ZEITmagazin: Herr Triegel, Sie sind im vergangenen Jahr auf einen Schlag bekannt geworden, weil Sie im Auftrag der katholischen Kirche ein Porträt des Papstes gemalt haben. Sind Sie gläubig?

Michael Triegel: Ich bin noch immer ungetauft. Manchmal überlege ich zwar, ob ich wohl noch mal eine Erleuchtung habe, aber ich glaube, das ist eher unwahrscheinlich. Meine Beziehung zur Religion ging über die Kunst: Caravaggio, Raffael. Ich fühle mich vom Katholizismus ästhetisch angesprochen. Der Protestantismus mag die bessere Musik haben, der Katholizismus hat die besseren Maler hervorgebracht.

ZEITmagazin: Sie haben, vermute ich, auf dem Markt der religiösen Malerei wenig Konkurrenz

Triegel: Ja, das stimmt. Im Sinne des Kapitalismus könnte man sagen: ein Alleinstellungsmerkmal, hervorragend, welch eine Chance! Aber so habe ich ja nicht zu meiner Kunst gefunden. Ich bin in der DDR aufgewachsen und hatte mich noch vor dem Mauerfall an der Leipziger Kunsthochschule beworben, musste dann aber erst zur Armee. Als das Studium begann, war die Mauer gefallen, und an der Hochschule herrschte große Verunsicherung. Es hieß nun: Du kannst doch nicht figürlich arbeiten, wir müssen jetzt auch modern sein! Mit Moderne meinten sie das, was der Westen 40 Jahre vorher gemacht hatte. Malen wie Jackson Pollock im New York der fünfziger Jahre...

ZEITmagazin: Aber dann kam ja schon bald die weltweite Begeisterung für die gegenständliche Malerei und für die Leipziger Schule.

Triegel: Ja, manchmal hat man Glück. Aber es kommt noch etwas hinzu: Es mag auf den ersten Blick schräg erscheinen zu malen wie die alten Meister. Aber ich habe manchmal das Gefühl, dass das, was unser altes Abendland ausmacht, uns so fremd geworden ist, dass wir es schon wieder wie etwas Frisches, Neues und eben Schräges wahrnehmen. Diese Erfahrung mache ich gerade hier im Osten, wo man kaum mehr durch die christlich-humanistische Bildung geprägt ist. Die Leute finden meine Sachen total abgedreht.

ZEITmagazin: Was hat Sie geprägt?

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Triegel: So eine Art innere Widerstandsbewegung gegen das, was mich in der DDR pausenlos umgeben hat. Im sogenannten Philosophieunterricht wurde uns erklärt, wie grauenhaft Schopenhauer und Nietzsche seien. Was macht man da als Jugendlicher? Man lässt sich aus dem Westen Nietzsche schicken. Und wenn die Bibel die ganze Zeit zu etwas ganz Dummem erklärt wird, liest man natürlich die Bibel. Ich war nicht in der Jungen Gemeinde oder so. Es war eher das Prinzip: das Gegenteil machen von dem, was erwartet wurde. Sich gegen die Dummheit und das Graue des Alltags abgrenzen.

ZEITmagazin: Hatten Sie damals Fluchtgedanken?

Michael Triegel: Dass ich es dauerhaft in der DDR nicht aushalten würde, das war mir klar. Diese kleinbürgerliche Enge und Verlogenheit, dieser Opportunismus waren unerträglich. Diejenigen, die behaupteten, für eine bessere Welt zu kämpfen, waren die größten Spießer. Aber dann passierte etwas Merkwürdiges. Ich war 1989 nach eineinhalb furchtbaren Jahren aus der Armee entlassen worden und bin mit einem Freund nach Ungarn. Alle sagten zu mir: Wir wissen, wo die Grenze offen ist nach Österreich, geh doch rüber! Aber ich hatte mich entschieden, erst mal mein Studium in Leipzig anzutreten. Und als ich mich nach der Wende in Rom an der Kunsthochschule umguckte, stellte ich fest, wie provinziell dort alles war. Da begriff ich, dass ich in Leipzig bleiben muss, um das Handwerk richtig zu lernen.

ZEITmagazin: War die Romreise eine Enttäuschung?

Triegel: Nein, im Gegenteil. Ich hatte 1.000 Mark von Tanten und Onkeln aus dem Westen gekriegt und bin im Mai vor der Währungsunion nach Italien gefahren und hatte da wirklich so im Goetheschen Sinne meine zweite Geburt. Vor dem Hochaltar von Il Gesù zu stehen und zu sehen, welche Wirkung davon ausgeht! Er zwang mich fast zum Kniefall. Da habe ich erst die kultische Funktion der Kunst begriffen. Hätte ich dieses Erlebnis nicht gehabt und nur in der DDR studiert, es wäre vielleicht eine tote Kunst geworden, eine Kunst um der Kunst willen. Rom war für mich eine Art Rettung.

ZEITmagazin: Diese kultische Funktion der Kunst gibt es aber heute nicht mehr.

Triegel: Das stimmt. Man könnte zynisch sein und sagen, im Spätkapitalismus ist halt das Geld der Kultus, und deswegen ist es nur logisch, wenn die Kunst dem dient und sich nur über Preise definiert. Aber ich finde, so ein utopisches Prinzip kann doch nicht schaden. Ein Erlösungsmythos durch einen gütigen Vater scheint mir besser zu sein, als erlöst zu werden durch die Steigerung der Produktivität.