Vor dem Eingang glänzen die Skulpturen von Bulle und Bär in der Frühjahrssonne. Die Frankfurter Börse steht wie ein Tempel des Kapitals zum Zwecke der Huldigung des Shareholder-Value. Heute Morgen allerdings herrscht hier ein anderer Geist. Vor gut hundert Menschen verkündet jemand an einem Rednerpult eine neue Botschaft, die noch der Erklärung bedarf: »Gute Unternehmen werden in Zukunft nicht mehr mit AAA bewertet, sondern mit RRR.« Die drei Konsonanten stehen für Begriffe aus dem Personalmanagement: Recruiting, Retention, Retirement. Übersetzt heißt das: Mitarbeiter gewinnen; sie behalten; sie in den Ruhestand gehen lassen, und zwar nicht zu früh .

Wenn wahr wird, wovon der Redner sein Publikum überzeugen will, brechen für viele Arbeitnehmer hierzulande gute Zeiten an. Der Kern der Botschaft ist: Arbeitskräfte werden rar. Statt wie im vergangenen Jahrzehnt Leute zu entlassen, werden die Personalchefs ihre Mitarbeiter künftig ziemlich verwöhnen müssen. Sie werden sich besonders um Beschäftigtengruppen zu bemühen haben, die sie in der Vergangenheit eher gering schätzten – Frauen, Ältere und Migranten.

Der aktuelle Wirtschaftsaufschwung, der die Arbeitslosenquote sinken lässt, ist nur ein akuter Grund für eine neue Wertschätzung des Arbeitnehmers . Gewichtiger ist die demografische Entwicklung. Die Babyboomer, die starken Geburtsjahrgänge zwischen 1955 und 1967, gehen in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren in Rente, und es wachsen zu wenige junge Arbeitnehmer nach. Bis 2030 werden der deutschen Wirtschaft deshalb laut Mannheim Research Institute for the Economics of Aging über sechs Millionen Menschen im Erwerbsalter fehlen.

Weil sie die Frage umtreibt, wie die deutsche Wirtschaft damit klarkommen kann, sind ein paar Hundert Fachleute an diesem Morgen in der Frankfurter Börse zusammengekommen. Die Industrie- und Handelskammer hat eingeladen, sie will ein regionales Netzwerk aus der Taufe heben, das den Unternehmen im Rhein-Main-Gebiet bei der Bewältigung kommender Beschäftigungsprobleme hilft. Vertreten sind Großindustrie und Kleingewerbler, Kommunalpolitiker und Arbeitsagentur, Arbeitswissenschaftler, Unternehmensberater, Finanzdienstleister, Ministerialbürokraten, Stiftungen. Opel zum Beispiel ist die Thematik wichtig genug, den Personalvorstand Holger Kimmes zu entsenden. Der berichtet, wie der Autobauer neuerdings aus Alt und Jung gemischte Produktionsteams bildet, damit die Generationen voneinander lernen können. Aus Hamburg ist eine Finanzberaterin angereist, die das Interesse von Frauen am eigenen Vermögen und damit am beruflichen Engagement wecken will.

Es ist eine überschaubare Gemeinde von Agenten des Wandels, die das Demografieproblem in Deutschland nicht nur sehen, sondern die auch zu handeln begonnen haben. Im Zentrum der Bewegung steht das Demographie Netzwerk (ddn) . Geschäftsführer des gemeinnützigen Vereins mit Sitz in Dortmund ist Rainer Thiehoff. Der promovierte Volkswirt war früher für die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin tätig, seit 2006 leitet er das ddn. Das Netzwerk vereint auf Initiative des Bundesarbeitsministeriums bislang 258 Unternehmen, darunter die Allianz, die Metro AG, ZF Friedrichshafen, BMW, E.on, Generali, SAP und die Deutsche Bahn. Sie alle haben sich Grundsätzen guter Personalwirtschaft verschrieben wie einer nicht diskriminierenden, altersneutralen Einstellungspolitik , Gesundheitsförderung, Wissenstransfer zwischen den Generationen, Lern- und Weiterentwicklungschancen im Unternehmen sowie für unterschiedliche Generationen passenden Arbeitszeit- und Vergütungsmodellen.

Mit dem nahenden Demografieproblem erlebt Thiehoff, wie sein bis dahin eher randständiges Thema »gute Arbeit« auf einmal wichtig wird. Es freut ihn, dass die Personalchefs schon im eben überwundenen Konjunkturtief weniger Leute entlassen haben, als düstere Prognosen hatten befürchten lassen.

Die kommende Knappheit an Arbeitskräften ist für den Volkswirt einer von zwei »Megatrends«, derentwegen die Unternehmen radikal werden umdenken müssen. Thiehoff: »Die Demografie zwingt uns zum einen, alle Potenziale zu nutzen. Die Hälfte der fehlenden sechs Millionen Arbeitskräfte werden wir kompensieren können, indem wir für gesündere Arbeitsplätze sorgen, also weniger Ausfälle an Arbeitskraft haben. Den Rest muss die zusätzliche Beschäftigung von Frauen, Älteren, Langzeitarbeitslosen, Behinderten und Migranten bringen.«