Auf den ersten Blick erscheinen Indexfonds wie der Traum des Kleinanlegers. Sie sind einfach, billig und sicher. Er muss nicht lange darüber nachdenken, ob er die Aktien von Daimler oder lieber die von Siemens kaufen soll. Allianz oder doch besser SAP? Wer sich ein eigenes Urteil nicht zutraut und auch nicht glaubt, dass Fondsmanager auf die richtigen Aktien tippen, kauft einfach einen Indexfonds und hat auf einen Schlag alle Aktien, die etwa im Dax enthalten sind. Der Fonds zeichnet in diesem Fall die Kursentwicklung der 30 umsatzstärksten deutschen Unternehmen nach.

In der Regel werden Indexfonds an der Börse gehandelt, man spricht dann von ETF-Anlage, oder Exchange Traded Funds. Aus Sicht von Experten gibt es da zwar Unterschiede, doch die haben für Kleinanleger praktisch keine Bedeutung. Preiswert sind die Finanzinstrumente in jedem Fall. Es ist eine passive Anlageform, die nichts weiter tut, als den zugrunde liegenden Börsenindex abzubilden. So müssen keine teuren Fondsmanager bezahlt werden, die Werte gezielt auswählen (und dabei womöglich danebengreifen). Wie bei anderen Fonds fließt das Geld der Anleger in ein Sondervermögen, das vom Eigentum des Fondsanbieters rechtlich getrennt ist. Das heißt, wenn der Emittent pleitegeht, bleibt das Anlegervermögen davon unberührt.

Kein Wunder also, dass Indexfonds beliebt sind. Ende 2010 waren weltweit 1,25 Billionen US-Dollar in ETFs investiert. Bis Ende dieses Jahres könnte die Summe auf zwei Billionen klettern, prophezeit der US-Vermögensverwalter Blackrock, der weltweit größte Anbieter von ETFs. Annähernd fünf Prozent des weltweiten Aktienvermögens stecken bereits in Indexfonds. Und der Anteil wächst von Jahr zu Jahr.

Die Euphorie ist groß, aber Experten sehen gerade darin eine große Gefahr. Sie halten Indexfonds keineswegs für ein besonders vertrauenswürdiges Anlageinstrument. "Der Boom bei Indexfonds weckt Erinnerungen daran, was sich auf dem Verbriefungsmarkt vor der Finanzkrise abspielte", warnte der italienische Notenbankchef Mario Draghi auf der Frühjahrstagung des Weltwährungsfonds (IWF) in Washington. Draghi leitet auch das Financial Stability Board (FSB). Im Auftrag der großen Industrie- und Schwellenländer beobachtet das Gremium die globalen Finanzmärkte. Und die Experten kommen in einer Studie zu dem Urteil, dass Indexfonds die Stabilität des internationalen Finanzsystems ernsthaft gefährden könnten. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel, die Zentralbank der Zentralbanken, kommt zu ähnlichen Schlussfolgerungen. Die Bank von England und der IWF sind ebenfalls besorgt.

Die Sorge, die die Finanzaufseher umtreibt: In Indexfonds steckt häufig nicht drin, was draufsteht. Das Fondsvermögen besteht vielfach aus Wertpapieren, die nichts oder nur wenig mit dem abgebildeten Börsenindex zu tun haben. "Swap-Basierung" heißt diese Praxis im Fachjargon. Dabei macht der ETF-Anbieter einen kleinen Tausch mit einer Bank; meist ist dies das Mutterhaus der Fondsgesellschaft. Die Bank verkauft dem ETF Wertpapiere, die sie anderweitig nicht benötigt, und garantiert, dass sie dafür aufkommt, falls sich deren Wert schlechter entwickelt als der Wert des abgebildeten Index.

Das führt dann dazu, dass im Fonds ganz andere Werte liegen, als der Anleger denkt. Europaweit beruht fast die Hälfte der angebotenen Indexfonds auf solchen Swaps. Auch in Deutschland sind sie weit verbreitet. Die Deutsche Bank tauscht mit ihrem Indexfonds-Ableger "db x-trackers" Papiere, genau wie die Commerzbank mit ihrer Marke "ComStage". "Die Indexfonds von ComStage sind zum größten Teil Swap-basiert", räumt ihr Geschäftsführer Thomas Meyer zu Drewer offen ein.

Das Problem bei diesen Tauschgeschäften ist, dass der Indexfonds nur über Umwege die Entwicklung des ihm zugrunde liegenden Index widerspiegelt. Der Dax oder Euro Stoxx kann kräftig zulegen, während die tatsächlichen Wertpapiere im Fonds fallen. Der Anleger glaubt, sichere Gewinne zu machen, dabei hängen die davon ab, ob die Swap-Geschäfte funktionieren. Denn falls sich die im Fonds gesammelten Papiere viel schlechter als der Index entwickeln, muss das Kreditinstitut, das den Swap abgeschlossen hat, dem Indexfonds Geld nachzahlen. Was, wenn das eines Tages nicht mehr geschieht, weil eine Bank sich verspekuliert hat und pleitegeht?