ZEIT: Wie haben Sie Ihre Zeit im Gefängnis erlebt?

Kachelmann: Da waren Leute, die zu mir gehalten haben – jede Menge Schwerverbrecher, die zu mir kamen und sagten: »Wir glauben dir.« Viele Russen waren da, die haben sich gut verhalten. Ich weiß, dass diese Männer Verbrechen begangen haben, das ist bei mir kein Stockholm-Syndrom. Diese Typen haben auch harte Sachen bei der Polizei erlebt, die erzählen nicht den ganzen Tag Räuberpistolen. »Wissen wir, du warst das nicht«, das habe ich oft gehört. Das hat sehr geholfen, denn mit diesem Vorwurf ist man in der Knasthierarchie normalerweise zweitunterster Dreck, der sich nicht in den Hof traut. Das Vertrauen der Mithäftlinge und der Knastbeamten hat sehr geholfen.

ZEIT: Offenbar hat sich Ihr ganzes Weltbild gedreht. Sie glauben inhaftierten Verbrechern und misstrauen den Polizisten eines Rechtsstaates. Gibt es auch einen positiven Effekt aus dem, was Sie erlebt haben? Einen Sinn?

Kachelmann: Klar. Ich hatte viel Zeit nachzudenken. Diese Zeit habe ich genutzt. Ich habe heute ein wunderbar geordnetes Berufs- und Privatleben. Ich weiß, was richtig und was falsch ist.

DIE ZEIT: Was ist denn richtig in Ihrem Leben?

Kachelmann: Schwer zu beschreiben. Ich genieße die Zuwendung in ihrer reinen Form, von mir zu anderen Menschen und umgekehrt. Ich weiß jetzt, wer was taugt. Es taugen nur ganz wenige, aber die taugen auch tierisch viel.

ZEIT: Sie meinen Ihre Freunde?

Kachelmann: Ja. Das sind die entscheidenden drei Prozent. Ich habe 97 Prozent meines Bekanntenkreises verloren.

ZEIT: Wie viele Bekannte hatten Sie vor Ihrer Verhaftung?

Kachelmann: Weiß ich nicht. Wie will man einen Bekanntenkreis quantifizieren, wenn man so ein Medienfuzzi ist wie ich? Wollen Sie die MDR-Redaktion dazu zählen oder nicht?

ZEIT: Nehmen wir mal die Leute, die Sie zu Ihren Geburtstagsfeiern eingeladen haben.

Kachelmann: Ich habe in meinem Leben als Erwachsener noch keine Geburtstagsparty gegeben.

ZEIT: Zu Ihrem 50. Geburtstag haben Sie doch offenbar eine Feier veranstaltet, oder nicht?

Kachelmann: Die Zeugin, die das behauptet hat, war an meinem Geburtstag nicht dabei.

ZEIT: Wie viele Leute gab es denn, die Sie gerne hatten?

Kachelmann: Wissen Sie, in so einem Hochgeschwindigkeitsleben, wie ich es geführt habe, sind das Überlegungen, die gar nicht stattgefunden haben.

ZEIT: Sie wussten gar nicht mehr, wen Sie gernhaben?

Kachelmann:(überlegt lange) Auch vorher war ich mir sicher, dass ich meine beiden Kinder gerne habe.

ZEIT: Was wollen Sie mit Ihrem Leben jetzt anstellen?

Kachelmann: Ich habe meine Firma. Die gibt es weiterhin. Wir haben große Pläne im In- und Ausland. Und was mich selbst angeht: Ich werde die Behauptung nicht auf mir sitzen lassen, dass ich gewalttätig gewesen sein soll. Es gab keine Gewalt in meinem Leben. Keine Gewalt gegen Erwachsene, keine gegen Kinder, keine Übergriffe, auch keine sogenannten Grenzerkundungen und schon gar keine -überschreitungen. Zivil- und strafrechtlich werde ich versuchen, alle Leute zu belangen, die das behauptet haben. Durch das Internet ist das ja alles gut dokumentiert. Alles, was deutschen, schweizerischen und amerikanischen Anwälten einfällt, möchte ich in die Schlacht werfen.

ZEIT: Woran haben Sie gemerkt, dass die drei Prozent, Ihre treuen Freunde, zu Ihnen halten?

Kachelmann: Die haben mir in den Knast geschrieben. Das ist ein gutes Kriterium. Die drei Prozent haben kundgetan, dass sie wissen, dass ich das Verbrechen, das mir vorgeworfen wurde, niemals begangen habe. Die haben nicht – wie die meisten – vorsichtshalber so getan, als würden sie mich nicht mehr kennen. Ich hatte eigentlich erwartet, dass jetzt – nach dem Freispruch – wieder ganz viele Verschollene aus ihren Löchern kriechen und behaupten: »Wir haben es schon immer gewusst.« Aber bisher ist es so, dass alle, die sich abgemeldet haben, konsequent weiter schweigen.

ZEIT: Sie haben vor Gericht erlebt, dass einige der Frauen, mit denen Sie früher intim waren, gegen Sie aussagten. Was ging Ihnen dabei durch den Kopf? Dass Sie sich in diesen Frauen geirrt haben müssen?

Kachelmann: Ich hab mich in den Frauen nicht geirrt. Deshalb habe ich mich bei einigen dieser Frauen auch nicht dazu durchgerungen, einen sauberen Schlussstrich zu ziehen. Ich hatte Angst vor dem Wahnsinn, der ausbrechen könnte, wenn ich den Schlussstrich ziehe. Von diesem Wahnsinn habe ich manchmal durchaus etwas geahnt, zwar nicht in dieser ganz heftigen Form als Falschanzeige und Lügen vor Gericht. Aber vieles habe ich immer für möglich gehalten. Sie müssen sehen: Bis zum März 2010, dem Monat meiner Festnahme, hatte ich einen großen Sorgerechtsstreit um die beiden Kinder. Und weil ich mir alle möglichen Vergeltungsmaßnahmen vonseiten der Zeuginnen vorstellen konnte und weil ich fürchtete, dass mich diese Maßnahmen im Sorgerechtskampf beschädigen würden, habe ich mich nicht dazu entschließen können, die Beziehungen zu den Frauen sauber zu beenden.

ZEIT: Verstehen wir Sie richtig: Sie ließen die Beziehungen weiterlaufen, um den Konflikt mit Ihren Geliebten zu vermeiden, weil Sie im Sorgerechtsstreit um Ihre Kinder keine Störmanöver gebrauchen konnten?

Kachelmann: Ja. Am 31. März vorigen Jahres sollte das Sorgerecht geklärt sein. Ich hatte mit einem Teil der Frauen damals auch schon ein durchaus gutes Ende gefunden. Allerdings war diese Trennung mancher Zeugin bei ihrer Aussage plötzlich nicht mehr »bewusst«. Es wäre wohl auch dem Drama, das sie vor Gericht aufführen wollten, nicht zuträglich gewesen. Kolossal überrascht über die Dramen, die in Mannheim inszeniert wurden, war ich nicht.

ZEIT: Das wundert uns. Denn Sie haben sich genau diese Frauen ja irgendwann als Freundinnen ausgesucht. Die sind Ihnen doch nicht aufgezwungen worden.

Kachelmann: Ach, es gibt vieles, was man erst im Laufe der Zeit bemerkt. Wenn Sie jemanden nur alle paar Monate sehen und letztlich nicht viele Gespräche führen, dann lernen Sie diesen Menschen nie richtig kennen. Der größere Teil meiner Freundinnen war ja anders: rational und besonnen. Die haben keinen Mist über mich erzählt. Aber von der Staatsanwaltschaft Mannheim wirklich ernst genommen wurden nur die, die irgendwelche Geschichten von angeblichen Grenzüberschreitungen zum Besten gegeben haben. Zeuginnen, die mich zunächst entlastet, dann belastet und zuletzt doch wieder entlastet haben, hat es auch gegeben. Aber die Aussage einer feindlich eingestellten Zeugin war für mich immer der Moment, in dem ich in Demut dagesessen und zu mir selbst gesagt habe: »Kachelmann, du Arsch, da hast du jetzt auch deinen Anteil dran. Da sitzt jetzt diese Frau, die sich betrogen fühlt, und genießt es, unendliche Macht über dich zu haben.« Und diese Frau spürt: Da vorne sitzen ganz begierige Zuhörer, die jede scheußliche Kleinigkeit aufsaugen und sich dabei denken: Daraus könnten wir doch was machen.