Meldet sich Karin Heuermann zum Hausbesuch an, sind viele Eltern freudig überrascht. Oft steht dann Kaffee auf dem Tisch oder ein Teller mit Keksen. Jedem Neugeborenen stattet das Gesundheitsamt in Neukölln eine Visite ab. Stolz präsentieren die Mütter ihre Babys und hören zu, wenn die Sozialarbeiterin von den vielen Unterstützungsangeboten des Berliner Problembezirks für junge Familien berichtet.

Neuerdings aber trifft Heuermann auf empörte Paare, die sie schon in der Tür beschimpfen. Was ihr einfalle, sie zu belästigen, poltern sie. Ob sie nichts Besseres zu tun habe, als unbescholtene Bürger zu verdächtigen. Neumann könnte auf die Frage eine Antwort geben. Sie würde Politikern nicht gefallen. Nur darf sie das nicht tun, zumindest nicht öffentlich.

Seit Ende 2010 besucht der Neuköllner Kinder- und Jugendgesundheitsdienst Eltern nicht nur zur Begrüßung ihres Nachwuchses, sondern auch zur Kontrolle. Ein neues Gesetz verpflichtet die Mitarbeiter, bei allen Familien vorstellig zu werden, deren Kind eine Vorsorgeuntersuchung verpasst hat. Bei der Früherkennung (U1 bis U12) prüft der Arzt, ob sich das Kleinkind altersgemäß entwickelt. Wer den Gesundheits-Check nicht wahrnimmt – so lautet die amtliche Logik –, hat kein Interesse am Wohlergehen seines Nachwuchses. Schlimmer noch: der vernachlässige und misshandle womöglich sein Kind.

Der Grund für das institutionalisierte Misstrauen gegenüber Eltern – in Berlin wie fast überall in Deutschland – heißt Kevin . Oder Jacqueline. Oder Jessica . Es sind Kinder, die an Unterernährung, durch Schläge oder Dauerisolation zu Tode gekommen sind. Als die fünfjährige Lea-Sophie , ein Mädchen aus Schwerin, 2007 tot aufgefunden wurde, dehydriert und abgemagert, sah sich die Politik zum Handeln gezwungen.

Aufgeschreckt durch Berichte über das Versagen der Jugendämter, lud Kanzlerin Merkel zum » Kindergipfel «. Gegen den Rat von Forschern und Praktikern beschlossen Bund und Länder das »verbindliche Einladungswesen« für Vorsorgeuntersuchungen, eine Art gut gemeinte Rasterfahndung nach Kindern in Gefahr. Die meisten Bundesländer entschieden sich, den säumigen Eltern nicht nur Erinnerungsbriefe zu schicken. Eine Inspektion im Kinderzimmer sollte den Grund für die verpasste Vorsorge ergründen. Dreieinhalb Jahre später weiß man: Das Massenscreening hat den Kinderschutz nicht verbessert. Stattdessen ist eine neue Sozialbürokratie entstanden, die Eltern verschreckt und die Personalnot in vielen Jugend- und Gesundheitsämtern weiter verschärft.

In Berlin richtete der Senat an der Universitätsklinik Charité eine »Zentralstelle für das Einladungs- und Rückmeldewesen« ein. Sie erfasst alle erfolgten Vorsorgeuntersuchungen. Wessen Name nicht in den Listen auftaucht, der erhält eine Erinnerung – und kurz darauf ein Schreiben vom Gesundheitsamt samt Termin. Doch bevor Karin Heuermann und ihre Kollegen sich zum einem Treffen aufmachen, wissen sie, dass es vertane Zeit ist. Denn in 95 Prozent aller Fälle sind die Eltern längst beim Arzt gewesen oder haben sich zur Untersuchung angemeldet. Die Bestätigung hat die Charité nur nicht erreicht. Insgesamt 160-mal machte Heuermann einen Hausbesuch und fand in fast allen Fällen das gelbe Vorsorgeheft korrekt ausgefüllt. Wenn man sie überhaupt reinließ. Denn offiziell ist die Visite ein Angebot, das niemand annehmen muss – wie auch die Vorsorgeuntersuchung selbst in fast allen Bundesländern weiterhin freiwillig ist. »Ob Eltern ohne Nachweis nach meinem Besuch zur Früherkennung gehen, weiß niemand«, sagt die Sozialarbeiterin.

Nun könnte man argumentieren: Fehlerquote hin oder her, wenn Kinder in Gefahr sind, darf der Staat keinen Aufwand scheuen. Doch auch aus den restlichen fünf Prozent der Besuche ergab sich in Neukölln »nicht ein einziger Kinderschutzfall«, sagt Gesundheitsstadtrat Falko Liecke. »Die Kontrollbesuche halten meine Mitarbeiter von der wirklich wichtigen Arbeit ab.«

In anderen Bundesländern zieht man denselben Schluss. Zwar ist die ohnehin hohe Nutzungsquote der Untersuchungen weiter gestiegen; Erinnerungsbriefe zahlen sich also aus. Die zeitraubenden Inspektionen aber erwiesen sich als wirkungslos. Denn Hinweise auf Misshandlungen gewannen die Behörden nicht.

So befragte der Landschaftsverband Westfalen-Lippe die Hälfte aller Jugendämter in Nordrhein-Westfalen nach ihren Erfahrungen mit den Pflichtbesuchen. Laut dem bislang unveröffentlichten Bericht mussten die Sozialarbeiter 26.371 säumige Eltern anrufen oder besuchen. In 90 Prozent der Fälle war die Vorsorgeuntersuchung bereits erfolgt, als die Sozialarbeiter klingelten. Bei gerade mal 20 Visiten (0,08 Prozent) stießen sie auf eine Gefährdung des Kindeswohls. »Leib und Leben waren jedoch niemals akut bedroht«, sagt Thomas Fink vom Landschaftsverband. Ein bescheidener Ertrag der Mühen von rund 30 Vollzeitstellen von Sozialarbeitern, die laut Fink mit den Massenkontrollen beschäftigt waren.

In Hessen, rechneten Städte- und Landkreistag aus, hatten die Jugendämter 17.000 Arbeitsstunden aufgewendet und waren dabei auf sechs Familien in Not gestoßen, die noch nicht aktenkundig waren. Und in Schleswig-Holstein konnte man bereits im Landeskinderschutzbericht 2010 lesen, dass sich von den 169657 Fällen, welche die Behörden angeschrieben hatten, nur »extrem wenige Fälle« als problematisch herausgestellt hatten – und diese »dem Jugendamt in der Regel bereits bekannt« waren.

»Weniger effektiv kann Geld für den Kinderschutz kaum ausgegeben werden«, sagt Thomas Meysen vom Deutschen Institut für Jugendhilfe und Familienrecht. Wie andere Wissenschaftler hatte Meysen 2007 vor dem »Elterntracking« gewarnt. Ein Bericht des Gemeinsamen Bundesausschusses fand keine internationale Studie, die belegt hätte, dass sich mit Vorsorgeuntersuchungen Kindesmisshandlungen aufdecken lassen.

Doch skeptischer Expertenrat zählt wenig, wenn Politiker, getrieben von den Medien, Signale setzen wollen. »Alle haben Angst vor dem Tag, an dem Bild oder RTL vor der Tür steht«, sagt Thomas Meysen. Angesichts grausamer Bilder von verhungerten oder geprügelten Kindern verblasst jede wissenschaftliche Studie.