Lyrik Der Kopfbauer
Les Murray, der wichtigste Lyriker der Welt, reist durch Deutschland.
Wussten Sie, dass der Herzschlag eines Pferdes sich verlangsamt, wenn es gestriegelt wird? Dass der Vollmond immer bei Abendrot aufgeht und dass Donald Duck früher in Finnland verboten war, weil er keine Hosen anhatte? Das alles erfährt man nicht bei Wer wird Millionär?, sondern im Münchner Lyrik Kabinett, als auf dem Podium der australische Lyriker Les Murray und seine Übersetzerin Margitt Lehbert sitzen. Beeindruckend ist allein schon, wie sich Murray, immer eine Stufe zur Zeit nehmend, auf das Podium schiebt. Der Stuhl, auf den er sich setzt, wirkt dann ganz filigran. Auf den Boden daneben legt er seine Baseballmütze. Überhaupt: Gibt es denn sonst noch Lyriker, die Baseballmützen tragen?
Am liebsten wäre es Les Murray wohl, wenn er gar nicht groß vorgestellt würde, wenn Maria Gazzetti, die Leiterin des Lyrik Kabinetts, gar nicht berichten würde, dass er vor 73 Jahren auf einer Farm im australischen Bunyah geboren wurde und in einfachsten Verhältnissen aufwuchs, wenn sie nicht die namhaften Preise erwähnen würde, die er für seine Lyrik bekam, und dass er immer wieder für den Nobelpreis im Gespräch ist. Am liebsten wäre ihm, sagt Gazzetti, hätte sie kurz die Namen angekündigt, von ihm und seiner Übersetzerin, um dann direkt loszulegen mit seinen Gedichten.
Als er dann anhebt vorzutragen, ist es so, wie man sich einen alten australischen Farmer vorstellt: Breitbeinig sitzend, hat er eine Hand auf der Hüfte abgestützt. Ein wenig kurzatmig, tief knurrig und leicht vernuschelt spricht er von Pferden und von Brandrodung, einem benommenen Eisvogel, dem »Hochgeschwindigkeitsvogel«, den er nach dessen Kollision mit einer Fensterscheibe vom Boden aufhob.
Aus vielen Gedichten Murrays lässt sich seine tiefe Verwurzelung im Landleben von New South Wales herauslesen. Er selbst hat nie als Farmer gearbeitet, nannte sich selbst aber einmal einen »Kopfbauern«. In seinen Versen formt er Alltagsbeobachtungen zu wortkräftigen Sinneinheiten, kreuzt Profanes mit Heiligem, bettet kaum Sagbares in klare, geerdete Verse. Les Murray ist ein Großübersetzer, dessen Gedichte wie in dem Band Übersetzungen aus der Natur sich bis in das Bewusstsein von Kühen und Fledermäusen hineinbegeben.
Die Königsaufgabe, den Übersetzer zu übersetzen, übernimmt seit zwanzig Jahren Margitt Lehbert. Auf dem Münchner Podium schickt sie den Originalen aus Murrays neuem Gedichtband Größer im Liegen ihre Übertragungen ins Deutsche voraus. Der »Hochgeschwindigkeitsvogel« verwandelt sich durch Murrays Vortrag dann zurück in den »high speed bird« , die »Stute auf der Landstraße« wird zur »mare out on the road« – als würden die Gedichte aus der Verkleidung heraus wieder in ihre Alltagsklamotten schlüpfen.
Das Publikum lauscht in fast schüchterner Versenkung, manchmal lacht es leise bei Murrays sporadischen Einwürfen zwischen den Gedichten. »Mein Kopf ist voller trivia «, voller unnützer Dinge, erklärt er. Und wäre er nicht so ganz und gar uneitel, könnte man das für Koketterie halten, denn natürlich geht es Murray nicht einfach nur um unnütze Dinge, wenn er in dem Gedicht Die Unterhaltungen Fakten wie die über das Pferdestriegeln und den Mondaufgang zusammenträgt.
»Eine Tatsache ist ein kleiner, kompakter Glaube«, heißt es in dem Gedicht weiter. Denn Fakten seien ja auch nur Versuche, die Welt zu erklären, irgendwann stimmten sie dann doch nicht mehr. Erklärt Les Murray am nächsten Tag am abgeräumten Frühstückstisch. Auf Tatsachen und Theorien setzt er schon lange nicht mehr. Wenn es um Wahrheit geht, vertraut er lieber den Worten selbst, am besten in Gedichtform. »Wenn etwas nicht in ein Gedicht passt, ist es nicht wahr«, sagt er. »Alles, was ich glaube, ist in Gedichten.« Das »Glauben« ist wörtlich gemeint. Les Murray konvertierte vor Jahrzehnten zum Katholizismus, »Zur Ehre Gottes« steht als Widmung in seinen Gedichtbänden – nur im aktuellen nicht. »Und warum wohl?«, fragt Murray wie beim Ratespiel. Richtige Antwort: Es wurde einfach vergessen. Mache aber nix, sagt Murray und kichert. »Gott wird das nicht stören, er hat das ja schon so oft zu lesen bekommen – und weiß es sowieso.«
- Datum 14.06.2011 - 13:23 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 9.6.2011 Nr. 24
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