Erinnern Sie sich noch an Ihren 16. Geburtstag? Ich habe damals alle Mädchen aus meiner Klasse eingeladen. Und alle Jungs, die nicht total bescheuert waren. Wir waren vielleicht 20 Leute und sangen Karaoke im Keller. Thomas hatte eine Flasche Sekt dabei und musste sie allein austrinken, weil sich sonst niemand traute. Es ist noch gar nicht so lange her, und es war doch eine andere Zeit. Es war das Jahr 1998, Céline Dion stand oben in den Charts, und keiner von uns hatte je von SMS, Komasaufen oder Apple gehört. Meine Freunde hatte ich per Zettel eingeladen: "Kommst du? Ja, nein, vielleicht".

Heute organisieren 16-Jährige ihre Geburtstagspartys mithilfe von Facebook, als sogenannte Veranstaltungen. Ihre Facebook-Freunde können dann per Mausklick Bescheid geben, ob sie kommen: "Zu-/Absagen: Ja, nein, vielleicht."

Die Hamburgerin Thessa hat genau das vor Kurzem getan, die Folgen machten Schlagzeilen: 1.600 Gäste kamen am vergangenen Wochenende nach Hamburg-Bramfeld zum Feiern , obwohl Thessa alles abgesagt hatte und zu ihrer Oma geflüchtet war.

 Natürlich gab es schon immer wilde Partys mit ungeladenen Gästen. Aber Thessas "Feier" und die verständnislosen Reaktionen darauf verweisen auf etwas Neues, immer noch Ungewohntes: auf die Durchlässigkeit der Grenzen zwischen realer und digitaler Welt. Eine anonyme Gruppe, verbunden nur durch Links, Mausklick-Zusagen und Pinnwandpostings trat auf in Gestalt der 1.600 Partygäste, die sich ganz real besoffen und geprügelt haben. Real waren auch die elf "Gäste", die die Polizei im Laufe des Abends festnahm.

Man konnte in Hamburg-Bramfeld nicht nur erleben, dass hinter Online-Profilen echte, lebendige Menschen stecken. Sondern vor allem, dass virtuelle Veranstaltungen auch zu echten Handlungen führen können. Dass sie die Realität verändern können – vor Thessas Haustür ebenso wie auf dem Tahrir-Platz in Kairo . Die Ziele hier wie dort waren höchst unterschiedlich, aber in beiden Fällen zeigt sich, wie groß die Mobilisierungskraft des Internets sein kann.

Bei Thessa war die Mobilisierung allerdings Zufall. Facebook-Einladungen sind um einiges komplizierter als Papierzettelchen. Man vergisst leicht, ein bestimmtes Häkchen wegzunehmen: "Jeder kann die Veranstaltung sehen und für sie zu-/absagen." So lud Thessa aus Versehen Millionen Facebook-Nutzer ein. Ihr Geburtstag geriet zu einem Event: Jeder dachte, er könne dort hingehen wie zu einem Rockkonzert. Auch das ist eine neue Qualität: Die Grenzen zwischen Thessas Freundeskreis und der öffentlichen Sphäre hatten sich aufgelöst – nur wegen eines Häkchens.