Scharf markiert der Autor die Zäsur von Ende August 1916, als Hindenburg und Ludendorff anstelle des glücklosen Generalstabschefs Erich von Falkenhayn an die Spitze der Obersten Heeresleitung berufen wurden. Diese Entscheidung machte den Weg frei für eine Radikalisierung der Kriegführung, die auf die »totale Mobilmachung« aller materiellen und personellen Reserven des Reiches zielte. Die anfänglichen Töne der Bewunderung für die militärischen Fähigkeiten Ludendorffs machen nun einer kritischen Betrachtung Platz. Als größten Fehler rechnet ihm der Autor den Entschluss zum unbeschränkten U-Boot-Krieg an, den Ludendorff Anfang Januar 1917 gegen den Widerstand des Reichskanzlers Theobald von Bethmann-Hollweg durchsetzte. Dabei nahm er bewusst das Risiko eines Kriegseintritts der Vereinigten Staaten in Kauf: »Ich pfeife auf Amerika... Was kann es uns tun? Herüber kommen sie nicht.« Eine, wie man weiß, groteske Unterschätzung des militärischen und wirtschaftlichen Potenzials der USA.

Mit dem Sturz Bethmann Hollwegs im Juli 1917 sieht Nebelin Ludendorff auf dem Höhepunkt seiner Macht, ja er spricht von einer »Diktatur« des Generals. Doch das ist eine Übertreibung. Denn so mächtig Ludendorff auch war – allein herrschen konnte er nicht. Trotz seines Bedeutungsverlusts im Kriege hatte der Kaiser bei der Besetzung der höheren Reichsämter immer noch ein wichtiges Wort mitzureden. Vor allem aber verkennt der Autor das wachsende Gewicht der neuen Reichstagsmehrheit aus Sozialdemokratie, katholischem Zentrum und liberaler Fortschrittspartei, auf deren Wünsche die Militärs Rücksicht nehmen mussten.

Allerdings war es nicht das Auswärtige Amt, sondern Ludendorff, der im Frühjahr 1918 die überaus harten Friedensbedingungen formulierte, die dem revolutionären Russland im Vertrag von Brest-Litowsk auferlegt wurden. Für Nebelin enthüllen sich in diesem Diktatfrieden die Umrisse eines gigantischen »Imperium Germaniae«, mit dem Ludendorff die deutsche Herrschaft über Osteuropa errichten und dauerhaft sichern wollte. In den abgetrennten Gebieten sollte Raum für deutsche Siedler geschaffen werden: »Hier gewinnen wir die Zuchtstätten für Menschen, die für weitere Kämpfe nach Osten nötig sind. Diese werden kommen, unausweichlich.« Von hier führt die Linie zu Hitlers Programm der Eroberung von »Lebensraum im Osten«, auch wenn der Autor zu Recht betont, dass die Besatzungsherrschaft im Ersten Weltkrieg noch nicht mit der Versklavungs- und Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg zu identifizieren ist.

Ende März 1918 setzte Ludendorff, einem Hasardeur gleich, im Westen noch einmal alles auf eine Karte – und verspielte alles. Das Scheitern der letzten großen Offensive besiegelte die deutsche Niederlage. Nebelin zeichnet den rasanten Autoritätsverfall Ludendorffs in den letzten Monaten des Krieges nach, und er zeigt, wie sich der geschlagene Feldherr, noch bevor er Ende September 1918 zum militärischen Offenbarungseid gezwungen war, auf die Suche nach Sündenböcken machte. Damals brütete er die »Dolchstoßlegende« aus, die besagte, dass das deutsche Heer durch die »Wühlarbeit« von Sozialisten und Juden in der Heimat um die Früchte des Sieges betrogen worden sei. Diese Geschichtslüge sollte sich als eine schwere Hypothek für die Republik von Weimar erweisen. Auf dieses Kapitel geht der Autor leider nicht mehr näher ein. Mit seiner gut lesbaren, im Urteil pointierten Darstellung hat er aber eine wichtige Vorarbeit für eine noch zu schreibende Gesamtbiografie Ludendorffs geleistet.