Straßenverkehr Stuttgart rast
Nachts kehrt der Wahnsinn auch in die kontrollierte Stadt zurück.
Wieder in Stuttgart. Im Herbst 2010 ist man hier durch die Straßen gezogen, es war die Woche, da die Landesregierung so viele Fehler machte, dass es zum Machtwechsel reichte: Im Schlossgarten wurden Bäume mit Baggern und Demonstranten mit Wasserwerfern umgeworfen. Der schwäbische Wutbürger wandelte sich zum Wechselbürger und beschloss, die als Herrscher geborenen Schwarzen des Südens endlich zu kippen.
Seitdem ist Stuttgart eine verwirrte Stadt: einerseits Metropole des ökologischen Wandels (es regiert ein Grüner, sein Wahlkampfrequisit: eine alte Blechgießkanne), andererseits noch immer die Autostadt schlechthin (vom keimfreien Wolfsburg abgesehen). Einerseits die deutsche Großstadt mit der schönsten Topografie, andererseits ein von Autobahnen durchschnittenes Kesselnest. Und die grün-rote Landesregierung ist in Gefahr, von der Causa Stuttgart 21 zerrissen zu werden.
Diese Widersprüche lassen sich auf Dauer nicht bändigen, sie wollen sich austoben, und das tun sie nachts. (Ja, Stuttgart hat mittlerweile ein Nachtleben.) Die breiten Straßen, auf denen im Herbst die Demonstrationszüge der S-21-Gegner dahinzogen und Stuttgart als eine Stadt der besonnenen Flaneure erscheinen ließen, diese Straßen verwandeln sich an den Wochenenden in wilde Rennstrecken.
Die Meute rast, von einem fachmännischen Bordsteinpublikum betrachtet, nachts um halb drei: BMWs, Golfs, Mercedesse, von Abgas und Testosteron umwölkt, voll besetzt mit jungen Männern, verwickelt in Kopf-an-Kopf-Duelle, und die Spurts führen röhrend hinein in den nächtlichen, ahnungslos die Spuren wechselnden Flaneursverkehr.
Man kennt solche Jagden von den Ausfallstraßen des Ruhrgebiets und aus dem deutschen Osten. Aber hier, in dieser so demonstrativ zur Besinnung gekommenen Stadt, auf der geweihten Piste der Bürgermärsche, hätte man sie nicht erwartet.
Viele Autofahrer machen rasende Kreisfahrten, als wäre die Stadt ein Teilchenbeschleuniger: Ist das nicht schon zum dritten Mal derselbe Audi quattro, dessen Beifahrer uns, das Fenster steht offen, einen Blick auf sein Unterarmtattoo gönnt? Und rollt hier wieder das Mercedes-Cabrio aus Böblingen an den Start? Ein Selbstzweck wird gefeiert, dem Wutbürger stellt sich der Gasfußbürger grinsend in den Weg: Er holt sich bei Nacht, was seiner Stadt im Licht der Vernunft abhandengekommen ist.
Und was tut die Polizei? Sie mischt sich mit ihrem Bus im Schritttempo unter die Raser, was so wirkt, als wäre sie die Rennleitung, welche ein außer Kontrolle geratenes Rennen behutsam wieder startet. Dann fährt der Polizeibus zaghaft davon, und die Stampede rast hinterher, als wollte sie ihn einholen und überrollen. Was hier stattfindet, ist ein Methadonprogramm für Geschwindigkeitssüchtige, ein Trostrausch der Umweltidioten.
Während also in Stuttgart die Zukunft völlig unentschieden ist, erobert nachts, mit brüllenden Motoren, der Maschinenwahnsinn die Gegenwart zurück – jener Wahnsinn, der so demonstrativ aus den Mauern der Stadt vertrieben worden ist.
- Datum 11.06.2011 - 15:25 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 9.6.2011 Nr. 24
- Kommentare 11
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...Rennstrecken unter die Erde zu legen, in Röhren, für Mercedesse et.al. Gleich könnte man sie - multipurpose - als Teststrecken zweckentfremden, für lautlose e-mobile ein Paralleltubus vielleicht? Neue Geschäftsmodelle für Herrenknechte - und Grube et.al. würden ihr Gesicht wahren - statt ICE eben AMG!
....sind nichts neues. Man muss sich nachts nur auf eine der Höhen ringsum begeben und nach unten schauen, dann hat man den ganzen Wahnsinn sinnlosen motorisierten Sich-Austobens und Herum-Irrens auf dem Schirm. Da wird die Psychosomatik auf den fahrbaren Untersatz ausgeweitet.
Und ganz nebenbei verkünden die Nachrichten des SWR, dass die Feinstaubhauptstadt zwischen Wald und Reben bereits jetzt das EU-Limit für das ganze Jahr 2011 um etwa das Doppelte überschritten hat. Und zwar genau da, wo die Bahn in Zukunft noch gerne was drauf addieren will.
Wenn man das über die Jahre hinweg beobachtet hat, dann ergibt sich zwingend die Erkenntnis: Die Polizei WILL nichts dagegen tun. Im Unterschied zu ihrem Engagement gegen die Demokratiebewegung......
Das hört sich ja geradezu maghrebinisch an: Die Polizei zeigt großes Engagement gegen die "Demokratiebewegung"! Ist mir da in den letzten Jahren 'was entgangen als Zipfelmützen-Deutscher? Lebten und leben wir in einer elenden Diktatur oder einer ungeliebten Monarchie, dass es endlich einer "Demokratiebewegung" bedurfte, um uns von dem Joch zu befreien, so wie in Tunesien, Ägypten, usw.? Und eine brutale und bösartige Polizei, welche die überkommennen Strukturen gnadenlos schützt, hat dort zugeschlagen?
Ich denke, dass die Polizei nichts gegen diese Raserei unternimmt, unternehmen kann, weil sie aus Sparsamkeitsgründen (da wiederum waren und sind alle Schwaben dafür) unendlich ausgedünnt worden ist.
doch einfach mal ein paar krähenfüsse auszulegen und schluss ist.
Auch im Süden der Republik gibt es also Auto-Prolls, die mit getunten Mittelklassewagen Rennen fahren?! Wahnsinn! Wer hätte das gedacht? Jeder. So etwas gibt es eben überall und je provinzieller desto mehr - und dass zumindest die Stuttgarter Umgebung tiefste Provinz ist wird wohl niemand bestreiten. Und von echtem Nachtleben kann in dieser Stadt wohl auch nicht wirklich gesprochen werden.
Das Einzige interessante Detail an diesem Artikel ist die Zurückhaltung der Staatsmacht, die in diesem Bundesland bei jedem Joint mit maximaler Repression reagiert und absurde Strafen verhängt. Aber für testosteron-gesteuerte Proleten, die wirklich eine Gefahr für ihre Mitmenschen darstellen hat man wahrscheinlich schon aufgrund ähnlicher Jugenderlebnisse Verständnis.
Wenn das Benzin noch teurer wird, dann steig ich aus Trotz vom 8-Zylinder auf einen 12-Zylinder um.
Bleibet im Land und ernähret euch redlich. Seid brav, tinkt nicht und wenn zu Hause, damit die Einwohner der Grosstadt, auch die in geldbringenden Touristenvierteln nicht gestört werden. So ein Krach in der Stadt. Und wenn wir aufs Land ziehen: Hähne krähen verbieten, Blätter durch Baumfällen verhindern, damit Stöckelschühchen im Herbst nicht ausrutscht.
Platz wäre genug da. Deutschland ist erst zu einem Drittel besiedelt. Aber da sei die Natur vor. Gerne gehabt aber nicht gerne genossen. Zu schmutzig und gefährlich. Allergien und so.
Manche Zivilisationskritik ist der Zeit schlicht unwürdig. Wo ist denn jetzt die Provinz? In der Stadt oder auf dem Land?.
Da zahlt man nun Steuern und Abgaben, aber eine Theaterkarte ist nur für die Begüterten. Da zahlt man Steuern für Strassen, die man nicht befahren darf. Man zahlt Steuern für Schulen die nichts beibringen und irgendwann vermutlich Krankenkassenbeiträge für Hustelinchen.
Stuttgart hat gar keinen Bahnhof verdient. Höchstens der sympathische Bienzle und sein skurriler Hauswart nebst Hannelore und seinem Mitarbeiter. Aber die gibt es ja nicht mehr.
Also am besten einen Tunnel drunter her. Bis München und weiter nach Mailand, Rom und Neapel, oder über Athen bis Istanbul - in die Welt eben.
...mit seiner Röhre unterm Bosporus auf den Stuttgarter ICE: Damit die Sindelfinger Bandarbeiter nicht mehr mit dem alten 190er durch den Ostblock schaukeln müssen.
...mit seiner Röhre unterm Bosporus auf den Stuttgarter ICE: Damit die Sindelfinger Bandarbeiter nicht mehr mit dem alten 190er durch den Ostblock schaukeln müssen.
Ich habe in dem Artikel erst mal die Belege für derart pauschale Aussagen gesucht und nicht gefunden.
Es ist zwar nachvollziehbar, dass Belege nicht immer leicht beizubringen sind, aber so gar keine - bei solchen Behauptungen - das erscheint mir doch sehr als Boulevard.
Der Artikel enthält keinerlei Informationen, um wieviele Fälle es sich dabei handelt usw. Der Artikel vermittelt den Eindruck
"Die Meute rast"
dass sich ein Teil der Stuttgarter nachts träfe, um durch die Straßen zu rasen? Oder ist es vielleicht eher so, dass sich uU ein paar "Diskothekenbesucher" auf dem Heimweg befinden?
"von einem fachmännischen Bordsteinpublikum betrachtet"
Kommen da nachts Stuttgarter zusammen, um sich das Rennen anzusehen oder aus welchen Gründen sollen da nachts um 3.00 Uhr Bürger am Bordstein stehen, um einem Rennen zuzuschauen?
Oder würde es sich dabei - falls - eher um eine kleine Außenseitergruppe handeln, welche da Unfug treibt?
" Dann fährt der Polizeibus zaghaft davon, "
Also die Polizei unternimmt nichts?
Ich sehe hier eigentlich nur eine Behauptung an die andere Behauptung gereiht, aber keine Belege, keine Links zu solchen Ereignissen, keine Stellungnahme der Polizei, keine Zahlenangaben - einfach nichts außer Behauptungen.
Warum wurde zu diesem Artikel der Zeit nicht eine Stellungnahme der Polizei eingeholt? Es ist doch kein Leserartikel.
Wie würde das Urteil lauten:
Freigesprochen - mangels Beweisen?
Man sollte solche Behauptungen schon etwas unterfüttern.
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