DIE ZEIT: Herr Bundespräsident, ein Jahr lang waren Sie von der Bildfläche verschwunden. Haben Sie Abstand zu den Turbulenzen um Ihren Rücktritt gefunden?

Horst Köhler: Ich führe seit einem Jahr wieder ein normales Bürgerleben. Ich bin mit mir im Reinen und genieße manche Dinge, die ich vorher nicht hatte. Ich bin gerade dabei, meine Pläne für die kommende Zeit zu strukturieren. Es ist insoweit alles im grünen Bereich.

ZEIT: Sie vermissen nichts?

Köhler: Ich vermisse nichts.

ZEIT: Sind Sie auch bei guter Gesundheit?

Köhler: Ja, auch das. Ich habe im Amt einen Rhythmus gehabt, der auch im physischen Sinne selbstbestimmt war. Ich habe es mir nicht nehmen lassen, regelmäßig Sport zu machen, mindestens zweimal in der Woche, und auch Urlaube zu nutzen – ob beim Skifahren oder mit Bergtouren im Sommer –, um mich körperlich fit zu halten. Ich bin schon immer ein Frühaufsteher gewesen und habe keine Probleme, relativ lange zu arbeiten. Das Besondere dieses Amtes ist ja, dass man die Leute kennenlernt. Jeder Termin war für mich wichtig, weil ich erkannt hatte, dass jeder etwas zu sagen hat. Das war schon auch fordernd. Aber es gab für mich keine Notwendigkeit, in eine Art Regeneration zu gehen, weil ich erschöpft gewesen wäre.

ZEIT: Stimmt es Ihrer Erfahrung nach, dass es nichts Anstrengenderes gibt als den Beruf des Politikers ?

Köhler: Der Beruf ist anstrengend, besser: fordernd. Das für mich Anstrengende war: Wenn ich mit den Menschen geredet habe, dann habe ich mich immer bemüht, auf sie einzugehen. Zum traditionellen Neujahrsempfang des Bundespräsidenten etwa haben wir immer auch Bürger eingeladen. Wenn Sie 60, 80 Bürgern die Hand geben und mit ihnen auch nur ein oder zwei Minuten mit Interesse reden – später beim Mittagessen natürlich länger –, dann kostet das Kraft. Das ging in der Tat bis zur physischen Erschöpfung. Aber diesen Preis habe ich gern bezahlt.

ZEIT: Sie haben ja auch etwas zurückbekommen.

Köhler: Ja, genau, das war das Schöne in meiner Zeit als Bundespräsident. Das möchte ich auch nicht missen. Ich schaue auf die Zeit nicht im Zorn zurück oder frage mich nur, was ich falsch gemacht habe . Es waren für mich Jahre, die mir etwas gegeben haben. Aber es ist nicht so, dass mir das fehlt.

ZEIT: Und wie ist es jetzt? Als Sie jüngst mit Ihrer Frau die Ehrenbürgerschaft der Stadt Ludwigsburg bekamen, wie haben Sie die Atmosphäre wahrgenommen?

Köhler: Als freundlich und angenehm. In Ludwigsburg war es, ehrlich gesagt, fast wie in meiner Amtszeit. Damals wie jetzt versuche ich, jedem Gesprächspartner – schon aus Gründen des Respekts – Aufmerksamkeit zu geben. Ich war ja mal Beamter, Oberregierungsrat. Ich musste meinem Referatsleiter im Bundeswirtschaftsministerium in den Haushaltsausschuss folgen. Dort bin ich einem Studienkollegen – einem Abgeordneten! – begegnet, der mit mir das Examen gemacht hatte. Der sieht mich und schreit durch die Lobby: Horst, hast ja Karriere gemacht! Er hat mit mir geredet, mich dabei aber kaum angeguckt. Wenn jemand seine Augen überall hat, nur nicht bei seinem Gesprächspartner, dann irritiert das. Vielleicht war das der Punkt, an dem ich gedacht habe: Das soll mir nicht passieren.

ZEIT: Nächste Woche reisen Sie nach Afrika – Tansania, Uganda, Ruanda und Äthiopien. Warum lässt Sie dieser Kontinent nicht los ?

Köhler: Weil ich dort konkrete Anschauung für die Bedeutung des Artikels 1 unserer Verfassung in der heutigen Zeit erfahren habe: Kindersoldaten, die Zerstörung der Gemeinschaft durch Aids, Völkermorde. Ich habe aber auch erlebt: Menschenwürde ist, wenn sich Menschen nicht fallen lassen, wenn sie – vor allem die Frauen – trotz aller Not versuchen, ihren Kindern Hoffnung zu geben.

ZEIT: Sie haben einen Satz immer und immer wiederholt: Am Schicksal Afrikas entscheidet sich die Menschlichkeit der Welt.

Köhler: So sehe ich es. Bis heute.

ZEIT: Nimmt man diesen Satz als Maßstab, wie steht es dann um die Menschlichkeit der Welt?

Köhler: Es gibt Zeichen der Hoffnung.

ZEIT: Welche?

Köhler: Erstens die wirtschaftliche Entwicklung. Unter dem Strich wächst die Wirtschaft Afrikas seit zehn Jahren im Durchschnitt um über fünf Prozent. Es gibt in Afrika eine wachsende Mittelschicht.

ZEIT: Aber auf niedrigem Niveau!

Köhler: Natürlich, die Mittelschicht bemisst man dort zum Beispiel nach einem Pro-Kopf-Einkommen von zwei bis vier Dollar pro Tag. Man darf das nicht mit der Mittelschicht in Deutschland oder in den USA verwechseln. Aber die Afrikaner selber sehen hier einen Fortschritt. Auch politisch sehe ich mehr Positives. Es gibt in Afrika 54 Länder, von denen sich die meisten zu einer Demokratie entwickeln.

ZEIT: Es gibt allerdings regelmäßig furchtbare Rückschläge, zuletzt in der Elfenbeinküste . Findet Afrika wirklich aus dem Kreislauf von Armut, Krieg, Unterdrückung und Elend heraus?

Köhler: Meine Einschätzung ist: Ja, es braucht aber Zeit. Das ging den Europäern in ihrer Demokratiegeschichte nicht anders. Das Wichtigste sehe ich darin, dass die Afrikaner endlich sich wieder selbst entdecken. Bei vielen afrikanischen Gesprächspartnern war die Stimmung früher: Wir wollen Hilfe, weil wir arm sind, weil wir Hunger haben, weil wir Aids haben. In den letzten Jahren hat sich das verändert in den Wunsch, als Partner wahrgenommen zu werden. Manchmal höre ich auch: Das sind keine Hilfen, die wir erbitten müssen, das ist das Mindeste, was ihr geben müsst. Nehmt bitte zur Kenntnis, dass eure Politik als Kolonialmächte bis hin zur Phase des Ost-West-Konflikts einiges dazu beigetragen hat, dass wir jetzt in so einer schwierigen Situation sind.