Allen Prophezeiungen vom Niedergang Amerikas stehe ich skeptisch gegenüber. Sie sind derzeit in Russland und der Welt in Mode, denn keiner mag die Starken und Reichen. Da regiert die deutsche Redensart, nach der Schadenfreude die reinste Freude ist.

Eine schwere Dollarkrise wäre aber für die ganze Welt, für Russland und besonders für China, schlecht. China hat durch seine Exporte mehrere Billionen Dollar angehäuft und will nicht, dass dieser Reichtum zu Staub zerfällt. Auch Russland lebt vom Dollar. Wenn es diese Währung nicht mehr gäbe, würden die Tauschhandelsbeziehungen wieder aufleben und das Handelsvolumen insgesamt verringern. Verkaufen wir dann ein Fass Öl gegen zwei Werkbänke? Unsere Energieexporte würden schrumpfen, weltweit zöge der Protektionismus ein, und Nachbarstaaten verfielen in Streitereien.

Eine Welt ohne Dollar wäre wie eine Welt, in der von einem Tag auf den anderen Englisch abgeschafft und stattdessen Esperanto verordnet würde. Wie sollen die Menschen dann miteinander sprechen?

Langfristig verlagert sich natürlich die wirtschaftliche Macht nach Osten. Die Konflikte um die Frage, wer die globale Welt lenkt, werden wachsen. Bis jetzt sitzen die Amerikaner und Europäer an der Spitze der internationalen Organisationen. Sie werden Posten abtreten und ihren Einfluss verringern müssen.

Aber ich glaube nicht an den Niedergang der US-Wirtschaft. Präsident Barack Obama und die US-Zentralbank stehen bisher für eine richtige Politik. Amerika ist bei der Produktion von Hochtechnologie stark, weil es weiterhin erfolgreich Spezialisten aus anderen Ländern anlockt. Die schöpferische Freiheit und das Verständnis für eine schnelle Kommerzialisierung wissenschaftlicher Errungenschaften bleiben sehr groß. Da haben die USA keinen gleichwertigen Konkurrenten.

Die hohe Schuldenlast ist natürlich ein Risiko. Wenn die Verschuldung das Bruttosozialprodukt übersteigt, wird es gefährlich. Aber das ist in den USA noch nicht der Fall. Unterhalb dieser Schwelle kennt keiner die ideale Schuldengröße eines Landes. Die Amerikaner können mit ihren Schulden leben – warum soll dann die Verschuldung das ausschlaggebende Kriterium beim Urteil über Amerikas Zukunft sein?

Für Russland gäbe es bei einem Niedergang der Wirtschaft Amerikas nicht viel zu gewinnen. Wir stehen kaum im Wettbewerb zueinander. Sicher, wenn es den USA ganz schlecht ginge, hätten wir es auf dem Flüssiggasmarkt leichter, auf dem die Amerikaner technologisch sehr stark sind.

 Der Finanzkapitalismus hat Russland sehr geschadet

Auch auf dem Waffenmarkt wäre es für uns von Vorteil. Aber kann es überhaupt eine ernsthafte Waffenindustrie geben, wenn, wie in Russland, der eigene Maschinenbau verfällt? Russland ist eher Objekt der Weltwirtschaft als aktiver Teilnehmer, da unser Wohlergehen vor allem vom Rohstoffexport abhängt. Wir bleiben vorerst eine Geisel des amerikanischen Dollar und der chinesischen kommunistischen Partei.

Deshalb ist für Russland eine eigene Industriepolitik existenziell. Eine breite serielle Produktion müssen wir erst wieder aufbauen, denn unsere Wirtschaftsstruktur ist primitiv geworden. Noch vor einem halben Jahrhundert hatten wir eine starke Produktion in vielen Zweigen der Wirtschaft. Passagierflugzeuge sind ein gutes Beispiel: Früher haben wir 120 im Jahr gebaut, heute sind es vier. Unsere Modelle waren zwar etwas unkomfortabel und die Turbinen zu laut. Aber das sind alles lösbare Probleme.

Der Finanzkapitalismus hat Russland sehr geschadet. Manager denken heute nicht an eine langfristige Produktion, sondern ans schnelle Geld. Zudem haben wir in der Reformzeit unseren Markt zu früh geöffnet und damit den eigenen Produzenten geschadet. Dann wurden noch die staatlichen Subventionen abgeschafft – auf Rat von außen. Der Westen vertrat damals sinngemäß die Position: Macht, was wir sagen, aber macht nicht, was wir tun. Denn weder die Amerikaner noch die Chinesen oder die Deutschen sind an einem neuen Konkurrenten Russland interessiert. »Gebt uns Öl, Gas, Metalle und Dünger«, sagen sie, »und wir liefern dafür alles, von der Wurst bis zum Computer.«

Für den Rubel könnte die allmähliche Schwächung des Dollar positive Folgen haben. Vermutlich werden sich weltweit regionale Reservewährungen entwickeln. Wenn die russische Führung die Inflation erfolgreich und auf längere Zeit auf zwei bis drei Prozent zu drücken vermag, kann der Rubel zur Reservewährung im postsowjetischen Raum werden. Aber das dauert noch lange, zumal unsere Antiinflationspolitik einfach den Westen kopiert. Sie missachtet, dass wir in Russland das Problem einer starken Kosteninflation, einer mächtigen manipulativen Preisbildung und einer ungenügenden Kontrolle der natürlichen Monopole haben.

Während im Westen jeder Anstieg der Nachfrage die Produktion wachsen lässt, führt er bei uns zu einem Anstieg der Preise. Wir stimulieren die Nachfrage über die Geldmenge, brauchen aber eigentlich mehr Produzenten. Dann wäre es auch schwieriger, Preise abzusprechen. In Russland bietet eine fünf mal sieben Meter kleine Sauna den Unternehmern derzeit genügend Platz für informelle Absprachen. In Europa müsste die passende Sauna für die vielen Unternehmer einen Quadratkilometer groß sein.

Eine erfolgreiche Reformpolitik für Russland kann keine Turbulenzen der Weltwirtschaft gebrauchen. Wir sollten in absehbarer Zeit also lieber beim Dollar bleiben. Die Amerikaner machen zwar manchen Unfug, aber man kann sie immerhin verstehen und ihre Handlungen vorhersehen. Im Gegensatz dazu wissen wir nicht, wie eine Pax China aussähe. Im Moment verfolgt China eine vernünftige und anständige Politik. Aber bleibt das so?

Aus dem Russischen von Johannes Voswinkel