Schulzeitverkürzung G8 : Entspannt euch mal!

Warum wundert sich niemand, dass kein einziger Sachse übers "Turbo-Abi" schimpft? Eine Zwölf-Jahres-Recherche.

Angela Merkel hieß 1961 noch Angela Kasner und wurde eingeschult in eine Polytechnische Oberschule der brandenburgischen Kleinstadt Templin. 1973, zwölf Jahre danach, bestand sie ihr Abitur. Man sollte jetzt einen Satz in jedes westdeutsche Muttiheft schreiben, dick und rot wie einen Tadel: Die Bundeskanzlerin unseres Landes hatte schon vor vier Jahrzehnten hinter sich, was so viele Eltern plötzlich "Turbo-Abi" nennen wollen, als sei es das schlimme Symptom einer beschleunigten Zeit. Wir Ostdeutschen verstehen das Wort Turbo-Abi nicht, es gehört nicht zu uns, denn ein Abitur in zwölf Jahren – das ist für uns nicht neu. Thüringen und Sachsen haben es seit sechs Jahrzehnten. Nun wird es auch im Westen flächendeckend eingeführt, und jene Ostländer, denen es nach der Wende ausgeredet wurde, kehren zum G8 zurück.

Ich weiß noch, wie ich selbst auf dem Schulhof stand in meiner Kleinstadt an der Autobahn; ich weiß noch, wie wir lachten: Die Wessis brauchen 13 Jahre: Denn ein Jahr dauert ihr Schauspielunterricht! Natürlich war das Kinderunsinn, aber ich weiß noch, wie wir uns amüsierten und wie wir auch ein bisschen stolz waren darauf, in zwölf Jahren zu begreifen, wofür andere 13 brauchten.

Dies soll ein Plädoyer sein, ein Plädoyer gegen das Lamento westdeutscher Eltern und Lehrer. Eine Geschichte vom glücklichen Leben sächsischer Schüler. Denn es sind heute, zwei Jahrzehnte nach der Wende, die Westdeutschen zu Jammerern geworden und die Ostdeutschen zu Realisten.

Ich bin in den neunziger Jahren auf ein sächsisches Landgymnasium gekommen, ich habe dort nach acht Jahren das Abitur abgelegt, auf meinem Abschlusszeugnis steht "bestanden". Ich habe als Kind wenige Abende am Schreibtisch und viele auf dem Fußballplatz verbracht, mit 16 Jahren machte ich den Mopedführerschein und kaufte eine Schwalbe, ich flog damit durch die Nachmittage und war frei. Jetzt wollen mir Eltern aus Düsseldorf oder München erklären, meine Schulzeit sei ein Kampf gewesen? Der achtjährige Krieg?

Dazu einige Fakten: Meine Schultage begannen um 7.50 Uhr und endeten selbst in der Oberstufe in aller Regel spätestens gegen 14.20 Uhr. Dauerte es tatsächlich länger, hatten wir noch Sport. Stets begann der Tag mit den anstrengenden Fächern und endete mit den entspannenden. Unsere Stundenpläne waren gut komponiert. Bildungsforscher sagen, das sei das Wichtigste.

Für Ostdeutsche wäre G9 ein gestohlenes Jahr Leben

Nur selten kam ich nach 15 Uhr heim. Wenn ich keine Lust auf Hausaufgaben hatte, schrieb ich morgens im Schulbus die Lösungen ab. Ich war kein begnadeter Schüler, es gab wohl viele, die besser lernten und schneller begriffen als ich. Was ich erlebt habe, ist also der Durchschnitt.

Warum spricht man vom Turbo-Abitur? "G8 ist zum Synonym für Schulstress geworden", steht in Artikeln, "Eltern protestieren gegen Turbo-Abi", höre ich im Radio, "Kinderärzte schlagen Alarm", schreiben Aktivisten auf Anti-G-8-Webseiten. G8, das war eigentlich mal das Wort für einen Gipfel mächtiger Menschen. Es ist das Wort für den Gipfel der Empörung geworden. Für Schüler soll G8 ein gestohlenes Jahr Kindheit sein? Für Ostdeutsche wäre G9 ein gestohlenes Jahr Leben.

Sind Sachsen und Thüringer deshalb unglücklicher? Erschöpfter? Ausgebrannter? Unkreativer? Nein, das ist Unsinn.

Vor ein paar Tagen schrieb ich meiner früheren Lieblingslehrerin eine SMS, ich wollte wissen, ob ich im Rückblick vielleicht alles verkläre. Ich fragte sie: Waren wir als Schüler nicht lässig und entspannt? Sie antwortete: "Entspannter konnte man nicht sein." Liebe Westeltern: Verstehen Sie, was ich meine?

Ich habe mir die Stundentafeln aus den Kultusministerien besorgt. Ein Fünftklässler in Sachsen hat 31 Wochenstunden à 45 Minuten, das sind viermal wöchentlich sechs Schulstunden und ein einziges Mal sieben. Selbst in hessischen oder holsteinischen G-9-Gymnasien hatten Fünftklässler 28 Stunden pro Woche, also dreimal sechs Stunden und zweimal fünf. Macht eine Differenz von drei Unterrichtsstunden wöchentlich. Wo ist das Problem? Dennoch wird behauptet, Schüler im G-8-System hätten nachmittags keine Zeit, sie könnten keine verrückten Experimente machen und nicht durch den Wald laufen auf der Suche nach Würmern oder Pilzen, sie hätten keine Pubertät mehr und nicht mal Zeit, das erste Mal zu knutschen.

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Kommentare

125 Kommentare Seite 1 von 15 Kommentieren

@ Redaktion

Liebe Redaktion,
dieser Artikel ist ein guter Kontrast zu anderen bei Zeit Online unter der Rubrik Gesellschaft/Schule zu diesem Thema mit den folgenden Überschriften:
"Brief an eine Gymnasiastin" und "Die Schulzeitverkürzung war ein Fehler". Warum ist er auf dieser Seite nicht zu finden, sondern bislang nur auf der Sachsen-Seite? Um das Thema von allen Seiten zu beleuchten darf ein Eingehen auf die erfolgreiche sächsische Praxis nicht fehlen, sozusagen als Antwort!

Warum Kontrast?

Der Autor des Briefes an seine Tochter kritisierte die mangelhafte Umsetzung der Schulzeitverkürzung. Und man muss sagen, dass wir das im Westen so richtig vergurkt haben. Warum schaut man in den Kultusministerien dann nicht nach Sachsen/Thüringen/Brandenburg und fragt bei den Kollegen nach, wie die das denn machen in acht Jahren. Sitzen wir nicht in einem Boot, oder waren sich die Damen und Herren zu fein, um bei anderen zu fragen, wie es geht? Ich war und bin gegen die Einführung von G8, so wie es bisher gelaufen ist. Wenn man sich vernünftig Zeit gelassen hätte, das sauber und nicht mit der Brechstange einzuführen, super. Aber so? Und noch ein weiterer Aspekt: ich bin an meiner Universität Tutor und habe regelmäßig mit Studenten in den jüngeren Semestern zu tun. Mir kommen die 18-jährigen Studierenden, die frisch von der Schule kommen, noch arg jung vor. Ich habe da bei manchen (nicht bei allen!!) das Gefühl, dass die noch ein, zwei Jahre nicht-Uni brauchen könnten, damit das Studium wirklich sinnvoll ist und nicht die Verlängerung der Oberstufe. Und mit 21/22 sind die dann schon fertig.. Naja, anderes Thema. Der wichtigste Satz im Artikel, egal ob G8 oder G9 ist folgender: "Es gehe darum, zu lernen, wie man ein Leben lang lernt." Vielleicht ist es sogar schnurzpiepegal, ob wir G8 oder G9 oder beides haben, solange wir das Lernen lernen vermitteln...

Man sollte nicht Äpfel mit Birnen vergleichen!

Als Lehrer eines bayerischen Gymnasiums habe ich nun die Plagen des ersten G8 Jahrgangs miterlebt. Es ist so: Die Schüler sind unreifer (ein Jahr weniger), sie sind abgelenkter als noch vor 15 Jahren, sie haben pro Fach weniger Unterricht in ihrer Schulzeit, die Wochenunterrichtszeit in den letzten beiden Jahren summiert sich auf 37 bis 38 pro Schuljahr (plus Vor- und Nachbereitung, plus Seminararbeit) bei einer 5-Tage-Woche, und es sind viele Schüler im Gymnasium, die vor 10 Jahren mit ihrer Begabung oder Lernbereitschaft dort keine Chance gehabt hätten. Die werden durch die Veränderungen in der Schulordnung (Versetzung auf Probe möglich, unabhängig von der Anzahl der Note Fünf) bis in die Oberstufe gehoben, wo sie dann kläglich versagen. Dieses Versagen wird aber durch die hohe Betonung so genannter mündlicher Leistungen vertuscht und rechnerisch beschönigt.
Dass man diesen 16-jährigen viele Werke der deutschen Literatur nicht sinnvoll nahebringen kann, dass sie viele Fragestellungen aus den anderen Fächern nicht erfassen können, dass ein Großteil nicht über die analytischen Fähigkeiten, die ein Gymnasiast haben sollte, verfügt, wird einfach weggewischt- zumal bei immer mehr das Verständnis fehlt, dass Anstrengung sich lohnt.
So haben wir die gymnasiale Bildung zu einer Teilausbildung von irgendwelchen "Kompetenzen" verkommen lassen. Diejenigen, die wirklich etwas auf dem Kasten haben und als spätere Leistungsträger für unser Land wichtig wären, sind die Dummen!

Jung heißt nicht gleich dumm

Es tut mir Leid, aber wer, wie sie sagen, "in der Oberstufe kläglich versagt", der gehört meiner Meinung nach auch nicht auf das Gymnasium - egal ob G9 oder G8. Das Gymnasium sollte eine Eliteschule sein, aber heutzutage schafft es doch jeder Doofkopf aufs Gymnasium.

Und ich glaube nicht, dass 16-jährige literarische Werke weniger verstehen oder schlechter analysieren können. Das hängt keinesfalls vom Alter ab, sondern davon, wie man es ihnen beibringt. Man sollte der jüngeren Generation auch mal etwas zu trauen!!

Werke der deutschen Literatur

Das man viele Werke der deutschen Literatur nicht sinnvoll nahebringen kann liegt auch nicht alleine an den sechzehnjährigen. Einiges ist einfach nicht mehr zeitgemäss und würde einer tiefen Auseinandersetzung mit dem Deutschland des 19. Jh, Obrigkeitsstaat und beginnender Industrialisierung bedürfen. Das Leben, die Bedürfnisse und Wünsche einer Effi Briest oder der Wahlverwandten Ottilie hat mit der Lebenswirklichkeit eines Mittelklassekinds im 21. Jahrhundert nichts mehr zu tun. Man sitzt im Alter von 17 mit Mama bei Handarbeit, schaukelt - im nächsten Monat heiratet man den Jugendfreund der Mutter und wird mit 17 selbst Mutter mit hauptberuflicher Amme? Wie klingt das bitte übersetzt auf heutige Zeiten? 17jährige wird zwangsverheiratet an 20 Jahre älteren Mann? Was für ein Weltbild wird so zwischen den Zeilen kommuniziert? Natürlich kann man das transzendieren nach dem Sinn des Lebens dahinter, usw. aber ehrlich: Es gibt sicher ansprechenderes und zeitgemässeres, das die Kids mehr zum Denken anregt. Das hat nichts mit Unreife zu tun.

"Das hängt keinesfalls vom Alter ab, ...

... sondern davon, wie man es ihnen beibringt."

Zu einer gelungenen Umsetzung von G12 gehören allerdings auch mündige Lehrer, die selbst entscheiden dürfen, wie sie den Lehrplan sinnvoll entschlacken.

"Da sind enorme Freiräume, es wurden nur bestimmte Anforderungen formuliert, die Ausgestaltung liegt sehr beim Lehrer."

Solche Freiräume motivieren einen Lehrer natürlich zusätzlich.

Und was kann sich ein Schüler mehr wünschen, als einen motivierten Lehrer.

Sie diskutieren

an den Punkten vorbei, die von_Kleist gemacht hat und die ich so oder so ähnlich von bisher jedem Gymnasiallehrer gehört habe. Zum Ersten: Ein Jahr Altersunterschied macht in diesem Lebensabschnitt wesentlich mehr bzgl. des Entwicklungsstandes der Jugendlichen aus als schon bei 20jährigen. Das meine ich nicht als Bauernweisheit sondern als PsychologiestudentIn und nein, das heißt nicht "jung = dumm", da denken Sie zu undifferenziert. Zum Zweiten: das ständige Vergleichen mit dem Schulsystem der ehem. DDR hinkt. In Bayern wurde dieselbe Menge Stoff auf kürzere Zeit verteilt - das ist eine ungemeine Belastung für die Schüler (und Lehrer, die durch die neuen Lehrbücher erst Recht nicht mehr komplett durchkommen in einem Jahr), wie kann man das wegdiskutieren wollen? Zum Dritten: dass möglichst keine Schüler aus dem letzten G9 und dem ersten G8 Jahrgang durchfallen dürfen, ist rein politisches Image-Kalkül - *deswegen* scheitern die Schüler in der Oberstufe dann kläglich, weil sie den Anforderungen de facto nicht gewachsen sind, aber mitgeschleppt werden, damit nicht zu Tage tritt, wie wenig diese "Reform" funktioniert und was für eine Blamage sie eigentlich ist.

Fernsehzeitschrift

[...]

Kleingeistig sprechen Sie der gesamten Weltliteratur - die zumeist nicht in unserer "DSDS. HartzIV, iPhone"-Realität spielt -, die Berechtigung ab? Haben Sie schon einmal ein griechisches Drama oder Shakespeare gelesen? Auch ohne umfangreiche historische Kenntnisse kann man die Sprach noch nach Hunderten Jahren genießen. Ich verkneife mir, Ihnen weiteren Sinn der Literatur bezüglich Spracherwerb usw. zu erklären. Außerdem sollen die Schüler auch bewusst mit Büchern wie "Effi Briest" konfrontiert werden, die sie privat nie lesen würden.

Man merkt jedoch schnell, dass Sie ausschließlich in Ihner Fernsehzeitschrift lesen - denn dort ist ja alles ganz "aktuell" und auf der Höhe der Zeit...

Bitte bemühen Sie sich um sachlich formulierte Kritik. Danke, die Redaktin/fk.

Ja...

...was an Effi Briest Weltliteratur sein soll, habe ich auch nie kapiert. Überhaupt scheint Weltliteratur nur das zu sein, was eine handvoll alte Leute als solche auserkoren hat. Welche Gründe auch immer sie dazu bewegten, es reicht aus, um Generationen von Schülern gründlichen Lese-Ekel anzutrainieren. Immerhin soll sich die Situation mittlerweile gebessert haben.

Ich habe zum Glück immer gern gelesen, auch so langweilige Schinken. Aber zugegeben war ich überhaupt einer der wenigen, der den Kram überhaupt angefasst hat. Die meisten haben sich eine Kurzzusammenfassung besorgt (auch ohne Internet ging das schon) und bei dem anschliessenden Aufsatz dann auch noch besser abgeschnitten, weil sie die vom Lehrer erwarteten Redewendungen, Phrasen und Schlüsse liefern konnten...

Verschenktes Potential

"Es tut mir Leid, aber wer, wie sie sagen, "in der Oberstufe kläglich versagt", der gehört meiner Meinung nach auch nicht auf das Gymnasium".

Das halte ich für falsch. Meine schulischen Leistungen waren weit davon enfernt brilliant zu sein, dennoch habe ich mein Stduium mit einer Eins vorm Komma beendet. Mein Diplom wurde mit der Bestnote honoriert und die Arbeit stellenweise in einer Fachzeitschrift veröffentlicht. Das Studium hat in mir mannigfaltige Interessen freigesetzt, sowie die Begierde nach Wissen. In der Schule hingegen war ich (geistig) kaum anwesend.
Es wird immer Schüler geben, die in ihrer Entwicklung
langsamer voranschreiten. Schneidet man Diese von einem höheren Bildungsweg ab, bedeutes dies letztendlich nichts anderes, als das Potential verschenkt und somit nicht effizient zugeteilt wird bzw. zugeteilt werden kann.

(56) + (64) Verschenkte Potential

Vgl. auch mein Kommentar.

(64) schreibt: "Das verstehe ich nicht. Warum soll man denn dann die Schüler bestrafen, bzw. mit runterziehen, bei denen es schon viel eher Klick gemacht hat als bei Ihnen?"

Genau! (56), Sie sollten sich schämen! Wer weiß, wer heute nicht alles weniger verdient, weil Sie die Klasse verseucht und andere Schüler runtergezogen haben!

(64) schreibt: "Wofür gibt es denn in Dtl die Möglichkeiten, auch ohne Regelabitur aufzusteigen? wofür haben wir denn dreitausend Bildungswege? Ich finde, es ist keine Schande, diese auch zu benutzen!"

Genau! Diese Wege standen auch ihren runtergezogenen Kindern offen, machen Sie also mal halblang!

Warum stellt sich hier im Forum keiner die Frage, warum wir unsere Kinder bereits so früh kategorisieren (müssen)? Warum soll ein Kind auf verlorenem Posten stehen, weil es bei ihm später "Klick" macht/gemacht hat?
Warum bestrafen wir die "schlauen" Kinder spätestens ab Erhalt der Schultüte mit Leistungsdruck und Vergleich nach rechts und links und über den Gartenzaun, anstatt sie zu beglückwünschen, dass ihnen die Antworten zufallen?
Warum zeigen wir den "schwächeren" Kindern durch jede unserer Handlungen, dass sie nicht genügen, dass da noch mehr gehen muss, anstatt sie in ihrer Lebensfreude zu stärken und zu unterstützen?

Ich hoffe sehr, dass meine Kinder eines Tages eine "Allgemeinbildene Gemeinsamschule" erleben dürfen!

Haben Sie ausser einem persönlichen Angriff

und zahlreicher (falscher) Vermutungen über meine Lebensweise eigentliche etwas zu meinem Kommentar zu schreiben? Zu Ihrer unverschämten Diskussionsweise schreibe ich lieber nichts, was Sie als "aktuell" bezeichnen ist schlicht indiskutabel, unwürdig und betrifft auch nicht das Feld der Literatur. Im übrigen habe ich gerade vor zwei Wochen die liebe Effi aus dem Regal gezogen und gelesen, wann haben Sie das zum letzten mal getan? Und es tut mir leid: Ohne Kenntnis der Umstände kann man zwar lesen, aber nichts verstehen. Wenn Sie Ihren Shakespeare tatsächlich gelesen hätten und nicht nur durchgeblättert-wenn das überhaupt der Fall ist-würden Sie nicht solche vollkommen haltlosen Behauptungen aufstellen. Bereits die sprachliche Barriere zum heutigen britischen Englisch ist frappant. Da ich griechische Dramen nur in Übersetzungen gelesen habe, kann ich zur Sprache an dieser Stellen nichts Qualifiziertes sagen, ich kann mich höchstens an der Übersetzung "erfreuen". Warum kommt da aber mindestens alle 20 Jahre eine neue? Warum ist Proust bereits 3 mal teilweise stark verschieden übersetzt worden? Ob Sie es mögen oder nicht: Sprache verändert sich. Ich meine ausserdem, dass es gute Gründe hat, dass bei Stücken aus dieser Zeit heute oft umfangreiche Textänderungen gemacht werden, nämlich um Sie unserer Realität anzupassen (Ihre haben Sie ja beschrieben), zu interpretieren und verständlich zu machen. Gelesen wird im Jetzt. Zum Verstehen reicht das leider nicht immer.

Lehrplaninhalte

Sie schreiben: Man liest um sich an der Sprache zu erfreuen. Das ist zweifelsohne richtig für ein Lesen als Freizeitvergnügen, Lesen in Stunden der Muße. Bei "Lehrplan" geht es aber nach meiner einseitigen Erfahrung als Schüler in erster Linie um Vermittlung von Wissen, Textverständnis etc. Vor diesem Hintergrund sollte man sich schon mal fragen dürfen was an einigen Inhalten heute noch vermittelt werden muss und ob z.B. die Lebenswelt der Kaiserzeit wirklich noch die Relevanz hat, die der Lehrplan ihr beimisst.

Ich meine: Es darf auch nicht bei Max Frisch aufhören, der gute Homo Faber ist eben auch schon 70 Jahre alt. Mittlerweile sind wir doch weiter. Jeder "Kanon" gehört regelmässig ausgemistet und erweitert, auch der des Abiturientenwissens. Ansonsten bleibt man an der Oberfläche des Vielen und Freude an einzelnen Bereichen, z.B. der Literatur kann man keinem Schüler vermitteln, denn dafür braucht es Zeit in G8, G9, bereits in der Grundschule.

Ich möchte keine Leistungsroboter, sondern Menschen unter den Abiturienten finden, denen Gelegenheit gegeben wurde, sich für etwas zu interessieren und sich auch damit auseinanderzusetzen. Es ist Aufgabe der Lehrplangestalter den Kindern diese Möglichkeit zu geben ohne verkrampft an scheinbar sakrosankten Inhalten festzuhalten. Wenn wir das in der Schule nicht schaffen, wird's schwierig.

Au weiha!

"Dass man diesen 16-jährigen viele Werke der deutschen Literatur nicht sinnvoll nahebringen kann ..."

Wahnsinn! Also ich habe als 16 Jähriger meinen Abschlussaufsatz in Literatur über Goethes Faust (Teil 1) geschrieben. Teil 2 kam im Abi dran. Also damals im Ooooosten.

Ein Bekannter von mir ehemals im, "Humanistisches Gymnasium" in Mainz, hatte gar nix´s von Faust gelesen, weil "abgewählt". Da er auch nicht dümmer als ich bin, muss es dann wohl an den dortigen Lehrern oder "dem System" liegen, wenn Goethe 16 Jährigen dort nicht "sinnvoll" beigebracht werden kann.

Geschmack ist keine pädagogische Kategorie

Wieso haben Sie ihre wertvolle Zeit kürzlich mit Fontane - laut Ihren Kriterien - "verschwendet"? Was hat denn Effi Briest bitte mit Ihrer Lebenswirklichkeit zu tun?
Anscheinend verstehe ich Ihre widersprüchlichen Eingangseinwände dann nicht. Ehrlich gesagt interessieren diese mich auch nicht. Ich wollte nur Ihre zahnlose Kritik über die Verbrauchtheit von Fontane entkräften, da Sie anscheinend nur fähig sind in Kategorien Ihres eigenen Geschmacks zu urteilen.

Ginge es aber um persönliche Vorlieben, würden viele Lehrer - die oftmals außer den Pflichtveranstaltungen an der Uni gar kein Verständnis von Literatur haben- in ihrem Unterricht nur MAD-Hefte lesen. Ich habe schon in der Schule meine Deutschlehrerin aus der Fassung gebracht, da diese keine vorgefertigte Antwort in ihrer (heimlich aufgeschlagenen) Sekundärliteratur finden konnte...

Dass Übersetzungen/Sprache sich ändert ist eine Binsenweisheit. Doch echte Literatur muss weder sprachlich "heutig", "anwendbar" oder im nachvollziehbaren Bezug zum Leser stehen - sondern sperrig, unbequem und eine (irritierende) Herausforderung sein.

Müsste eine zeitgemäße Literatur sich - laut Ihrer Definition - also nur mit Integrationsproblematik, Hartz IV, iPhone, Finanzkrise und Klimaveränderung auseinandersetzen? "Krass" absurd.

Besonders die Anbiederung mancher Autoren an zeitgenössische Sprache endet oftmals in einer Katastrophe. Von den sonstigen Gehversuchen der meisten jungen deutschen Literaten ganz zu schweigen...

Anscheinend

ist Ihr Alias Programm. Sie wollen einfach missverstehen. Und was haben Sie eigentlich für eine Hartz IV und iphone fixation? Gehen Sie besser schnell zum Arzt. Ich lese Fontane in meiner Freizeit. Ob Sie oder ich das als Verschwendung betrachten ist gleich, denn es ist: erstens, meine, zweitens, FREIzeit.

Ihre These was Literatur "muss" ist programmatisch haltlos, unüberlegt und selbst von Ihnen unbegründet. Nur weil Sie es aus einem offensichtlichen, diffusen Hass auf Fernsehzeitschriften, MAD Hefte, anscheinend auch gegen zeitgenössische "Literaten" sowie Sekundärliteratur behaupten, muss es noch nicht stimmen. Sie haben Ihre Ansichten auch nicht als stichhaltiges Argument vorgetragen - da sag ich ganz krass anbiedernd - "ey sorry das wars nisch Alder".

Ihre Vorstellung zeitgenössischer Sprache beruht wohl auch auf einer Verwechslung der Attribute "zeitgenössisch" und "gossenjargon".

Zu Ihrer These ich hätte nach meinem Geschmack geurteilt; nochmals, da verstehendes Lesen nicht Ihr Steckenpferd zu sein scheint: Ich schrieb vom Inhalt und gesellschaftlichen Kontext der Romanfigur und ihrem Bezug zur heutigen Zeit, speziell vor dem Hintergrund des Rollenmodells für 14-17 jährige Jugendliche. Dazu, und nur dazu äusserte ich meine Meinung. Wenn Sie das verwechseln und sich nicht entblöden sich in peinlichen Ergüssen von Allgemeinheiten und der Projektion Ihrer Feindbilder - in diesem Fall auf mich - hinreissen zu lassen, dann ... fehlen mir die Worte.

Ich weiß nicht...

... ob die G's "Wahlverwandtschaften" zur Lektüre an Gymnasien gehören; halte das Werk für so schwierig und hermetische, dass es ich mir das als Schulstoff nur schwer vorstellen kann. Egal. Was aber gar nicht heißen kann, dass die Lektüre unserer Klassiker in dem von Ihnen angesprochen Sinne obsolet sei. Grimmelshausen, Goethe, Kleist, Fontane, Storm usw. usf. - das alles gehört zur deutschen Geschichte, und damit auch zum Bestand eines Bewußtseins, das von sich beansprucht, auf der Höhe der Zeit zu sein. Nur Geschichtsvergessenheit kann ernsthaft verlangen, den Kanon unserer Nationalliteratur zeitgeistig zu verschlanken. Man stelle sich vor, an italienischen Gymnasien würden Dante oder Vergil, in russischen Schulen Tolstoi oder Dostojewski aussortiert. Schon die Forderung würde denjenigen, der sie vorbringt zum Idioten stempeln. So etwas ist nur nur in einem Land möglich, in dessen Schulen man den Schülern ein Verständnis von Geschichte vermittelt, das auf 12 Jahre Nationalsozialismus zusammengeschnurrt ist.

Der Abenteuerliche Simplicissimus, Faust, Effi Briest, Der Schimmelreiter, Kleist, Thomas Mann, Kafka - das alles ist anstrengungslos nicht zu haben. Genauso wenig wie Differential- oder Integralrechnung oder Stöchiometrie. Wer diesen beschwerlichen Anstieg nicht nehmen will, der muss kein Gymnasium besuchen wollen. Wenn aber selbst Lehrer heute nicht mehr wissen, "was das Ganze überhaupt soll", dann wird's dunkel im Saal...

Sie stellen zwei Fragen

Hallo zo.de,
.
Sie stellen zwei Fragen:
"Warum stellt sich hier im Forum keiner die Frage, warum wir unsere Kinder bereits so früh kategorisieren (müssen)?
...
Warum zeigen wir den "schwächeren" Kindern durch jede unserer Handlungen, dass sie nicht genügen
"
.
Da ist ein Widerspruch. Sehen Sie den auch? Wir "kategorisieren" die Kinder, damit wir der Mehrheit von ihnen nicht dauernd zeigen müssen, dass sie nicht genügen.

G8 ist nicht aufzuhalten

Es ist so: Die große Mehrheit der geeigneten und lernwilligen Schüler kann das Abitur nach 12 Schuljahren ohne Abstriche an der Qualität schaffen. Die DDR hat es bewiesen, Thüringen und Sachsen z. B., beweisen es heute. (Für Ideologen noch ein Denkanstoß: Die DDR ist nicht an einer schlechten Schulbildung zerbrochen.)
Das Abitur nach 12 Jahren ist in Europa Standard!
Es gibt in vielen Streitfragen (Atomkraftwerke, Wehrpflicht, Beseitigung jeglicher Diskriminierung von Schwulen und Lesben, mehr Förderung - und nicht Behinderung, wie bisher - moderner Familienpolitik) usw. seit wenigen Jahren ein Umdenken in der Gesellschaft. Deutschland wird tatsächlich moderner, man hält es auch nicht auf - weder mit dem Werfen von Äpfeln noch dem von Birnen!

Ähem...

..."Angela Merkel hieß 1961 noch Angela Kasner und wurde eingeschult in eine Polytechnische Oberschule der brandenburgischen Kleinstadt Templin. 1973, zwölf Jahre danach, bestand sie ihr Abitur"
Ich hoffe, dass das nicht stimmt ! Denn es würde bedeuten, dass unsere Kanzlerin viermal sitzen geblieben ist !

Oberschule im Deutschen Reich --- Oberschule in der DDR

> Die "polytechnische Oberschule" beginnt mit der Primarstufe?
> Wie bizarr ist das denn?

Nein, die polytechnische Oberschule hatte keine Primarstufe, sondern eine Unterstufe (1.-4. Klasse), die gymnasialen Maßstäben entsprach.

Mit "Oberschule" (Synonym: "höhere Lehranstalt") wurde im dreigliedrigen Schulwesen Preußens und des Deutschen Reiches ausschließlich eine zur Reifeprüfung führende Schule bezeichnet, die zudem in ihren unteren Klassen keine Elementarerziehung sondern höhere Erziehung vermittelte -- d.h. ein Gymnasium (= humanistisches Gymnasium), ein Realgymnasium oder eine Oberrealschule.

Die Oberschulen wurden rigoros von den niederen Schulen getrennt. Unter die Bezeichnung niedere Schulen fiel die Elementarschule, die Realschule 2. Klasse und die Gewerbeschule.

Die DDR restrukturierte 20 Jahre lang mit viel Energie und vielen Investitionen ihr Schulwesen dergestalt, daß der alte deutsche Gegensatz zwischen Primarbildung und Sekundarbildung aufgehoben werden konnte. Die POS läßt sich daher als "modernes Realgymnasium ohne Abiturklassen mit Stoffvermittlung auf Sekundarniveau ab der 1. Klasse" beschreiben, das alle Kinder vepflichtend besuchen mußten.

Die Lehrpläne und die Lehrerausbildung zeigen hier wesentliche Unterschiede der Unterstufe der POS zur Grundschule der BRD, insbesondere viel mehr und viel komplizierterer Stoff und höhere Anforderungen seitens der DDR.