Unesco-WelterbeDas Geheimnis von Lorsch

Eine faszinierende Ausstellung spürt einem der ältesten Klöster Deutschlands nach: Der hessischen Abtei Lorsch, die seit 1991 Unesco-Welterbe ist. von Manfred Schwarz

Ob ihm ein bisschen schauderte? Schließlich war der Freiherr von Hausen inmitten einer Gruft gelandet. Der kurmainzische Oberforstmeister suchte einen Schatz. Deswegen hatte er in den letzten Jahren des 18.Jahrhunderts das ganze weite und ziemlich wüste Gelände in Lorsch, einem Städtchen zwischen Darmstadt und Mannheim, gekauft – dort, wo sich einst das große und mächtige Kloster Lorsch als Keimzelle und Mittelpunkt einer wahren Kulturlandschaft erhob. Im frühen Mittelalter gegründet und im Dreißigjährigen Krieg von spanischen Truppen verwüstet, war von der einst blühenden Abtei unweit der Bergstraße allerdings nicht viel mehr übrig geblieben als Ruinen und zahllose Trümmersteine. Und ein paar Legenden.

Eine davon kreiste um einen sagenhaften Schatz: um den goldenen Sarkophag des heiligen Nazarius, dessen Gebeine man 765 aus Rom in das gerade erst gegründete karolingische Kloster transferiert hatte. Genau danach suchte der umtriebige Freiherr, mit dessen Wühlarbeit im Jahr 1800 die Reihe der Ausgrabungen in Lorsch begann. Zu seiner großen Enttäuschung jedoch fand er kein Gold, weder in der Gruft noch andernorts. Er stieß nur auf ein paar Särge aus Stein. Der ernüchterte Schatzsucher verkaufte sie achtlos; sie endeten als Schweinetröge auf den Bauernhöfen der Umgebung.

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Den schönsten jedoch – er ist mit ionischen Pilastern kunstvoll verziert – stellte er als Memento mori in seinen Garten, er hat, als einziger, bis heute überdauert. Es handelt sich dabei wohl um den Sarkophag eines Karolingerherrschers, des ostfränkischen Königs Ludwig des Deutschen. In seiner stummen Noblesse steht er nun gleich am Eingang der faszinierenden Ausstellung im (leider etwas beengten) Museumszentrum von Lorsch, die eine Bilanz der bisherigen Ausgrabungskampagnen auf dem Klostergelände präsentiert: rund fünfhundert Fundstücke, vom karolingischen Kapitell bis zu beinernen Spielwürfeln aus gotischer Zeit.

Die Klosteranlage Lorsch gehört seit 1991 zum Unesco-Weltkulturerbe. Sie ist einer der bedeutendsten Orte des frühen Mittelalters in Deutschland. 764 gegründet, hatte die Abtei in kürzester Zeit eine erstaunliche Machtfülle erlangt. Zunächst als Eigenkloster einer örtlichen Grafenfamilie eingerichtet, die eng verbunden war mit der Herrscherschicht des jungen karolingischen Reiches, wurde Lorsch schon 772 von Karl dem Großen zum Reichskloster erhoben. 774 wohnte der soeben siegreich – cum magno triumpho, wie es in den Quellen heißt – von seinem Italienfeldzug zurückgekehrte Frankenherrscher sogar persönlich mit seiner Familie und seinem Hofstaat der Weihe der neuen Klosterkirche bei. In den nächsten Jahrzehnten gab es eine wahre Flut von Schenkungen. Sie bezeugen die herausragende Stellung Lorschs im Auf- und Ausbau der karolingischen Herrschaft, die ja wesentlich verbunden war mit der wirtschaftlichen und verwaltungstechnischen Erschließung des Reichsterritoriums, mit der auch nach innen gerichteten Missionierung, mit der »Bildungsreform«, mit der Wiederbelebung des antiken Erbes in Kunst, Wissenschaft und Literatur. Bei diesem welthistorischen Vorgang – jener, wie der belgische Historiker Henri Pirenne schrieb, »Achsendrehung nach Norden« – spielte Lorsch eine bedeutende Rolle.

Aber leider: Viel geblieben ist aus jener Zeit nicht. Es stehen noch ein Rest der ehemaligen Abteikirche und ein ziemlich großes Stück der Klostermauer, die schon im 8. Jahrhundert angelegt wurde und noch heute die imposanten Ausmaße der Anlage ahnen lässt. Und natürlich diese geradezu irritierend, erregend exotische, im Gegensatz zu den übrigen Gebäuden wundersamerweise so gut wie unversehrte »Torhalle«, die niemals eine richtige Torhalle war, sondern sich frei stehend im Atrium des Klosters erhob. Ein sonderbares Gebäude, eines der ältesten nachrömischen Bauwerke in Deutschland überhaupt. Vielleicht war es eine karolingische Königshalle, wie man früher nicht ganz ohne Berechtigung meinte, vielleicht auch eine Gerichtshalle, wie man heute eher vermutet. Für jenen Vorgang, den man als »karolingische Renaissance« beschreibt, ließe sich jedenfalls kaum eine trefflichere Verkörperung denken.

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