Das muss eine glückliche Zeit gewesen sein, als die Probleme der Welt in den Gegensatz zweier Positionen zerfielen und eine »dritte Position« alle Probleme löste. Als man im Vertrauen auf die eigene Repräsentativität nur laut genug »Ich« sagen musste, um die Bedeutung eines »Wir« zu erzeugen. Als man mit aufgekrempelten Gedanken den ganzen wissenschaftlichen Kram beiseite rücken konnte, all die Fußnoten, die Berge an Forschungsliteratur und das Klein-Klein akademischer Argumentation, weil dadurch der Bedarf nach frischer Gegenwart und Leben gestillt wurde, den auch die Wissenschaft ganz tief in sich verspürte. In seinem neuen Buch Stimmungen lesen beschwört der Romanist Hans-Ulrich Gumbrecht diese gute alte Zeit noch einmal herauf. Die zeitgenössische Literaturwissenschaft sieht er in »Lethargie und Unsicherheit« dahintreiben zwischen der Scylla dekonstruktiver Perlenspielereien und der Charybdis kulturwissenschaftlicher Allzuständigkeit. Die Rettung aus der »Stagnation« trägt ihm die Romantik zu: Gumbrecht empfiehlt das »stimmungsorientierte« Lesen.

Stimmungen berühren uns als leibseelische Wesen ganz und gar. Sie sind unabweislich da und entfalten eine machtvolle »Präsenz«, lassen sich aber nur schwer analytisch fassen und beschreiben. Sie entziehen sich einer Verallgemeinerung und verströmen doch eine Evidenz, von der wir nicht absehen können – nicht als Alltagsleser, nicht als Literaturkritiker und nicht als Philologen. Emil Staiger gilt zwar mittlerweile als literaturwissenschaftliche Persona ingrata, aber Gumbrecht könnte sich durchaus auf die Galionsfigur der sogenannten werkimmanenten Interpretation berufen. Denn die ebenso berühmte wie berüchtigte Forderung, Literaturwissenschaft möge »begreifen, was uns ergreift«, klingt bei Gumbrecht wieder an, wenn er zum Zentrum der Analyse dasjenige erklärt, »was uns beim Lesen berührt«. Letztlich bleibt der Stimmungsanalyse nur ihre Gefühlsgewissheit.

Es geht Gumbrecht jedoch nicht um die naive Zufriedenheit mit dem subjektiven Eindruck. Ein bisschen mehr Wissenschaft muss dann doch sein. Er betont die historiografische Qualität einer »stimmungsorientierten« Analyse. In den atmosphärischen Energien, die die Poesie ausstrahlt, verschmilzt die Stimmung der Leser mit jenen Zeitstimmungen, von denen die Werke unmittelbar Zeugnis ablegen. Dies, so betont Gumbrecht immer wieder, habe nichts mit der literaturtheoretisch inkriminierten Vorstellung zu tun, Literatur »repräsentiere« die Wirklichkeit. Und so entziffert er in den Liedern Walthers von der Vogelweide die Sehnsucht nach einem freudigen Leben in einer aus den Fugen geratenen Zeit, spürt den eigentümlichen Spannungsverhältnissen des Picaro-Romans nach oder legt Rechenschaft über die Faszination ab, die die Sonette Shakespeares ein Leben lang auf ihn ausüben. Die Erzählung vom Tod in Venedig vermittelt ihm das »Erlebnis« von Thomas Manns Venedig-Besuch im Jahr 1911, und Janis Joplins Me and Bobby McGee beschwört noch einmal jenen »kurzen ewigen Sommers« herauf, den die 1960er Jahre in Gumbrechts Erinnerung bedeuten.

Gumbrecht haut seine Themen mit zwei, drei gedanklichen Handkantenschlägen zurecht – die oftmals journalistisch knappen und in den Grundbotschaften bisweilen redundanten Texte sind aus einer Artikelserie für die Frankfurter Allgemeine Zeitung entstanden. Zugleich aber bietet er zarte, mitfühlende, fast liebevolle Lektüren an, die mit leichter Berührung die Werke umschmeicheln, für sie werben und eben in dieser Leichtfüßigkeit zugleich die Literaturwissenschaft provozieren. Bei aller polemischen Verve gegen die akademisch-sterile Deutungsroutine irritiert jedoch die »Stimmung« des Buchs selbst. An einer Stelle zählt Gumbrecht sich zu einer »Generation von etwas infantilen Alten«. Ein Hauch von Wehmut umgibt diese Lektüren, in denen es oft um vergebliche Hoffnungen, Traurigkeit und ungestillte Sehnsucht geht. Das alles stimmt nicht wirklich zuversichtlich für die Zukunft einer »stimmungsorientierten« Literaturwissenschaft.