Hongkong University of Science and Technology

DIE ZEIT: Ihre Universität, die Hongkong University of Science and Technology , ist im einflussreichen QS-Vergleich gerade zur besten Hochschule Asiens gekürt worden. Waren Sie überrascht?

Reinhard Renneberg: Nö. Was glauben Sie, warum ich hier bin? (lacht) Nein, im Ernst: Wir sind nicht überrascht, sondern in Feierlaune. Übrigens liegen wir nicht nur vor Tokyo, Peking oder Shanghai, sondern als weltweite Nummer 40 auch vor sämtlichen deutschen Universitäten. Heidelberg etwa kommt erst auf Platz 51 und die Berliner Humboldt-Universität erst auf 123. Was die Aussagekraft solcher Rankings angeht, will ich es mal so sagen: Steht man vorn, glaubt man natürlich gern dran.

ZEIT: Sonst nicht?

Renneberg: Seien wir mal ehrlich: Jede Rangliste hängt extrem von den Kriterien ab, nach denen sie erstellt wird. Beim QS-Ranking spielt Internationalität zum Beispiel eine große Rolle, und da sind wir hier in Hongkong wirklich sehr gut. Überhaupt passt unser Abschneiden zu unserer Einstellung: Wir sind unverbraucht, erst 20 Jahre alt, wir wollen noch was erreichen. Die alte Oma nebenan, die vor 100 Jahren von den Briten gegründete University of Hongkong, bekommt auf jeden Fall ihre Staatsrente. Wir dagegen sind die jungen Wilden.

ZEIT: Erzählen Sie mal.

Renneberg: Sie merken das schon, wenn Sie in der ersten Vorlesung bei uns sitzen. Alles läuft hier online: Arbeitsbögen, Klausuren, Evaluation der Professoren – alles. Sämtliche Veranstaltungen werden mitgeschnitten und ins Internet gestellt, unsere Bibliothek funktioniert fast vollständig papierlos. Bei uns kommen auf 10.000 Studenten 25.000 Computer. Natürlich ist die einzige Sprache bei uns an der Universität Englisch, dadurch ziehen wir Ausländer und Chinesen aus der ganzen Welt an, die Mischung könnte nicht bunter sein. Zur Dynamik trägt sicher auch bei, dass unsere Studenten in ihrer Familie normalerweise die erste Generation sind, die eine Universität besucht. Ihre Eltern sind Fischhändler, Taxifahrer, Handwerker. Die sind bildungshungrig.

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ZEIT: Jetzt tragen Sie aber ein bisschen dick auf.

Renneberg: Von wegen. Meine Studenten wollen wirklich noch was lernen und was erreichen im Leben. Den gleichen Effekt sehe ich übrigens an einigen Unis in Ostdeutschland: Da herrscht eine Aufbruchstimmung, die gibt es im Westen längst nicht überall.

ZEIT: Woher wollen Sie das denn wissen?

Renneberg: Ich stamme doch aus dem Osten, habe in der Sowjetunion studiert. Beim Fall der Mauer war ich an der Akademie der Wissenschaften der DDR. Die wurde später abgewickelt, leider. Eins muss man sagen: Die Talenteförderung war im DDR-Wissenschaftssystem hervorragend organisiert, von der Mathematik-Olymppiade über Spezial-Sprachklassen bis zu mathematisch-naturwissenschaftlichen Spezialschulen. Diesen Grundgedanken habe ich nach Hongkong mitgenommen, und das kommt hier gut an. In meiner Vorlesung über Biotechnologie zum Beispiel picke ich mir die fünf Besten raus und lasse sie bei mir im Labor mitarbeiten.

ZEIT: Wie sind Sie denn überhaupt nach Hongkong gekommen?

Renneberg: 1994 war das, da arbeitete ich gerade an der Uni Münster. Plötzlich bekam ich einen Anruf aus Hongkong: ob ich mal für einen Vortrag vorbeikommen wolle. Klar, habe ich gesagt – und bin fast umgefallen, als ich die Uni sah: wunderschön am Meer gelegen, und das Wetter! Eine Woche lang haben sie mich von vorne bis hinten ausgefragt, am letzten Tag bestellte mich der Rektor in die Panoramalounge mit Blick aufs Wasser und fragte: »Reinhard, do you want to become a professor here?« – »Yes, yes!« , habe ich gerufen.

ZEIT: Also alles spitze in Hongkong?

Renneberg: Nun ja. Wir haben zwar in Hongkong einen Sonderstatus, während überall in China immer noch die Menschenrechte mit den Füßen getreten werden. Aber die Art und Weise, wie man mit dem intellektuellen Besitz anderer Leute umgeht, ist auch hier erschreckend. Ich habe schon wunderschön geschmückte Bücher von mir in der Buchhandlung entdeckt, die ich nie autorisiert habe. Wenn die Chinesen das mit der Rechtssicherheit nicht in den Griff bekommen, heißt es für China irgendwann: Bye-bye, Supermacht.