Sie wundern sich, unsere Freunde zwischen Washington und Warschau. Das Land, das all seine Kernkraftwerke schließt, müsste doch Japan sein. Niemand würde einem Volk seine Nuklearallergie verdenken, das als einziges auf Erden zwei Städte im Atomblitz verloren hat. Doch die Japaner bleiben gelassen, ein Rätsel. Das Paradox verdichtet sich, wenn man bedenkt, dass in Deutschland noch niemand an einem KKW zugrunde gegangen ist; es ist noch gar nicht so lange her, dass wir die unsrigen für die "sichersten der Welt" hielten. Und die Laufzeiten verlängerten.

Wie wollen wir unseren Freunden – und uns selber – den "nationalen Konsens" erklären, den Umweltminister Röttgen (CDU) nun zelebriert? German angst ? Klingt gut, aber dann muss man fragen, woher sie rührt. Während der Nachrüstung, als hier die Pershings ein probates Ziel für sowjetische Erstschläge hergaben, war die Furcht halbwegs rational. Halbwegs, weil die 108 Raketen nur einen Bruchteil der schon vorhandenen Atomwaffen in Westdeutschland ausmachten.

Aber woher die Angst, wenn 9.000 Kilometer weit weg ein Erdbeben eine Flutwelle auslöst, die Fukushima überschwemmt? Wenn die Deutschen abschalten und in Europa (minus Russland) 146 KKWs übrig bleiben, also das Risiko kaum schrumpft? Da nicht die Erfahrung die Angst erklärt, bleiben nur zwei andere Deutungen. Die eine wäre, dass Atomangst wie eine Religion ist: Der Glauben hat mit Fakten nichts zu tun – oder er lässt nur die Fakten zu, die den Glauben tragen. Dieser lässt sich weder beweisen noch widerlegen. Er ist "unfalsifizierbar".

Die zweite Deutung ist ganz empirisch: Die glücklichen Deutschen haben keine anderen Sorgen, jedenfalls nicht im Vergleich zu den Mit-Europäern. Griechenland, Portugal und Irland sind pleite; Spanien und Italien wackeln. Die Italiener haben Berlusconi, wir die brave Merkel. Seitdem Strauss-Kahn in New York vor Gericht steht , können Frankreichs Sozialisten den Machtwechsel vergessen. Noch mal fünf Jahre für die Rampensau Sarkozy. Das Aufregendste, was den Deutschen passieren könnte, ist ein Kanzler namens Steinbrück oder Steinmeier. Oder Merkel.

Spanien kämpft mit 20 Prozent Arbeitslosigkeit, in Deutschland sinkt sie, derweil seine Wirtschaft boomt. Das britische Defizit wetteifert im Hochsprung mit dem griechischen. Nokia, der nationale Stolz der Finnen, wird gerade von Google und Co. dezimiert. Von Frankreich bis Skandinavien siegen die rechtspopulistischen Parteien; hier ist die NPD zur Mini-Sekte verkommen. Weiter weg, in den USA, steigt die Arbeitslosigkeit (9,1 Prozent), während die Häuserpreise wieder purzeln – ein böses Omen für die Konjunktur. Und Russland stirbt aus, buchstäblich.

Wer wenig Sorgen hat, hat umso mehr Angst – das ist ein Naturgesetz. Oder so: Die Summe aller Ängste ist konstant. Da Deutschland ein gesegnetes Land ist, bleiben kaum noch Gründe für die Panik übrig, und umso größer wird das Grausen vor dem Atomaren – plus, je nach Saison, Ehec, Vogelgrippe, Feinstaub… Das, liebe Freunde da draußen, ist die Erklärung: German angst comes from German glueck.