Die Örtlichkeit könnte typisch dänischer nicht sein: Eine sauber asphaltierte Landstraße führt hinaus aus dem jütländischen Städtchen Randers, gesäumt von Radwegen; zu beiden Seiten das landesübliche Stadtrandensemble von Byggemarked, Taeppeland, Farvecenter, Køkkenforum. Aber nirgends ein Hinweisschild. Ein wenig blöd kommt man sich schon vor, wenn man auf dem Århusvej schließlich einen einheimischen Radler fragt: »Entschuldigung, wo geht es denn hier nach Graceland?« Der Name ist Elvis-Presley-Fans in aller Welt ein Begriff – Graceland, das Heim des King of Rock ’n’ Roll, steht eigentlich in Memphis, Tennessee. Heute ist es ein Wallfahrtsort, an dem der 1977 verstorbene Sänger begraben liegt. Der Radfahrer findet die Frage gar nicht seltsam, sondern gibt gern Auskunft: »Du fährst noch geradeaus bis zum Burger King, dann liegt es gleich links.«

Die Villa im amerikanischen Südstaaten-Stil ist nicht zu übersehen: ein zweistöckiger Natursteinbau mit haushohem, weiß getünchtem Säulenportal, zu dem eine Freitreppe hinaufführt. Am Fahnenmast davor weht der Danebrog. Was da seit ein paar Wochen an einer Straßenkreuzung im dänischen Randers steht, ist eine Kopie des Heiligtums. Hingestellt hat sie dort Henrik Knudsen. In Footballtrikot und Basecap wartet der Zweizentnermann unter dem Säulenportal. Aus dem Rollrasen singt der King Return to Sender, in das Grün sind flächendeckend Lautsprecher integriert. Knudsen sagt: »Du wirst das hier besser verstehen, wenn du siehst, was ich drinnen alles ausgestellt habe.« Irgendwo musste er schließlich hin mit seinen Sammlerstücken.

Knudsen ist Elvis-Fan, seit er mit zwölf in der nachmittäglichen Radiosendung Efterskolen zum ersten Mal den Rocktitel Burning Love gehört hat. Als Presley kurz darauf starb, waren die Zeitungen voller Geschichten über den Mann, der die Popmusik revolutionierte. Knudsen: »Ich habe alles gelesen, und er hat mich nicht mehr losgelassen.« Mit einem Taschengeldzuschuss der Eltern kaufte Henrik einem schwedischen Sammler für 2.000 Kronen, rund 250 Euro, ein Autogramm ab: »Das war damals schon viel Geld, aber heute zahlt man für so was wesentlich mehr.« In drei Jahrzehnten hat Knudsen seither eine Sammlung von Elvis-Devotionalien zusammengetragen, wie es sie wohl nur im echten Graceland noch einmal gibt.

Weil die Beschäftigung mit Elvis und seiner Musik spannender war als der Job im Baumarkt, den er nach der Schulentlassung antrat, machte Knudsen aus seinem Hobby im Lauf der Zeit eine Profession. Er hat Wanderausstellungen und Konzerte mit Elvis-Doubles organisiert, er ist Präsident des europäischen Elvis-Fanclubs geworden und eine gefragte Auskunftsquelle zum Leben und Wirken des Idols. Vor zwei Jahren hat er mit den beiden Helfern, die er mittlerweile beschäftigte, beisammengesessen und die Frage erörtert: Was könnte man noch tun? Einer sagte: Graceland bauen.

»Kennst du das«, fragt Knudsen, »wenn dich eine Idee ergriffen hat? Die dich auch nachts nicht mehr loslässt? Für fünf Millionen Kronen, dachte ich, müsste das doch zu machen sein.« Jedenfalls setzte er sich kurz darauf mit einem befreundeten Architekten ins Flugzeug und flog nach Memphis. Wichtigstes Reiseutensil war einer dieser Zollstöcke, mit denen er aus Baumarktzeiten gut vertraut war. Knudsen: »Wir haben in Graceland alles ausgemessen, weil keine Baupläne aufzutreiben waren. Die Aufpasser haben sich ziemlich gewundert, aber als wir ihnen unser Vorhaben erklärt haben, fanden sie das gut. Zu Hause haben wir dann Bauzeichnungen angefertigt, das Grundstück gekauft und losgelegt.«

Am Ende ist das dänische Graceland allerdings doppelt so groß geworden wie sein Vorbild. »Nein«, sagt Knudsen und lacht, »nicht weil wir uns vermessen haben.« Der Originalbau aus den dreißiger Jahren sei mit dänischem Baurecht einfach nicht in Übereinstimmung zu bringen gewesen – Wärmeisolierung, Feuerschutz, Fluchtwege und so weiter. Außerdem mussten Büros und Gastronomie untergebracht werden, was Anbauten an der Rückseite des Gebäudes erforderlich machte. Aus den veranschlagten fünf Millionen sind am Ende 26 Millionen Kronen geworden, knapp dreieinhalb Millionen Euro also, die zu finanzieren aber kein Problem war, weil auch die Bank von dem Projekt und seinem Macher überzeugt war.