ZEITmagazin: Sie haben fünf Jahre lang in Hotels gearbeitet, unter anderem in einem Berliner Vier-Sterne-Hotel. Sie waren Rezeptionistin, Zimmermädchen, Barfrau – und wollen anonym bleiben. Warum haben Sie aufgehört?

Zimmermädchen: Als Hotelfachfrau habe ich gelernt, wie Menschen wirklich sind. Ich wollte einen Beruf, der mich mit Menschen zusammenbringt. Mein Menschenbild hat gelitten. Oder sagen wir eher: mein Männerbild.

ZEITmagazin: Was haben Sie denn erfahren, was Sie nicht erfahren wollten?

Zimmermädchen: Männer wollen ihre Macht demonstrieren. Und dazu stauchen sie einen schon einmal zusammen, etwa weil angeblich das Licht im Zimmer nicht funktioniert oder der Schlüssel. Es funktioniert meistens natürlich doch. Und sie lügen, obwohl sie wissen, dass man weiß, dass sie lügen. Wissen Sie, wie es mit der Minibar läuft?

ZEITmagazin: Na, man zahlt, was man getrunken hat.

Zimmermädchen: Das denken die, die nicht so oft ins Hotel gehen. Viele Gäste bedienen sich aus der Minibar und behaupten hinterher, sie hätten nichts getrunken. Sie wissen, dass wir ihnen nicht widersprechen werden. Weil wir es nicht dürfen. Wir dürfen nicht sagen: »Aber Sie hatten doch offenbar zwei Bier und einen Whiskey.« Stattdessen sagen wir: »Natürlich, kein Problem«, und stornieren die Minibarkosten. Es ist sowieso immer alles »kein Problem«, alles macht man »gerne« und »natürlich«.

ZEITmagazin: Nutzen Gäste das Dienstleistungsverhältnis auch aus, um unanständige Angebote zu machen?

Zimmermädchen: Sehr regelmäßig, wenn man an der Bar arbeitet. Das Hotel weiß das natürlich und toleriert es. Ich kenne keine einzige ehemalige Kollegin, die sich je auf eine Anmache an der Bar eingelassen hätte. Aber obwohl die Erfolgsaussichten null sind, versucht es an jedem Abend mindestens einer.

ZEITmagazin: Wie ist es im Zimmerservice?

Zimmermädchen: Alle Frauen drücken sich. Wenn es geht, schickt man einen Mann. Aber das geht leider nicht immer, und so muss man doch manchmal hoch. Dabei hat man immer ein ungutes Gefühl. Man klopft und betritt einen Raum, den der Gast als seinen privaten betrachten soll. Sein privates Schlafzimmer. Und er betrachtet es so. Viele Männer saßen, wenn ich reinkam, nur in Boxershorts im Sessel. Man versucht dann, schnellstmöglich sein Tablett loszuwerden.

ZEITmagazin: Ist Ihnen mal was zugestoßen?

Zimmermädchen: Ich hatte mal einen Nackten. Er ließ sich das Frühstück bringen und öffnete mir die Tür vollkommen unbekleidet. »Ach, kommen Sie doch rein«, sagte er. Ich bin tatsächlich rein und hab das Tablett abgestellt. Man darf es den Gästen ja nicht einfach in die Hand drücken. Ich habe so getan, als wäre nichts. Beim Rausgehen habe ich noch einen »schönen Tag« gewünscht. Erst als ich wieder aus dem Zimmer war, wurde mir klar, wie absurd das war.

ZEITmagazin: Hatte die Sache denn Konsequenzen für den Gast?

Zimmermädchen: Ach was. Ich habe niemandem im Hotel davon erzählt. Es hätte auch niemand darauf reagiert. Das Hotel deckt alles. Einmal hat ein Paar den Zimmerservice gerufen, als es Sex miteinander hatte. Das habe ich ebenfalls verschwiegen.