundigen Beuys-Hasen daraus geformt (…)“. Aufforderung HRs: Macht SCHLUSS mit der „ewigen Selbstbespiegelung! (…) macht es wie Schlingensief!“. Schlingensief-Passionsfestspiele & Ausweitung des Kunstbegriffs - TINTORETTO-Rebellion? - durch Biennale-Leiterin Bice Curiger?

    BC „hofft, dass die Unruhe der T-Bilder alle Biennale-Räume unter Spannung setzen und die Kunst der Gegenwart beleben möge“. Wie kann Innovator TINTORETTO den etablierten Kunstmarkt-Künstler („KUNSTMAFIA“…) mit seinem Werk der Spätrenaissance „Die Erschaffung der Tiere” mit dem „großen Wandel“ ERNEUERUNG HEUTE bringen? JA HR: Es gibt „eine Kunst jenseits der Kunst, offenbar gibt es zahlreiche Künstler, die nie auf den vielen Biennalen dieser Welt zu sehen sind, obwohl sie den Geschmack nicht weniger kluger Zeitgenossen treffen“ … „Die Erschaffung der Tiere” ist eines der in Venedig ausgestellten Gemälde des venezianischen Malers Jacopo Tintoretto (1518 bis 1594): Vielleicht hätte JT heute ars evolutoria gemalt, wäre Anhänger einer Evolutions-Romantik?

  4. Angenehm, diesen direkten Text von einem Kunst-Verständigen zu lesen. Vielleicht rückt er ja etwas gerade.

    (Achja, ich suche auch einen Galeristen ... "Ehrliche Portrait-Fotografie" zur geneigten Beurteilung unter http://www.daedalus-v.de :)

  5. Wer will, kann die Ehrung aber auch als eine Art Weckruf verstehen: Der Kritiker, macht endlich Schluss mit den coolen Spielchen, mit der ewigen Selbstbespiegelung! Begeistert euch, kehrt das Innerste nach außen, macht es wie Hanno Rauterberg!
    http://news.elasticismo.net

  6. "Die Kunst, das Kreative und Schöne hat sich in so unterschiedlichen Bereichen schon längst in der Gesellschaft und den Alltag durch kreative Menschen unterschiedlicher fachlicher Herkunft verankert, dass es den Künstler nahezu überflüssig macht. Jedem das Seine, macht alle mit, seid kreativ und lasst eure kreativen Gedanken in euer Leben einfließen, dann ist es auch völlig unwichtig darüber zu diskutieren wo Kunst aufhört und Kitsch beginnt."
    das, hat nichts mit kunst zu tun und ist einer der ursachen für den ganzen müll der an die ufer der kunst gespült wird.
    es feut mich, dass müll als das bezeichnet wird was er ist.
    nur daraus, wie mancher kommentator, zu schließen, dass entweder a. alle zeitgenössische kunst schlecht ist oder b. ja jetzt jeder künstler ist, ist beides unsinn.
    da die zeit ja auch nicht in ihrer "film" sektion rtl filme kritisiert, wie wäre es mit artikeln über gute kunst? gursky, burtynsky, daniel richter, peter doig, anselm kiefer, struth etc etc etc?

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