ZEIT: Sie standen in einem Büro, das Ihnen fremd war?

Kachelmann: Ja, und da waren diese drei Leute, die mich anstarrten. Ich habe gesagt: »Guten Tag, ich bin Jörg Kachelmann und möchte mich von den Paparazzi da draußen befreien.« – »Ah ja«, sagte eine Frau, »ich kenne Sie. Und ich kenne Frau Combé von früher.« Und diese Frau sagte, sie wolle mich in ihrem VW Polo wegbringen. Heimlich. Aber nach allem, was ich erlebt habe, vermeide ich jede Situation, in der ich alleine mit einer unbekannten Frau bin, Aufzug, Straße, Räume, wo auch immer. Deswegen habe ich einen der Männer im Büro gebeten mitzukommen. Der hat das auch verstanden. Wir sind dann zu dritt losgelaufen und sind abgefahren.

ZEIT: Wo im Auto saßen Sie?

Kachelmann: Ich saß nicht. Ich lag auf der Rückbank, die Beine im Fußraum, über meinem Kopf so eine Fitness-Gummimatte. Später bin ich in ein anderes Auto umgestiegen, mit dem ich Deutschland verlassen habe.

Es ist später Nachmittag, die Sonne versteckt sich noch immer. Nicht mehr lange, und es wird dämmern. Es wird Zeit, ein paar Fotos von Jörg Kachelmann zu schießen. Vor dem Haus? Vor dem Baum draußen? Kachelmann stellt sich unsicher vor den Baum, dann aber sagt er: »Nein, hier nicht.« Der Baum ist eine Trauerweide. Was werden die Leser denken? Sie könnten die Trauer der Weide auf ihn übertragen.

Kachelmann ist ein gebranntes Kind. Er grübelt ständig, wer was wie interpretieren könnte. Er betrachtet sich oft durch die Augen der anderen.

Kachelmann läuft auf der Dorfstraße in Richtung Wald. Soll er sich vor dem Weidezaun fotografieren lassen? Erinnert der Stacheldraht nicht an ein Gefängnis? Okay, aber nur wenige Bilder. Er stellt sich auf die Wiese, die Hände in den Taschen vergraben. Soll er sich fürs Foto an einen der Heuballen lehnen? Nein, lieber nicht. Wie soll das wirken – wie eine zünftige Fotoshow auf dem Lande? Er trägt ein Holzfällerhemd und Cowboystiefel.

Dann läuft Kachelmann zurück zu dem abgelegenen Häuschen, das nichts gemein hat mit den großzügigen Anwesen, die er sich in der Schweiz und in Kanada kaufte. Die Zimmerdecken hier sind niedrig, zu niedrig für einen 1,91 Meter großen Mann, ständig muss Kachelmann sich bücken. Es gibt ein schmales Regal mit einem Fernseher und einem Hi-Fi-Würfel, es gibt einen Laptop, eine Couch, einen Tisch mit einer Vase voller verdurstender Rosen, einen Kühlschrank mit Joghurtbechern und Colaflaschen, das alles versammelt in einem einzigen, wenig erhellten Raum. Auf dem Kaminsims liegt ein abgegriffenes Langenscheidt-Wörterbuch.

Ein paar Fliegen nerven. Die Nachbarn, sagt Kachelmann, wüssten nicht, wer er ist. Das habe er getestet.

ZEIT: Sie stehen unter einer Weide und sehen darin sofort die Trauerweide. Was ist mit Ihnen los?

Kachelmann: Ich kenne mich aus mit Bäumen, vielleicht ist das ja schon ein Trauma. Heute ging es mir jedenfalls echt beschissen. Was soll ich tun? Es ist jetzt eine Situation da, die vergleichbar ist mit der damals, als ich erfuhr, dass meine zwei Söhne nicht von mir sind. Die meisten meiner Freunde haben mir damals gesagt: Jetzt musst du einen harten Schnitt machen, sonst kriegst du dein Leben nicht zurück. Aber ich habe mich damals so entschieden, wie es mir niemand geraten hatte: Ich habe um meine Kinder gekämpft, weil ich wollte, dass sie meine Kinder bleiben. Heute sagen einige Leute wieder: Mach einen Schnitt, fang ein Leben 3.0 an, kämpfe nicht gegen Staatsanwälte und Zeuginnen. Hau einfach ab in ein fernes Land. Aber resignieren und auswandern, so weit bin ich nicht. Ich will was unternehmen.

ZEIT: Was machen Sie dann den ganzen Tag?

Kachelmann: Ich schreibe an einem Buch, das bald herauskommt. Es soll den Titel Mannheim tragen, Mannheim als Sinnbild des Elends. Manchmal schreibe ich eine Stunde lang am Tag, manchmal zehn Stunden. Das ist mein Versuch, mich in den Kampf gegen die Leute zu begeben, die mich in den Knast bringen wollten.

ZEIT: Stehen Sie weiterhin unter öffentlicher Beobachtung?

Kachelmann: Klar. Dauernd muss ich mich fragen: Lauert hinter dem nächsten Busch wieder ein Leserreporter der Bild- Zeitung? Ich benutze mein Handy sehr, sehr selten, weil ich fürchten muss, dass ich von einem Profi, der sich mit Technik auskennt, zu lokalisieren bin.

ZEIT: Warum wechseln Sie nicht einfach die Nummer? Irgendjemand kann Ihnen doch eine Prepaidkarte kaufen, völlig anonym.

Kachelmann: Ich freue mich auf ein Leben ohne Handy.

ZEIT: Gibt es weitere Einschränkungen?

Kachelmann: Ich kann Hotels nicht betreten, weil mich sonst jemand an der Rezeption erkennt, der diese Information nicht für sich behalten will. Ich achte jetzt sogar darauf, was ich in den Müll werfe, weil es ja sein kann, dass mein Müll aufschlussreich ist für Journalisten, die darin herumwühlen. Ich antizipiere in jeder Sekunde alles, was man aus meinem Verhalten herauslesen könnte. Jede Sekunde. Sonst könnte ich mich hier nicht sicher fühlen.

ZEIT: Was tun Sie heute nicht mehr, was Sie früher taten?

Kachelmann: Ich betrete keine Flugzeuge der Lufthansa mehr, weil es ein Lufthansa-Flug war, aus dem ich in Frankfurt stieg, wo ich im März letzten Jahres auf dem Flughafen verhaftet wurde. Die von der Lufthansa können nichts dazu, aber so ist es nun mal, es bleibt meine Lieblings-Fluglinie, auch wenn ich nicht mehr damit fliege. Ich möchte in diesem Leben auch nicht mehr in Frankfurt landen. Ich kann das nicht mehr. Ich sehe mich noch immer diesen Gang entlanglaufen, diesen Flughafengang. Tja, meine schöne Senatorkarte der Lufthansa ist dem Verfall preisgegeben. Immerhin begegne ich dadurch auch der Bunten nicht mehr, die in der Lufthansa rumliegt.

ZEIT: Was wird sich sonst noch ändern?

Kachelmann: Ich habe zu viel über die Justiz in Baden-Württemberg gelernt, auch durch andere im Knast. Und nach diesem Erlebnis mit dem Gericht in Mannheim und mit dieser Kriminalpolizei im badischen Schwetzingen, wo mir diese ganze Lügengeschichte ja angedichtet worden war, meide ich ganz Baden-Württemberg. Ich will da nicht mehr hin. Ich fahre großräumig drum herum. Mir tut das leid, ich wurde da geboren, aber vielleicht ändert sich ja was mit der neuen Regierung.

ZEIT: Haben Sie etwas hinzugewonnen, etwas gelernt?

Kachelmann: Bescheidenheit habe ich gelernt. In der Economy-Klasse von Flugzeugen gibt es auch ein Leben.