Der Volksaufstand in Nordafrika kam für den gesamten Kontinent überraschend. Gebannt verfolgten wir den Verlauf der Ereignisse im Fernsehen, und weil wir zunächst nicht wussten, wie wir als Afrikaner darauf reagieren sollen, blieb uns keine andere Wahl, als abzuwarten. Die schwierige Entscheidung war: Sollen wir die Demonstanten unterstützen oder die Regierungen, deren Rücktritt sie forderten?

Diese Entscheidung wurde nicht einfacher durch die politischen Interventionen mehrerer westlicher Staaten, die unverlangt Einschätzungen lieferten und durch ihre einseitige Einmischung den Ausgang der Aufstände beeinflussten. Wir Afrikaner fragten vor dem Hintergrund unserer Geschichte, ob unsere Interessen mit denen des Westens deckungsgleich sind. Wir fragten uns auch, ob es dem Westen je ein wirkliches Anliegen war, jenseits des Eigennutzes eine echte demokratische Entwicklung in Afrika voranzubringen.

Es war in unseren Augen verdächtig, dass sich der Westen zum Verbündeten von Volksaufständen machte, die für wirkliche demokratische Revolutionen standen. Gerade diese Überlegungen haben uns in der Ansicht bestärkt, dass wir zunächst bedachtsam reagieren sollten statt schnell zu intervenieren. Diese Haltung hat sich mit Blick auf Tunesien und Ägypten als richtig erwiesen. Am Ende mussten wir nur akzeptieren, was die Völker in diesen Ländern entschieden hatten.

Was aber in Libyen geschah und noch geschieht, zeigt all die Verwerfungen in dem Bemühen Afrikas, sein Schickal selbst zu bestimmen. Dort nahm der Volksaufstand im Gegensatz zu Tunesien und Ägypten von Anfang an die Form einer bewaffneten Erhebung an, und Gadhafis Regime gebrauchte unter dem Vorwand, sie sei von al-Qaida ausgelöst und angeführt worden, rohe Gewalt.

Am 23. Februar, acht Tage nach Beginn des Aufstands, sprach der Friedens- und Sicherheitsrat der Afrikanischen Union (AU) für ganz Afrika, als er »die wahllose und exzessive Gewaltanwendung und den Einsatz tödlicher Waffen gegen friedliche Demonstranten« als Verletzung der Menschenrechte und der internationalen humanitären Grundsätze verurteilte. Das Streben des libyschen Volkes nach Demokratie, politischen Reformen, Gerechtigkeit und wirtschaftlicher Entwicklung sei legitim und müsse respektiert werden. In der gleichen Sitzung beschloss der AU-Sicherheitsrat, eine hochrangige Delegation nach Libyen zu senden, um die Lage zu eruieren.

Unglücklicherweise scheiterte selbst diese begrenzte Intervention der AU. Das lag an der schwachen Kommunikation zwischen den afrikanischen Staaten, viele wussten noch Tage nach der Libyen-Erklärung des AU-Sicherheitsrates nicht, was dieser beschlossen hatte. Tatsache ist aber auch, dass sie von den internationalen Medien ebenso ignoriert wurde. Stattdessen lieferten sie der Weltöffenlichkeit dramatische Bilder aus Libyen und die Aussagen von Oberst Muammar al-Gadhafi und seinem Sohn Saif al-Islam. Mit anderen Worten: Die Botschaft der Afrikanischen Union geriet vollkommen in Vergessenheit und hatte nicht den geringsten Einfluss auf die Überlegungen in Afrika und aller Welt, was zur Lösung des Konflikts in Libyen getan werden könnte.

Am 10. März beschloss der AU-Sicherheitsrat, ein Ad-hoc-Komitee von fünf afrikanischen Staatschefs nach Libyen zu entsenden. Ihr Auftrag war, einen Dialog zwischen allen Konfliktparteien herbeizuführen, um zu einer friedlichen Einigung zu kommen. Zugleich verwarf der AU-Sicherheitsrat »ausländische Militärinterventionen in jeglicher Form«. Doch eine Woche später ermöglichte die Resolution 1973 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen genau jenes militärische Eingreifen, das die Afrikaner abgelehnt hatten.