DIE ZEIT: Herr Wenders, Ihr neues Fotobuch Places, strange and quiet führt in Hinterhöfe, auf Felder, Rast- und Sportplätze in aller Welt. Was ist so reizvoll an unscheinbaren Orten?

Wim Wenders: Die schönen Plätze sind meist die allzu bekannten, da hat man schon vorher ein Bild im Kopf und kann ihnen nicht offen begegnen. Als ich zum Beispiel in Armenien war, da hatte ich einen Fahrer, den habe ich zur Verzweiflung gebracht. Er hätte mir gern die repräsentativen Stätten in seinem Land gezeigt, möglichst jedes alte Kloster, aber ich wollte auf die kleinen Landstraßen und in die einsamen Gegenden. Dort kannte er sich nicht aus. Ich fand so aber dieses verlassene Riesenrad mitten auf einer Wiese. Und war begeistert: Wer zum Teufel hat das aufgestellt? Wo sind all die Leute hin, die hier mal ausgelassen gefahren sind? Ich habe mich zwei Tage lang davorgesetzt und geschaut. Einmal kamen drei Jungs vorbei, die haben sich daran hochgehangelt, und dann hat sich das Rad wieder langsam und ächzend mitgedreht.

ZEIT: Auf dem Foto sind sie nicht zu sehen. Überhaupt sind fast alle Bilder menschenleer.

Wenders: Ich versuche auch eher, das Unsichtbare zu zeigen. Bei dem Riesenrad denkt man an die Pärchen, die da mal mitgefahren sind, geknutscht, gesungen und ihren Wodka getrunken haben. Sobald eine Person auf einem Bild ist, geht es nur noch um sie. Alles, was man sonst aus der Landschaft lesen kann, bezieht sich sofort auf diesen einen Menschen. Orte erzählen mehr von uns, wenn keiner von uns zu sehen ist.

ZEIT: Interessiert es Sie nicht, mit Menschen ins Gespräch zu kommen?

Weitere Fotos von Wim Wenders sehen Sie, wenn Sie auf dieses Blid klicken. © Wenders Images GbR

Wenders: Ich rede durchaus mit den Einheimischen, ich bin nur kein Porträtfotograf. In einem Ort nahe dem Riesenrad etwa habe ich eine Kirche gefunden. Die war innen pechschwarz, ausgebrannt und verkohlt, und niemand hatte das Geld, sie wiederherzurichten. Eine orthodoxe Kirche. Da traf ich einen Priester in schwarzer Kutte, den sah man fast nicht in seiner schwarzen Kirche. Er hat mir dann stundenlang das Gebäude gezeigt, auch die verkohlten Bilder. Von ihm habe ich auch die Geschichte des Riesenrads erfahren: Früher war dort eine Sowjetsiedlung mit diesem Vergnügungspark für die Besatzer. Als Armenien unabhängig wurde, sind die Russen fast alle weggezogen.

ZEIT: Ausflugs- und Urlaubsorte sind ein häufiges Motiv Ihrer Fotos: Karussells in Tokyo, in denen niemand fährt; Sonnenbänke in Palermo. Nur ein einziger Mann in Badehose hat sich dort hingesetzt.

Wenders: Diese Bilder zeigen, was für seltsame Vorstellungen von »Vergnügen« es gibt. Der Mann in Palermo saß nur hundert Meter vom Meer entfernt, direkt vor ihm Betonwürfel und daneben der stickige Hafen. Weiter weg vom Meer kann man gar nicht sein! Warum geht der Mann nicht einfach an den Strand? Warum stellt da überhaupt jemand solche Sonnenbänke hin? Solche künstlichen Freizeitorte sind mysteriös. Warum fahren Menschen aus freien Stücken in Themenparks? Das sind Folterstätten, gerade in Amerika.

ZEIT: Was finden Sie quälend an Disneyland und Co.?

Wenders: Dass alles geregelt ist! Man steht den ganzen Tag an. Sogar wenn man etwas essen will, steht man in der Schlange. Es ist vorgegeben, wann man lachen und kreischen oder sich gruseln soll. Alles ist Programm. Und Programm ist das Gegenteil von Freizeit, also freier Zeit.

ZEIT: Viele Menschen haben Spaß in Themenparks.

Wenders: Weil sie mit Freiheit nichts anzufangen wissen. Nur in geregelten Abläufen können sie sich gehen lassen. Wie beim Karneval in Deutschland...

ZEIT: Sie sind in erster Linie Filmemacher. Entstehen Ihre Fotos nebenbei, auf der Suche nach Drehorten?

Wenders: Anfangs war das so. Meine erste große Fotoreise vor bald dreißig Jahren ging ein halbes Jahr lang im Zickzack durch den amerikanischen Westen. Um Paris, Texas zu schreiben, wollte ich die Landschaft gut kennen. Da habe ich beides getan, fotografiert und Drehorte gesucht. Inzwischen ist das anders. Wenn ich einen Film vorbereite, habe ich meine großen Fotokameras nicht dabei. Und wenn ich fotografieren will, mache ich das ohne Filmprojekt im Hinterkopf.