An dieser Stelle wollen wir ein kleines Loblied singen auf die Freiheit des Erzählens. Auf die Chuzpe des Erfindens. Auf eine Geschichte, die der junge ungarische Regisseur Szabolcs Hajdu mit traumwandlerischer Exzentrik erzählt, entlang der überraschendsten Abzweigungen, merkwürdigsten Umwege, schärfsten Kurven. Bibliothèque Pascal heißt sein Film, dessen Handlung sich zunächst in einem Satz zusammenfassen lässt: Mona, eine rumänische Exprostituierte, will das Sorgerecht für ihre kleine Tochter zurückbekommen und erzählt einem Mitarbeiter des Jugendamtes ihr Leben. Was wie ein sozialrealistisches Drama beginnt, hebt allerdings schnell ab zu einem Abenteuerroman, in dem Wirklichkeit, Illusion und Sehnsucht nicht mehr zu unterscheiden sind. Wurde Mona tatsächlich von ihrem Vater an Menschenschlepper verkauft? Oder ging sie freiwillig als Prostituierte nach England? Kann es ein Bordell wie die Bibliothèque Pascal in Liverpool wirklich geben?

In diesem Etablissement sind die Räume nach literarischen Themen geordnet. Der eine Kunde will Sex mit George Bernard Shaws heiliger Johanna, der andere verausgabt sich im schwarzen Latexanzug zu Shakespeares Desdemona-Zeilen, während sich nebenan Nabokovs Lolita rekelt. Im großen Saal der Bibliothek feiern Herren im feinen Zwirn Partys zwischen Lesesesseln und Sexdarbietungen. Sein Bouquet der Perversionen entfaltet Hajdu als einen surrealen Reigen, der zunehmend abstrakter wird. Lange, schwebende Kamerafahrten führen durch die einzelnen "Themenzimmer" des Gebäudes, es sind Räume, die wie knallbunt ausgestattete Puppenstuben des Unbewussten wirken.

Die Bibliothèque Pascal, so viel ist bald klar, ist weit mehr als ein Bordell in der drogenbetäubten Erinnerung einer Hure. Es ist der Ort, an dem Kultur verramscht und ins Obszöne gezogen wird, eine Metapher der schrillen Verrohung und womöglich auch eine durchgeknallte Satire der Eventgesellschaft. 

Doch so fantastisch sich Hajdus Film auch verzwirbeln mag, er ist getragen von einer seltsamen Spannung: zwischen seinem eigentlich ernsten Thema und seinen verspielten, farbsatten Bildern, die gerne die Grenze zum Kitsch überschreiten. Etwa wenn Monas kleine Tochter, die in Rumänien zurückgelassen wurde, von ihrer abgefeimten Großtante als Kirmesattraktion ausgebeutet wird: Das schlafende Kind vermag seine Träume – unter anderem eine Blaskapelle, die den Radetzkymarsch spielt – auf eine imaginäre Leinwand zu projizieren.

In manchen Momenten von Bibliothèque Pascal scheint es, als schaue man dem Kino selbst beim Träumen zu. Als nehme sich die Filmkunst hier die Freiheit, eine Geschichte, deren Elend sich nicht mehr dokumentarisch erzählen lässt, mit den Mitteln des Jahrmarkts zu überwölben und zu überzeichnen. Die Wirklichkeit, die hinter Hajdus schaubudenhaften Stilisierungen hervorlugt, verliert trotzdem nichts von ihrem Schrecken.