Schulzeitverkürzung G8Entspannt euch mal!

Warum wundert sich niemand, dass kein einziger Sachse übers "Turbo-Abi" schimpft? Eine Zwölf-Jahres-Recherche. von 

Angela Merkel hieß 1961 noch Angela Kasner und wurde eingeschult in eine Polytechnische Oberschule der brandenburgischen Kleinstadt Templin. 1973, zwölf Jahre danach, bestand sie ihr Abitur. Man sollte jetzt einen Satz in jedes westdeutsche Muttiheft schreiben, dick und rot wie einen Tadel: Die Bundeskanzlerin unseres Landes hatte schon vor vier Jahrzehnten hinter sich, was so viele Eltern plötzlich "Turbo-Abi" nennen wollen, als sei es das schlimme Symptom einer beschleunigten Zeit. Wir Ostdeutschen verstehen das Wort Turbo-Abi nicht, es gehört nicht zu uns, denn ein Abitur in zwölf Jahren – das ist für uns nicht neu. Thüringen und Sachsen haben es seit sechs Jahrzehnten. Nun wird es auch im Westen flächendeckend eingeführt, und jene Ostländer, denen es nach der Wende ausgeredet wurde, kehren zum G8 zurück.

Ich weiß noch, wie ich selbst auf dem Schulhof stand in meiner Kleinstadt an der Autobahn; ich weiß noch, wie wir lachten: Die Wessis brauchen 13 Jahre: Denn ein Jahr dauert ihr Schauspielunterricht! Natürlich war das Kinderunsinn, aber ich weiß noch, wie wir uns amüsierten und wie wir auch ein bisschen stolz waren darauf, in zwölf Jahren zu begreifen, wofür andere 13 brauchten.

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Dies soll ein Plädoyer sein, ein Plädoyer gegen das Lamento westdeutscher Eltern und Lehrer. Eine Geschichte vom glücklichen Leben sächsischer Schüler. Denn es sind heute, zwei Jahrzehnte nach der Wende, die Westdeutschen zu Jammerern geworden und die Ostdeutschen zu Realisten.

Ich bin in den neunziger Jahren auf ein sächsisches Landgymnasium gekommen, ich habe dort nach acht Jahren das Abitur abgelegt, auf meinem Abschlusszeugnis steht "bestanden". Ich habe als Kind wenige Abende am Schreibtisch und viele auf dem Fußballplatz verbracht, mit 16 Jahren machte ich den Mopedführerschein und kaufte eine Schwalbe, ich flog damit durch die Nachmittage und war frei. Jetzt wollen mir Eltern aus Düsseldorf oder München erklären, meine Schulzeit sei ein Kampf gewesen? Der achtjährige Krieg?

Dazu einige Fakten: Meine Schultage begannen um 7.50 Uhr und endeten selbst in der Oberstufe in aller Regel spätestens gegen 14.20 Uhr. Dauerte es tatsächlich länger, hatten wir noch Sport. Stets begann der Tag mit den anstrengenden Fächern und endete mit den entspannenden. Unsere Stundenpläne waren gut komponiert. Bildungsforscher sagen, das sei das Wichtigste.

Für Ostdeutsche wäre G9 ein gestohlenes Jahr Leben

Nur selten kam ich nach 15 Uhr heim. Wenn ich keine Lust auf Hausaufgaben hatte, schrieb ich morgens im Schulbus die Lösungen ab. Ich war kein begnadeter Schüler, es gab wohl viele, die besser lernten und schneller begriffen als ich. Was ich erlebt habe, ist also der Durchschnitt.

Warum spricht man vom Turbo-Abitur? "G8 ist zum Synonym für Schulstress geworden", steht in Artikeln, "Eltern protestieren gegen Turbo-Abi", höre ich im Radio, "Kinderärzte schlagen Alarm", schreiben Aktivisten auf Anti-G-8-Webseiten. G8, das war eigentlich mal das Wort für einen Gipfel mächtiger Menschen. Es ist das Wort für den Gipfel der Empörung geworden. Für Schüler soll G8 ein gestohlenes Jahr Kindheit sein? Für Ostdeutsche wäre G9 ein gestohlenes Jahr Leben.

Sind Sachsen und Thüringer deshalb unglücklicher? Erschöpfter? Ausgebrannter? Unkreativer? Nein, das ist Unsinn.

Vor ein paar Tagen schrieb ich meiner früheren Lieblingslehrerin eine SMS, ich wollte wissen, ob ich im Rückblick vielleicht alles verkläre. Ich fragte sie: Waren wir als Schüler nicht lässig und entspannt? Sie antwortete: "Entspannter konnte man nicht sein." Liebe Westeltern: Verstehen Sie, was ich meine?

Ich habe mir die Stundentafeln aus den Kultusministerien besorgt. Ein Fünftklässler in Sachsen hat 31 Wochenstunden à 45 Minuten, das sind viermal wöchentlich sechs Schulstunden und ein einziges Mal sieben. Selbst in hessischen oder holsteinischen G-9-Gymnasien hatten Fünftklässler 28 Stunden pro Woche, also dreimal sechs Stunden und zweimal fünf. Macht eine Differenz von drei Unterrichtsstunden wöchentlich. Wo ist das Problem? Dennoch wird behauptet, Schüler im G-8-System hätten nachmittags keine Zeit, sie könnten keine verrückten Experimente machen und nicht durch den Wald laufen auf der Suche nach Würmern oder Pilzen, sie hätten keine Pubertät mehr und nicht mal Zeit, das erste Mal zu knutschen.

Leserkommentare
  1. Liebe Redaktion,
    dieser Artikel ist ein guter Kontrast zu anderen bei Zeit Online unter der Rubrik Gesellschaft/Schule zu diesem Thema mit den folgenden Überschriften:
    "Brief an eine Gymnasiastin" und "Die Schulzeitverkürzung war ein Fehler". Warum ist er auf dieser Seite nicht zu finden, sondern bislang nur auf der Sachsen-Seite? Um das Thema von allen Seiten zu beleuchten darf ein Eingehen auf die erfolgreiche sächsische Praxis nicht fehlen, sozusagen als Antwort!

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    Redaktion

    Ja, natürlich kommt der Artikel auch noch auf die Homepage von ZEIT ONLINE, am Freitag ist er eingeplant!

    Der Autor des Briefes an seine Tochter kritisierte die mangelhafte Umsetzung der Schulzeitverkürzung. Und man muss sagen, dass wir das im Westen so richtig vergurkt haben. Warum schaut man in den Kultusministerien dann nicht nach Sachsen/Thüringen/Brandenburg und fragt bei den Kollegen nach, wie die das denn machen in acht Jahren. Sitzen wir nicht in einem Boot, oder waren sich die Damen und Herren zu fein, um bei anderen zu fragen, wie es geht? Ich war und bin gegen die Einführung von G8, so wie es bisher gelaufen ist. Wenn man sich vernünftig Zeit gelassen hätte, das sauber und nicht mit der Brechstange einzuführen, super. Aber so? Und noch ein weiterer Aspekt: ich bin an meiner Universität Tutor und habe regelmäßig mit Studenten in den jüngeren Semestern zu tun. Mir kommen die 18-jährigen Studierenden, die frisch von der Schule kommen, noch arg jung vor. Ich habe da bei manchen (nicht bei allen!!) das Gefühl, dass die noch ein, zwei Jahre nicht-Uni brauchen könnten, damit das Studium wirklich sinnvoll ist und nicht die Verlängerung der Oberstufe. Und mit 21/22 sind die dann schon fertig.. Naja, anderes Thema. Der wichtigste Satz im Artikel, egal ob G8 oder G9 ist folgender: "Es gehe darum, zu lernen, wie man ein Leben lang lernt." Vielleicht ist es sogar schnurzpiepegal, ob wir G8 oder G9 oder beides haben, solange wir das Lernen lernen vermitteln...

  2. Redaktion

    Ja, natürlich kommt der Artikel auch noch auf die Homepage von ZEIT ONLINE, am Freitag ist er eingeplant!

    Antwort auf "@ Redaktion"
  3. Als Lehrer eines bayerischen Gymnasiums habe ich nun die Plagen des ersten G8 Jahrgangs miterlebt. Es ist so: Die Schüler sind unreifer (ein Jahr weniger), sie sind abgelenkter als noch vor 15 Jahren, sie haben pro Fach weniger Unterricht in ihrer Schulzeit, die Wochenunterrichtszeit in den letzten beiden Jahren summiert sich auf 37 bis 38 pro Schuljahr (plus Vor- und Nachbereitung, plus Seminararbeit) bei einer 5-Tage-Woche, und es sind viele Schüler im Gymnasium, die vor 10 Jahren mit ihrer Begabung oder Lernbereitschaft dort keine Chance gehabt hätten. Die werden durch die Veränderungen in der Schulordnung (Versetzung auf Probe möglich, unabhängig von der Anzahl der Note Fünf) bis in die Oberstufe gehoben, wo sie dann kläglich versagen. Dieses Versagen wird aber durch die hohe Betonung so genannter mündlicher Leistungen vertuscht und rechnerisch beschönigt.
    Dass man diesen 16-jährigen viele Werke der deutschen Literatur nicht sinnvoll nahebringen kann, dass sie viele Fragestellungen aus den anderen Fächern nicht erfassen können, dass ein Großteil nicht über die analytischen Fähigkeiten, die ein Gymnasiast haben sollte, verfügt, wird einfach weggewischt- zumal bei immer mehr das Verständnis fehlt, dass Anstrengung sich lohnt.
    So haben wir die gymnasiale Bildung zu einer Teilausbildung von irgendwelchen "Kompetenzen" verkommen lassen. Diejenigen, die wirklich etwas auf dem Kasten haben und als spätere Leistungsträger für unser Land wichtig wären, sind die Dummen!

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    • proG8
    • 22. Juni 2011 17:55 Uhr

    Es tut mir Leid, aber wer, wie sie sagen, "in der Oberstufe kläglich versagt", der gehört meiner Meinung nach auch nicht auf das Gymnasium - egal ob G9 oder G8. Das Gymnasium sollte eine Eliteschule sein, aber heutzutage schafft es doch jeder Doofkopf aufs Gymnasium.

    Und ich glaube nicht, dass 16-jährige literarische Werke weniger verstehen oder schlechter analysieren können. Das hängt keinesfalls vom Alter ab, sondern davon, wie man es ihnen beibringt. Man sollte der jüngeren Generation auch mal etwas zu trauen!!

    • fennek
    • 28. Juni 2011 7:20 Uhr

    Das man viele Werke der deutschen Literatur nicht sinnvoll nahebringen kann liegt auch nicht alleine an den sechzehnjährigen. Einiges ist einfach nicht mehr zeitgemäss und würde einer tiefen Auseinandersetzung mit dem Deutschland des 19. Jh, Obrigkeitsstaat und beginnender Industrialisierung bedürfen. Das Leben, die Bedürfnisse und Wünsche einer Effi Briest oder der Wahlverwandten Ottilie hat mit der Lebenswirklichkeit eines Mittelklassekinds im 21. Jahrhundert nichts mehr zu tun. Man sitzt im Alter von 17 mit Mama bei Handarbeit, schaukelt - im nächsten Monat heiratet man den Jugendfreund der Mutter und wird mit 17 selbst Mutter mit hauptberuflicher Amme? Wie klingt das bitte übersetzt auf heutige Zeiten? 17jährige wird zwangsverheiratet an 20 Jahre älteren Mann? Was für ein Weltbild wird so zwischen den Zeilen kommuniziert? Natürlich kann man das transzendieren nach dem Sinn des Lebens dahinter, usw. aber ehrlich: Es gibt sicher ansprechenderes und zeitgemässeres, das die Kids mehr zum Denken anregt. Das hat nichts mit Unreife zu tun.

    an den Punkten vorbei, die von_Kleist gemacht hat und die ich so oder so ähnlich von bisher jedem Gymnasiallehrer gehört habe. Zum Ersten: Ein Jahr Altersunterschied macht in diesem Lebensabschnitt wesentlich mehr bzgl. des Entwicklungsstandes der Jugendlichen aus als schon bei 20jährigen. Das meine ich nicht als Bauernweisheit sondern als PsychologiestudentIn und nein, das heißt nicht "jung = dumm", da denken Sie zu undifferenziert. Zum Zweiten: das ständige Vergleichen mit dem Schulsystem der ehem. DDR hinkt. In Bayern wurde dieselbe Menge Stoff auf kürzere Zeit verteilt - das ist eine ungemeine Belastung für die Schüler (und Lehrer, die durch die neuen Lehrbücher erst Recht nicht mehr komplett durchkommen in einem Jahr), wie kann man das wegdiskutieren wollen? Zum Dritten: dass möglichst keine Schüler aus dem letzten G9 und dem ersten G8 Jahrgang durchfallen dürfen, ist rein politisches Image-Kalkül - *deswegen* scheitern die Schüler in der Oberstufe dann kläglich, weil sie den Anforderungen de facto nicht gewachsen sind, aber mitgeschleppt werden, damit nicht zu Tage tritt, wie wenig diese "Reform" funktioniert und was für eine Blamage sie eigentlich ist.

    dass es in Bayern einfach schlecht organisiert war.
    Es gab keine Lehrpläne oder Schulbücher. Und das auch noch nach der Einführungsphase.
    Für den Außenstehenden mal wieder ein nicht durchdachter Schnellschuss der Regierung.

    "Dass man diesen 16-jährigen viele Werke der deutschen Literatur nicht sinnvoll nahebringen kann ..."

    Wahnsinn! Also ich habe als 16 Jähriger meinen Abschlussaufsatz in Literatur über Goethes Faust (Teil 1) geschrieben. Teil 2 kam im Abi dran. Also damals im Ooooosten.

    Ein Bekannter von mir ehemals im, "Humanistisches Gymnasium" in Mainz, hatte gar nix´s von Faust gelesen, weil "abgewählt". Da er auch nicht dümmer als ich bin, muss es dann wohl an den dortigen Lehrern oder "dem System" liegen, wenn Goethe 16 Jährigen dort nicht "sinnvoll" beigebracht werden kann.

    • Otto2
    • 30. Juni 2011 21:08 Uhr

    Es ist so: Die große Mehrheit der geeigneten und lernwilligen Schüler kann das Abitur nach 12 Schuljahren ohne Abstriche an der Qualität schaffen. Die DDR hat es bewiesen, Thüringen und Sachsen z. B., beweisen es heute. (Für Ideologen noch ein Denkanstoß: Die DDR ist nicht an einer schlechten Schulbildung zerbrochen.)
    Das Abitur nach 12 Jahren ist in Europa Standard!
    Es gibt in vielen Streitfragen (Atomkraftwerke, Wehrpflicht, Beseitigung jeglicher Diskriminierung von Schwulen und Lesben, mehr Förderung - und nicht Behinderung, wie bisher - moderner Familienpolitik) usw. seit wenigen Jahren ein Umdenken in der Gesellschaft. Deutschland wird tatsächlich moderner, man hält es auch nicht auf - weder mit dem Werfen von Äpfeln noch dem von Birnen!

    • proG8
    • 22. Juni 2011 17:55 Uhr

    Es tut mir Leid, aber wer, wie sie sagen, "in der Oberstufe kläglich versagt", der gehört meiner Meinung nach auch nicht auf das Gymnasium - egal ob G9 oder G8. Das Gymnasium sollte eine Eliteschule sein, aber heutzutage schafft es doch jeder Doofkopf aufs Gymnasium.

    Und ich glaube nicht, dass 16-jährige literarische Werke weniger verstehen oder schlechter analysieren können. Das hängt keinesfalls vom Alter ab, sondern davon, wie man es ihnen beibringt. Man sollte der jüngeren Generation auch mal etwas zu trauen!!

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    ... sondern davon, wie man es ihnen beibringt."

    Zu einer gelungenen Umsetzung von G12 gehören allerdings auch mündige Lehrer, die selbst entscheiden dürfen, wie sie den Lehrplan sinnvoll entschlacken.

    "Da sind enorme Freiräume, es wurden nur bestimmte Anforderungen formuliert, die Ausgestaltung liegt sehr beim Lehrer."

    Solche Freiräume motivieren einen Lehrer natürlich zusätzlich.

    Und was kann sich ein Schüler mehr wünschen, als einen motivierten Lehrer.

    "Es tut mir Leid, aber wer, wie sie sagen, "in der Oberstufe kläglich versagt", der gehört meiner Meinung nach auch nicht auf das Gymnasium".

    Das halte ich für falsch. Meine schulischen Leistungen waren weit davon enfernt brilliant zu sein, dennoch habe ich mein Stduium mit einer Eins vorm Komma beendet. Mein Diplom wurde mit der Bestnote honoriert und die Arbeit stellenweise in einer Fachzeitschrift veröffentlicht. Das Studium hat in mir mannigfaltige Interessen freigesetzt, sowie die Begierde nach Wissen. In der Schule hingegen war ich (geistig) kaum anwesend.
    Es wird immer Schüler geben, die in ihrer Entwicklung
    langsamer voranschreiten. Schneidet man Diese von einem höheren Bildungsweg ab, bedeutes dies letztendlich nichts anderes, als das Potential verschenkt und somit nicht effizient zugeteilt wird bzw. zugeteilt werden kann.

    • fennek
    • 28. Juni 2011 7:19 Uhr

    Da ist er wieder, der "Das-lässt-sich-doch-nicht-vergleichen-Reflex". Meiner Erinnerung nach, ist die Leistungsfähigkeit der Schüler in Sachsen bei den letzten Vergleichsstudien vor der der Schüler BaWüs gewesen. Ob nun knapp davor oder dahinter, jedenfalls sind die Abituranforderungen in Sachsen, Bayern und Baden-Württemberg seit Jahrzehnten auf einem ähnlich hohen Niveau - dem höchsten in Deutschland.

    Antwort auf
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    ...die Selektion.

    @Redaktion:
    Wenn ihr im Aufmacher schreibt:
    "Warum wundert sich niemand, dass kein einziger Sachse übers "Turbo-Abi" schimpft?"

    Dann könnt ihr das jetzt bitte korrigieren, ich schimpfe übers sächsische Turbo-Abi und ich habe es erlebt.

    Die meisten Sachsen haben überhaupt erst durch die West-Debatte erfahren, dass sie ein verkürztes Abitur fahren, das wurde nämlich nie wirklich thematisiert und jeder Abiturient glaubt, der unmenschliche Stress und die kaum zu bewältigende Stofffülle sei vollkommen normal.

    Allein aus meinem Abiturjahrgang hat es ein Drittel bis die Hälfte der Schüler knallhart aussortiert. Vor allem die vom Dorf, die früh 5:00 schon aufstehen mussten um den ersten Bus zu erwischen, dann bis zu 10h Unterricht absitzen und dann schnell nach Hause und Berge an Hausaufgaben zu erledigen und für 3 knapp hintereinender folgende Klausuren zu lernen. Und dann darf man sich von irgendwelchen ostgebildeten Lehrern noch zynische Kommentare zur eigenen Leistungsfähigkeit und den Arbeitsmarktchancen anhören. Ich habe es geHASST und bin immer knapp an der Depression geschrammt, obwohl ich es letztlich geschafft habe.

    Vielleicht hatte ich Pech mit der Schule, keine Ahnung. Aber sich Sachsen pauschal als Vorbild zu nehmen, kann keine Lösung sein.

    • fennek
    • 28. Juni 2011 7:20 Uhr

    Das man viele Werke der deutschen Literatur nicht sinnvoll nahebringen kann liegt auch nicht alleine an den sechzehnjährigen. Einiges ist einfach nicht mehr zeitgemäss und würde einer tiefen Auseinandersetzung mit dem Deutschland des 19. Jh, Obrigkeitsstaat und beginnender Industrialisierung bedürfen. Das Leben, die Bedürfnisse und Wünsche einer Effi Briest oder der Wahlverwandten Ottilie hat mit der Lebenswirklichkeit eines Mittelklassekinds im 21. Jahrhundert nichts mehr zu tun. Man sitzt im Alter von 17 mit Mama bei Handarbeit, schaukelt - im nächsten Monat heiratet man den Jugendfreund der Mutter und wird mit 17 selbst Mutter mit hauptberuflicher Amme? Wie klingt das bitte übersetzt auf heutige Zeiten? 17jährige wird zwangsverheiratet an 20 Jahre älteren Mann? Was für ein Weltbild wird so zwischen den Zeilen kommuniziert? Natürlich kann man das transzendieren nach dem Sinn des Lebens dahinter, usw. aber ehrlich: Es gibt sicher ansprechenderes und zeitgemässeres, das die Kids mehr zum Denken anregt. Das hat nichts mit Unreife zu tun.

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    [...]

    Kleingeistig sprechen Sie der gesamten Weltliteratur - die zumeist nicht in unserer "DSDS. HartzIV, iPhone"-Realität spielt -, die Berechtigung ab? Haben Sie schon einmal ein griechisches Drama oder Shakespeare gelesen? Auch ohne umfangreiche historische Kenntnisse kann man die Sprach noch nach Hunderten Jahren genießen. Ich verkneife mir, Ihnen weiteren Sinn der Literatur bezüglich Spracherwerb usw. zu erklären. Außerdem sollen die Schüler auch bewusst mit Büchern wie "Effi Briest" konfrontiert werden, die sie privat nie lesen würden.

    Man merkt jedoch schnell, dass Sie ausschließlich in Ihner Fernsehzeitschrift lesen - denn dort ist ja alles ganz "aktuell" und auf der Höhe der Zeit...

    Bitte bemühen Sie sich um sachlich formulierte Kritik. Danke, die Redaktin/fk.

    ...was an Effi Briest Weltliteratur sein soll, habe ich auch nie kapiert. Überhaupt scheint Weltliteratur nur das zu sein, was eine handvoll alte Leute als solche auserkoren hat. Welche Gründe auch immer sie dazu bewegten, es reicht aus, um Generationen von Schülern gründlichen Lese-Ekel anzutrainieren. Immerhin soll sich die Situation mittlerweile gebessert haben.

    Ich habe zum Glück immer gern gelesen, auch so langweilige Schinken. Aber zugegeben war ich überhaupt einer der wenigen, der den Kram überhaupt angefasst hat. Die meisten haben sich eine Kurzzusammenfassung besorgt (auch ohne Internet ging das schon) und bei dem anschliessenden Aufsatz dann auch noch besser abgeschnitten, weil sie die vom Lehrer erwarteten Redewendungen, Phrasen und Schlüsse liefern konnten...

    ... ob die G's "Wahlverwandtschaften" zur Lektüre an Gymnasien gehören; halte das Werk für so schwierig und hermetische, dass es ich mir das als Schulstoff nur schwer vorstellen kann. Egal. Was aber gar nicht heißen kann, dass die Lektüre unserer Klassiker in dem von Ihnen angesprochen Sinne obsolet sei. Grimmelshausen, Goethe, Kleist, Fontane, Storm usw. usf. - das alles gehört zur deutschen Geschichte, und damit auch zum Bestand eines Bewußtseins, das von sich beansprucht, auf der Höhe der Zeit zu sein. Nur Geschichtsvergessenheit kann ernsthaft verlangen, den Kanon unserer Nationalliteratur zeitgeistig zu verschlanken. Man stelle sich vor, an italienischen Gymnasien würden Dante oder Vergil, in russischen Schulen Tolstoi oder Dostojewski aussortiert. Schon die Forderung würde denjenigen, der sie vorbringt zum Idioten stempeln. So etwas ist nur nur in einem Land möglich, in dessen Schulen man den Schülern ein Verständnis von Geschichte vermittelt, das auf 12 Jahre Nationalsozialismus zusammengeschnurrt ist.

    Der Abenteuerliche Simplicissimus, Faust, Effi Briest, Der Schimmelreiter, Kleist, Thomas Mann, Kafka - das alles ist anstrengungslos nicht zu haben. Genauso wenig wie Differential- oder Integralrechnung oder Stöchiometrie. Wer diesen beschwerlichen Anstieg nicht nehmen will, der muss kein Gymnasium besuchen wollen. Wenn aber selbst Lehrer heute nicht mehr wissen, "was das Ganze überhaupt soll", dann wird's dunkel im Saal...

    • Keiner
    • 28. Juni 2011 7:21 Uhr
  4. ..."Angela Merkel hieß 1961 noch Angela Kasner und wurde eingeschult in eine Polytechnische Oberschule der brandenburgischen Kleinstadt Templin. 1973, zwölf Jahre danach, bestand sie ihr Abitur"
    Ich hoffe, dass das nicht stimmt ! Denn es würde bedeuten, dass unsere Kanzlerin viermal sitzen geblieben ist !

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    • ihana
    • 28. Juni 2011 8:15 Uhr

    Die POS begann mit der ersten Klasse. Mit Wechsel in die vierjährige Erweiterte Oberschule zu Beginn der achten Klasse konnte Frau Merkel somit nach regulären 12 Jahren das Abitur erwerben.

    ..."polytechnische Oberschule" beginnt mit der Primarstufe ?Wie bizarr ist das denn ? Na ja, ist ja Geschichte !

    Stephan2 hat es ja bereits versucht, Ihnen zu erklären, wie es zu den 12 Jahren bis zum Abitur bei Frau Merkel kam. Meiner Erinnerung nach ging man allerdings erst nach der 8. Klasse auf die EOS. Was daran bizarr war, dass die POS mit der 1. Klasse begann, erschließt sich mir nicht.

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