Kachelmann-Interview "Mich erpresst niemand mehr"
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"Finanziell hat mich das alles komplett fertiggemacht"

ZEIT: Sie sind ja auch über Nacht vom Sympathieträger zum Monster geworden.

Kachelmann: Mir hat vor allem meine Mutter leidgetan. Wenn man über 80 Jahre alt ist und plötzlich von der Mutter eines Prominenten zur Vergewaltigermutter wird, dann ist das, glaube ich, scheiße. Auch für meine Frau ist es schwer. Was mein Selbstbild angeht: Ich weiß ja, dass ich kein Vergewaltiger bin. Das lässt mich relativ cool bleiben. Was mich wütend macht, ist nur die öffentliche Heuchelei.

ZEIT: Sie waren früher selber Teil der Medien. Möchten Sie es wieder werden?

Kachelmann: Vielleicht brauche ich das Fernsehen noch für meine Botschaft. Die lautet: Wenn in deutschen Knästen alle Häftlinge tot umfallen würden, die Taten zugegeben haben, die sie nicht begangen hatten, wären die Knäste halb leer. Viele Beschuldigte werden erpresst. Mit allen möglichen Mitteln dazu gebracht, Geständnisse abzulegen. Das ist das Wesen des sogenannten Deals vor Gericht. Man gibt als Beschuldigter um des lieben Friedens willen mehr zu, als man ausgefressen hat. Man räumt noch ein paar ungeklärte Fälle ein oder legt zu den tatsächlichen drei Kilo geschmuggelten Rauschgifts noch ein paar drauf – und hofft auf Gnade. Die Staatsanwälte freuen sich, ihre Fälle sind aufgeklärt, sie kriegen Fleißkärtchen, und die Erfolgsstatistik stimmt. Der allerorts übliche Deal ist eine staatlich sanktionierte Erpressung. Und die Verteidiger raten ihren Mandanten: »Machen Sie mit, sonst ist der Staatsanwalt böse und fordert eine höhere Freiheitsstrafe.« Das alles habe ich im Knast gelernt. Und ich will, dass die Öffentlichkeit das weiß. Kein Staatsanwalt will Arbeit mit einem Fall haben, kein Verteidiger kämpft mehr, und der Leidtragende ist der Angeklagte.

ZEIT: Sie reden über Deutschland wie über eine Bananenrepublik.

Kachelmann: Früher hätte ich so was nie für möglich gehalten. Aber früher hielt ich es ja auch nicht für möglich, je auch nur in die Nähe der Strafjustiz zu geraten. Das vergangene Jahr hat sehr viel verändert. Ich bin Polizisten früher mit erheblichem Gleichmut, Höflichkeit und Fröhlichkeit begegnet – heute fällt mir das schwer. Zufällig geraten meine Frau und ich neuerdings auch noch dauernd in Polizeikontrollen. Fünf allein in den letzten Wochen. Das sind Erlebnisse aus der Abteilung, die ich nicht mehr ertrage. Ich möchte in diesem Leben keine Polizisten aus Baden-Württemberg mehr sehen.

ZEIT: Hätten Sie lieber in der Schweiz vor Gericht gestanden?

Kachelmann: Ich weiß nicht, ob der schrille Ton des Mannheimer Staatsanwalts Lars-Torben Oltrogge eine Entsprechung in der Schweiz gefunden hätte und ob es dort solche Kommissare gibt wie die aus Baden-Württemberg. Ich würde es der Schweiz sehr wünschen, dass es all das dort nicht gibt. Ich würde mir wünschen, dass jedes Land sich bemüht, solchen Beamten das Handwerk zu legen.

ZEIT: Sie haben zwei 8 und 11 Jahre alte Söhne, die nicht bei Ihnen wohnen. Wie erklären Sie denen, was Ihnen widerfahren ist?

Kachelmann: Die Kinder wurden in die ganze Sache hineingezogen, das war furchtbar. Es wurden Kinderzeichnungen und Fotos an die Bunte gegeben, es wurde Stimmung gegen mich gemacht, während ich im Knast saß. Das war für mich das Fürchterlichste von allem.

Kachelmann ringt um Fassung, zum ersten Mal in diesem Interview. Er schlägt die Augen nieder, greift nach der Colaflasche auf dem Tisch, öffnet sie, nimmt einen tiefen Schluck und schweigt sehr lange. Kachelmann sagt, er wolle seine Kinder aus allem heraushalten. Sie hätten nichts damit zu tun. Er beginnt zu weinen und wischt die Tränen weg.

ZEIT: Können Sie etwas über Ihre finanzielle Lage sagen? Wie stehen Sie jetzt da?

Kachelmann: Finanziell hat mich das alles komplett fertiggemacht. Aber mein jetziger Anwalt wollte nicht sofort mehrere Hunderttausend Euro auf dem Tisch liegen sehen. Bei dem Anwalt, den ich zuerst engagiert hatte, war das anders. Ich habe Reinhard Birkenstock viel, sehr viel Geld geben müssen – wenn ich von Anfang an Johann Schwenn als Verteidiger gehabt hätte, würde es mir heute auch materiell viel besser gehen. Heute ist jeder Monat für mich eine neue Herausforderung, ich muss hohe Schulden abzahlen. Deswegen möchte ich über die ZEIT jetzt mal alle dazu aufrufen, mir mein fantastisches Seegrundstück in Kanada abzukaufen. (lacht)

ZEIT: Wie viel soll es denn kosten?

Kachelmann: Es ist ein vollkommen angemessener Preis für 40 Hektar. Es gibt auch einen schönen See auf dem Gelände. Sie können es sich im Internet anschauen. Sind Sie interessiert?

ZEIT: Wie viel?

Kachelmann: 1,4 Millionen kanadische Dollar. Das ist in Euro bloß eine knappe Million. Fangen Sie schon mal an zu sparen.

 
Leser-Kommentare
  1. Die Reaktionen sind verständlich, ich hoffe die Justizministerin schränkt nun da wo es angebracht ist und die Ehre verletzt werden kann, in den Gerichtssälen die Cameras ein, außerdem hoffe ich das sie die Unschuldsvermutung verstärkt es darf nurnoch jemand angeklagt werden, wo es fast wasserdicht, weil man ja sonst sein Leben zerstört

    Ich denke der Fall Kachelmann wird unsere bundesdeutsche Justiz stark verändern, dass hat sich im Volk, in den Medien, in Politiker usw sehr stark eingeprägt.

    22 Leser-Empfehlungen
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    die antworten waren gut, irgendwo auch ein angebot, ehrlich sein zu wollen.

    die fragen nicht.

    ihnen fehlte der notwendige abstand, feingefühl und wohl auch respekt.
    so fragt die bild.

    Ja seine Reaktionen sind verständlich. Wir sollten uns fragen,wie viel Schaden wir mir dem Erwerb der Bild oder Bunten anrichten.

    @Zeit-online redaktion: Warum sind die Fragen so aggressiv gestellt? Ist mir schon öfters aufgefallen. Glauben Sie denn, diese Technik würde dem Interview etwas würze geben?

    Sie rufen doch immer zu Sachlichkeit bei den Artikeln auf. Das würde ich mir auch hier von Ihnen wünschen.

    die antworten waren gut, irgendwo auch ein angebot, ehrlich sein zu wollen.

    die fragen nicht.

    ihnen fehlte der notwendige abstand, feingefühl und wohl auch respekt.
    so fragt die bild.

    Ja seine Reaktionen sind verständlich. Wir sollten uns fragen,wie viel Schaden wir mir dem Erwerb der Bild oder Bunten anrichten.

    @Zeit-online redaktion: Warum sind die Fragen so aggressiv gestellt? Ist mir schon öfters aufgefallen. Glauben Sie denn, diese Technik würde dem Interview etwas würze geben?

    Sie rufen doch immer zu Sachlichkeit bei den Artikeln auf. Das würde ich mir auch hier von Ihnen wünschen.

  2. [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie beim konkreten Artikelthema. Danke. Die Redaktion/ag

    • vonDü
    • 13.06.2011 um 10:34 Uhr

    aus dem der Standpunkt und die emotionale Befindlichkeit von Herrn Kachelmann gut nachvollziehbar ist.

    Das Interview hat mir mehr Informationen über Kachelmann gebracht, als die ganze Prozessberichterstattung. Gute Arbeit Fr. Rückert und Hr. Willeke.

    46 Leser-Empfehlungen
  3. Und damit ist die Bundesrepublik Deutschland Kachelmanns künftiger Prozessgegner:

    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf die wiederholte Verlinkung des immer gleichen Blogs. Der Kommentarbereich dient nicht der Werbung in eigener Sache. Danke. Die Redaktion/er

    11 Leser-Empfehlungen
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    Nach all dem, durch das dieser Mann gegangen ist?

    Haben Sie eine Vorstellung, wie's in diesem Mann aussieht? Er hat eine junge Frau. Er hat ein Jahr größten Streß hinter sich. Es wird Zeit, daß er anfängt, sein Leben neu zu ordnen, neu zu leben.

    Ich glaube er ist jetzt in der Position, daß er seine guten Vorsätze, die er für seine Ehe gefaßt hat wirklich lebt.
    Ich glaube er wird einen Schnitt machen wollen. Es gibt Dinge, die kann man nicht aufarbeiten man kann sie nur hinter sich lassen!

    Entfernt. Bitte richten Sie Kritik an der Moderation direkt an community@zeit.de. Danke. Die Redaktion/wg

    Für meine These, dass die Verfahrensgarantien des Art. 6 der Europäischen Menschenrechtskonvention durch das LG Mannheim und die Staatsanwaltschaft verletzt wurden, gibt es auch andere Quellen: http://4topas.wordpress.c...

    Nach all dem, durch das dieser Mann gegangen ist?

    Haben Sie eine Vorstellung, wie's in diesem Mann aussieht? Er hat eine junge Frau. Er hat ein Jahr größten Streß hinter sich. Es wird Zeit, daß er anfängt, sein Leben neu zu ordnen, neu zu leben.

    Ich glaube er ist jetzt in der Position, daß er seine guten Vorsätze, die er für seine Ehe gefaßt hat wirklich lebt.
    Ich glaube er wird einen Schnitt machen wollen. Es gibt Dinge, die kann man nicht aufarbeiten man kann sie nur hinter sich lassen!

    Entfernt. Bitte richten Sie Kritik an der Moderation direkt an community@zeit.de. Danke. Die Redaktion/wg

    Für meine These, dass die Verfahrensgarantien des Art. 6 der Europäischen Menschenrechtskonvention durch das LG Mannheim und die Staatsanwaltschaft verletzt wurden, gibt es auch andere Quellen: http://4topas.wordpress.c...

  4. Bitte verzichten Sie auf pauschale Unterstellungen und bemühen Sie sich um einen differenzierten Diskussionsbeitrag. Danke. Die Redaktion/ag

    41 Leser-Empfehlungen
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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf diskriminierende Äußerungen. Danke. Die Redaktion/wg

    in einem Vergewaltigungsprozess geht es nicht um prüden Zeitgeist, sondern um einen Verbrechenstatbestand. Und es stand auch nicht der Lebenswandel des Herrn Kachelmann vor Gericht, sondern eben jener Tatvorwurf der Vergewaltigung, von dem Herr Kachelmann vom LG Mannheim frei gesprochen wurde. Sein Lebenswandel wurde von den Medien "aneklagt", nicht von der Justiz. Und dass Frauen das Recht haben, "nein" zu sagen, auch gegenüber ihrem (Sexual)Partner, hat ebenfalls nichts mit übertriebenem Emanzipationsdenken zu tun.

    durch die 68er und Alternativis hat zu einer üblen Bigotterie und zu einem moralischen Rigorismus geführt.
    Dieser tobt nun aber weniger iin den breiteren und noch familiär orientierten Schaffer- Schichten der Bevölkerung, sondern vielmehr in den von abstrusen Theorien und Ideologien vollgestopften kinderarmen akademischen Schichten, die zudem besonders stark von den Medien manipuliert werden: Nach dem Motto, wenn wir diese im Griff haben, haben wir die politische Macht!

    Bitte beteiligen Sie sich mit sachlich formulierten Beiträgen. Danke. Die Redaktion/er

    Eine gesellschaftliche Realität, der sich auch die Zeit nicht entziehen kann.

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf diskriminierende Äußerungen. Danke. Die Redaktion/wg

    in einem Vergewaltigungsprozess geht es nicht um prüden Zeitgeist, sondern um einen Verbrechenstatbestand. Und es stand auch nicht der Lebenswandel des Herrn Kachelmann vor Gericht, sondern eben jener Tatvorwurf der Vergewaltigung, von dem Herr Kachelmann vom LG Mannheim frei gesprochen wurde. Sein Lebenswandel wurde von den Medien "aneklagt", nicht von der Justiz. Und dass Frauen das Recht haben, "nein" zu sagen, auch gegenüber ihrem (Sexual)Partner, hat ebenfalls nichts mit übertriebenem Emanzipationsdenken zu tun.

    durch die 68er und Alternativis hat zu einer üblen Bigotterie und zu einem moralischen Rigorismus geführt.
    Dieser tobt nun aber weniger iin den breiteren und noch familiär orientierten Schaffer- Schichten der Bevölkerung, sondern vielmehr in den von abstrusen Theorien und Ideologien vollgestopften kinderarmen akademischen Schichten, die zudem besonders stark von den Medien manipuliert werden: Nach dem Motto, wenn wir diese im Griff haben, haben wir die politische Macht!

    Bitte beteiligen Sie sich mit sachlich formulierten Beiträgen. Danke. Die Redaktion/er

    Eine gesellschaftliche Realität, der sich auch die Zeit nicht entziehen kann.

  5. Der "Fall" Kachelmann, aus welchem Blickwinkel man ihn auch sieht, ist für die Polizei,die Justiz und die Medien einfach nur eine Peinlichkeit ersten Ranges und eine Schande für Deutschland. Und niemand wird daraus lernen, geschweige denn Konsquenzen ziehen.

    38 Leser-Empfehlungen
  6. Auch ich habe missliche Erfahrungen mit Polizei und Justiz, die ich ganz kurz zusammenfassen kann:
    Wer das Angebot von im Privatfahrzeug fahrenden, nicht uniformierten Polizistenanfängern ausschlägt, für einen erfundenen Einbahnverstoß sich zum halben Preis für 10 Euro ohne Quittung freizukaufen, kann wegen dieser Unbotmäßigkeit ins Gefängnis kommen, vor allem dann, wenn die Polizei Kelle, Quittungsblock und Dienstausweis vergessen hat.

    22 Leser-Empfehlungen
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    Diese Masche ist jawohl sowas von Asbach. Das waren keine Polizisten, das waren die Kleinkriminellen von nebenan. Unglaublich, das immer noch Leute darauf hereinfallen.

    dass Sie auf so etwas hereingefallen sind. Unglaublich ist allerdings auch die Zahl der Leseempfehlungen...

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie ausschließlich zum Thema des Artikels. Danke. Die Redaktion/vn

    Diese Masche ist jawohl sowas von Asbach. Das waren keine Polizisten, das waren die Kleinkriminellen von nebenan. Unglaublich, das immer noch Leute darauf hereinfallen.

    dass Sie auf so etwas hereingefallen sind. Unglaublich ist allerdings auch die Zahl der Leseempfehlungen...

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie ausschließlich zum Thema des Artikels. Danke. Die Redaktion/vn

  7. Ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Freispruch und beglückwünsche Sie dazu, dass Sie im wahren Leben eines deutschen Normalbürgers angekommen sind.

    Recht haben und Recht bekommen, das sind immer zwei Seiten einer Medaille und wenn dann noch die "Kanaille Journaille" beginnt, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen - natürlich nur wegen der Auflage fürs eigene Blatt - dann steht nicht mehr die Würde des Menschen und die Achtung seiner Persönlichkeit im Vordergrund, sondern nur der Moloch "Quote".

    Am Ende gibt es viele Verlierer und nur einen Gewinner und der ist nicht der, über dem man sich über Wochen und Monate das Maul zerrissen hat, sondern es ist der, der am meisten daran verdiente, obwohl er es eigentlich nicht verdient hat.

    29 Leser-Empfehlungen

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