Angela Merkel hieß 1961 noch Angela Kasner und wurde eingeschult in eine Polytechnische Oberschule der brandenburgischen Kleinstadt Templin. 1973, zwölf Jahre danach, bestand sie ihr Abitur. Man sollte jetzt einen Satz in jedes westdeutsche Muttiheft schreiben, dick und rot wie einen Tadel: Die Bundeskanzlerin unseres Landes hatte schon vor vier Jahrzehnten hinter sich, was so viele Eltern plötzlich "Turbo-Abi" nennen wollen, als sei es das schlimme Symptom einer beschleunigten Zeit. Wir Ostdeutschen verstehen das Wort Turbo-Abi nicht, es gehört nicht zu uns, denn ein Abitur in zwölf Jahren – das ist für uns nicht neu. Thüringen und Sachsen haben es seit sechs Jahrzehnten. Nun wird es auch im Westen flächendeckend eingeführt, und jene Ostländer, denen es nach der Wende ausgeredet wurde, kehren zum G8 zurück.

Ich weiß noch, wie ich selbst auf dem Schulhof stand in meiner Kleinstadt an der Autobahn; ich weiß noch, wie wir lachten: Die Wessis brauchen 13 Jahre: Denn ein Jahr dauert ihr Schauspielunterricht! Natürlich war das Kinderunsinn, aber ich weiß noch, wie wir uns amüsierten und wie wir auch ein bisschen stolz waren darauf, in zwölf Jahren zu begreifen, wofür andere 13 brauchten.

Dies soll ein Plädoyer sein, ein Plädoyer gegen das Lamento westdeutscher Eltern und Lehrer. Eine Geschichte vom glücklichen Leben sächsischer Schüler. Denn es sind heute, zwei Jahrzehnte nach der Wende, die Westdeutschen zu Jammerern geworden und die Ostdeutschen zu Realisten.

Ich bin in den neunziger Jahren auf ein sächsisches Landgymnasium gekommen, ich habe dort nach acht Jahren das Abitur abgelegt, auf meinem Abschlusszeugnis steht "bestanden". Ich habe als Kind wenige Abende am Schreibtisch und viele auf dem Fußballplatz verbracht, mit 16 Jahren machte ich den Mopedführerschein und kaufte eine Schwalbe, ich flog damit durch die Nachmittage und war frei. Jetzt wollen mir Eltern aus Düsseldorf oder München erklären, meine Schulzeit sei ein Kampf gewesen? Der achtjährige Krieg?

Dazu einige Fakten: Meine Schultage begannen um 7.50 Uhr und endeten selbst in der Oberstufe in aller Regel spätestens gegen 14.20 Uhr. Dauerte es tatsächlich länger, hatten wir noch Sport. Stets begann der Tag mit den anstrengenden Fächern und endete mit den entspannenden. Unsere Stundenpläne waren gut komponiert. Bildungsforscher sagen, das sei das Wichtigste.

Für Ostdeutsche wäre G9 ein gestohlenes Jahr Leben

Nur selten kam ich nach 15 Uhr heim. Wenn ich keine Lust auf Hausaufgaben hatte, schrieb ich morgens im Schulbus die Lösungen ab. Ich war kein begnadeter Schüler, es gab wohl viele, die besser lernten und schneller begriffen als ich. Was ich erlebt habe, ist also der Durchschnitt.

Warum spricht man vom Turbo-Abitur? "G8 ist zum Synonym für Schulstress geworden", steht in Artikeln, "Eltern protestieren gegen Turbo-Abi", höre ich im Radio, "Kinderärzte schlagen Alarm", schreiben Aktivisten auf Anti-G-8-Webseiten. G8, das war eigentlich mal das Wort für einen Gipfel mächtiger Menschen. Es ist das Wort für den Gipfel der Empörung geworden. Für Schüler soll G8 ein gestohlenes Jahr Kindheit sein? Für Ostdeutsche wäre G9 ein gestohlenes Jahr Leben.

Sind Sachsen und Thüringer deshalb unglücklicher? Erschöpfter? Ausgebrannter? Unkreativer? Nein, das ist Unsinn.

Vor ein paar Tagen schrieb ich meiner früheren Lieblingslehrerin eine SMS, ich wollte wissen, ob ich im Rückblick vielleicht alles verkläre. Ich fragte sie: Waren wir als Schüler nicht lässig und entspannt? Sie antwortete: "Entspannter konnte man nicht sein." Liebe Westeltern: Verstehen Sie, was ich meine?

Ich habe mir die Stundentafeln aus den Kultusministerien besorgt. Ein Fünftklässler in Sachsen hat 31 Wochenstunden à 45 Minuten, das sind viermal wöchentlich sechs Schulstunden und ein einziges Mal sieben. Selbst in hessischen oder holsteinischen G-9-Gymnasien hatten Fünftklässler 28 Stunden pro Woche, also dreimal sechs Stunden und zweimal fünf. Macht eine Differenz von drei Unterrichtsstunden wöchentlich. Wo ist das Problem? Dennoch wird behauptet, Schüler im G-8-System hätten nachmittags keine Zeit, sie könnten keine verrückten Experimente machen und nicht durch den Wald laufen auf der Suche nach Würmern oder Pilzen, sie hätten keine Pubertät mehr und nicht mal Zeit, das erste Mal zu knutschen.