ZEIT: Sie laufen jetzt als lebendiges Röntgenbild durch die Welt. Jeder weiß alles über Ihr bisheriges Privatleben, jedes intime Detail.

Kachelmann: Am Anfang war das ganz furchtbar. Ich habe früher niemals eine Homestory oder dergleichen zugelassen – und zwar nicht, weil ich mein Privatleben so schrecklich unaufgeräumt fand, sondern weil ich nicht verstehen kann, dass man freiwillig in die Regenbogenpresse geht. Diese Art von freiwilliger Duldungsstarre gegenüber einem Klatschreporter hätte ich nicht ertragen. Und dann diese Geschichten über mein Sexualleben, die überall gedruckt wurden. Dazu möchte ich mal sagen: Ich bin mutmaßlich nicht der Einzige in Deutschland, der fremdgegangen ist. Es gibt da noch zwei oder drei Männer in diesem Land, die das auch getan haben. Den leisen Verdacht habe ich. Daran möchte ich gerne erinnern. Nicht jeder steckt in einer idealen Beziehung – aber Prominente macht das erpressbar.

ZEIT: Über Sie weiß man ja schon alles.

Kachelmann: Ja, mich erpresst niemand mehr. Das ist fast schon beruhigend. Die anderen müssen noch immer Angst haben vor dem unheimlichen, strafenden Gott, der in der Inkarnation von Bunte , Bild oder sonst wem anruft und sagt: »Wir haben Fotos von Ihnen. Wir bringen die Bilder sowieso, aber schön wäre, Sie würden noch etwas dazu sagen.« Es gibt Bild -Journalisten, die glauben, dass sie Gott sind. Deswegen rufen die mich immer noch an, auch heute noch. Nie mehr Springer. Nie mehr Burda.

ZEIT: Wir haben Ihre diversen Twitter-Einträge gelesen. Das wirkt so, als hätten Sie zu viel Druck und müssten ihn jetzt beim Twittern ablassen.

Kachelmann: Nee, nee. Ich mache das kalten Herzens und mit einem Schuss Fröhlichkeit.

ZEIT: Fühlen Sie sich verfolgt?

Kachelmann: Ich leide nicht unter Verfolgungswahn – falls Sie das meinen. Aber heute rief einer dieser Bild -Reporter an – und ich vermute, dass er nur den Ton des Freizeichens auf meinem Handy hören wollte, um auf diese Weise meinen ungefähren Aufenthaltsort einkreisen zu können. Dieser Bild -Journalist hat bei mir einen Rückruf bestellt, aber keinen Grund gesagt, warum ich zurückrufen sollte. Ich bin sicher, dass die Boulevardmedien überall U-Boote haben. In allen wichtigen Organisationen haben die einen sitzen, damit er mal kurz in den Computer guckt. Wenn ich in einer Maschine unterwegs war, die nicht zu den Fluglinien des Firmenverbundes Star Alliance gehört, hat mich nie ein Paparazzo am Flugplatz erwartet.

ZEIT: Das könnten auch alles Zufälle sein. Zufälle, aus denen Sie jetzt im Nachhinein ein System ableiten.

Kachelmann: Ich bin einfach vorsichtiger geworden bei dem bisschen Privatleben, was noch bleibt. Ich leide wirklich nicht unter Verfolgungswahn, ich vermute aber, dass die Boulevardzeitungen immer einen beim Handyprovider kennen, den sie anrufen können, um rauszufinden, von wo ich gerade telefoniere.

ZEIT: Warum sind Sie sich da so sicher?

Kachelmann: Die wissen viel mehr als jedes popelige Ministerium für Staatssicherheit – wenn auch nur über eine bestimmte Bevölkerungsschicht. Aber bei mir ist jetzt sowieso alles easy, weil ohnehin alle alles über mich wissen: Freedom’s just another word for nothing left to lose – Freiheit ist bloß ein anderes Wort dafür, dass man nichts mehr zu verlieren hat. Das ist so. Das ist das Schöne und Angenehme. Die Einfachheit, die Wahrheit, die Aufgeräumtheit in meinem Leben.

ZEIT: Was ging in Ihnen vor, als Sie Ihr eigenes psychiatrisches Gutachten aus dem Mund des Sachverständigen Hartmut Pleines hörten, der mit Ihnen nie gesprochen hatte? Lag er richtig?

Kachelmann: Es war viel Schönes in diesem Gutachten.

ZEIT: Pleines sagte aus, Sie seien seelisch kerngesund – allerdings ein »Homo ludens«. Ein Mensch, der das Leben als Spiel begreift. Ein Mann, der die anderen degradiert: zum Publikum, das seinen Charme bestaunt.

Kachelmann: Mich hat nur gestört, dass er offenbar die Aussagen der vielen Exgeliebten für wahr gehalten hat, die erfahren hatten, dass sie nicht mal die Prima inter Pares waren und dementsprechend schlecht auf mich zu sprechen. Der Psychiater hat nicht sehen wollen, dass die Aussagen der Frauen kontaminiert waren von ihrer Abneigung gegen mich. Das hat mich gewundert.

ZEIT: Hat er Sie dennoch treffend charakterisiert? Stimmt das Bild, das er von Ihnen gezeichnet hat?

Kachelmann: Ich hatte das Gefühl, dass er über eine dritte Person spricht. Mich hat aber erleichtert, dass dieses zuvor bestehende Geraune, ich sei ein »Jekyll and Hyde«-Charakter, in dem zwei Naturen zu Hause sind, oder ich sei »der Soziopath von nebenan«, nach dem Auftritt des Psychiaters aus der Welt war. Er hätte ja auch den Auftrag an das Gericht zurückgeben können mit der Begründung, er könne über den schweigenden Probanden Kachelmann nichts sagen. Aber vielleicht hat er das aus Professionalität oder Gerechtigkeitsempfinden nicht getan. Er hat wohl gespürt, zu welchem Wahnsinn dieses Gericht in der Lage war. Und er hat die Tür zu all den Jekyll-and-Hyde-Fantasien zugeschlagen.

ZEIT: Angenommen, Sie könnten die Zeit zurückdrehen und hätten jetzt die Gelegenheit, mit dem Psychiater über sich zu sprechen: Würden Sie es tun?

Kachelmann: Nein. Warum sollte ich mit einem Gerichtspsychiater sprechen? Ich habe keinen Sprung in der Schüssel. Viel interessanter wäre doch, zu erfahren, was psychologisch in der Frau vorging, die mich einer Tat beschuldigt, die ich nicht begangen habe. Die Nebenklägerin soll ja nach dem Urteil in einem Nebenraum des Gerichts erheblich randaliert haben. Sie soll ins Mobiliar getreten und ihren Anwalt angebrüllt haben: »Sie feige Sau!« Worauf ihr Anwalt nur wenig leiser zurückgab: »Erzählen Sie keinen Scheiß, Frau D., haben Sie nicht zugehört?«

ZEIT: Woher wissen Sie das?

Kachelmann: Dafür gab es Zeugen.

ZEIT: Wird man Sie wieder als Wetterexperten im Fernsehen sehen?

Kachelmann: Das entscheiden der liebe Gott und die ARD.

ZEIT: Haben Sie seit dem Tag Ihrer Festnahme irgendetwas von Ihren früheren Kollegen in der ARD gehört?

Kachelmann: Nein.

ZEIT: Von niemandem?

Kachelmann: Wenn ich Nein sage, dann bedeutet das doch wohl: von niemandem. Ich sage es aber gerne noch mal: von niemandem in der ARD.