Manche Geschichten lassen sich in zwei Versionen erzählen, beide können plausibel sein. Welche am Ende glaubhafter ist, wer der Held ist und wer der Schuft, das hat oft wenig mit den Fakten und viel mit der Kraft der Erzählung zu tun. Beim umstrittenen Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 lässt sich das beispielhaft beobachten.

Noch ruht die Baustelle. Nach heftigen Demonstrationen hatte die Bahn angekündigt, das Projekt nach der Landtagswahl im Südwesten vorerst auf Eis zu legen. Nun ist die neue grün-rote Regierung im Amt, nur leichter geworden ist dadurch nichts. Im Gegenteil: Ministerpräsident Winfried Kretschmann und der grüne Teil seiner Regierung wurde von vielen Bahnhofsgegnern gewählt. Die SPD hingegen will weiterbauen, die Bahn ebenso. Und auch deren Besitzer, der Bund, pocht in Gestalt von Verkehrsminister Peter Ramsauer besonders laut auf die »Einhaltung der Verträge« . Die sehen nun mal die Verlegung des Bahnhofs unter die Erde vor.

Das stimmt, doch das war auch schon vor dem Baustopp so, und darüber wird nun heftiger denn je gestritten: Stoppen? Starten? Warten? Im kommenden Herbst sollen die Baden-Württemberger in einem Volksentscheid über das Thema abstimmen. Bliebe die Baustelle bis dahin geschlossen, würden viele Hundert Millionen Euro Schadensersatz fällig – die niemand zahlen will. Würde stattdessen morgen wieder gearbeitet, müssten die Baggerfahrer wohl vor massiven Protesten der Stuttgarter geschützt werden – von Polizisten einer grün-roten Landesregierung.

Sicher ist daher nur eines: Die endgültige Entscheidung über den Bahnhof wird teuer , finanziell wie politisch. Offen ist, wer am Ende draufzahlt: die Bahn? Die Bundesregierung? Die Landesregierung? Die Stuttgarter? Die Baden-Württemberger?

An diesem Freitag wollen Bahn und Politik über einen weiteren Baustopp entscheiden. Bis spätestens zum 15. Juli, sagt die Bahn, denn da muss sie Millionenaufträge vergeben oder sie neu ausschreiben. Im Gegenzug soll das Land die Kosten für den Aufschub tragen, laut Bahn kostet der bis zu 60 Millionen Euro.

Bis Mitte Juli soll auch der sogenannte Stresstest vorliegen. Der war der Bahn im Schlichtungsverfahren im Herbst vorgeschrieben worden und soll beweisen, dass der neue Bahnhof auch in Spitzenzeiten leistungsfähiger ist als der alte. Gut möglich aber, dass dessen Ergebnis nur die sowieso schon Überzeugten überzeugt. Die anderen werden weiter darauf drängen, den Volksentscheid abzuwarten. Doch auch der wird höchstwahrscheinlich – mangels Beteiligung – kein eindeutiges Ergebnis bringen.

Verworrener geht es kaum. Erschwert wird die Lage dadurch, dass es längst nicht mehr nur um einen Bahnhof geht: Es geht auch um das Schicksal der grün-roten Landesregierung, deren Gehversuche die schwarz-gelbe Bundesregierung schadenfroh beobachtet. Die Kontrahenten werden in den kommenden Wochen viel Energie darauf verwenden, ihre eigenen Interpretationen von Stuttgart 21 zu verbreiten – um so wenigstens politisch als Sieger hervorzugehen. Bahn und Verkehrsminister haben es da vergleichsweise einfach. Sie werden weiter über die Sinnhaftigkeit des Bahnhofs sprechen, über Vertragstreue und ihre Geduld mit den Stuttgartern und den Landespolitikern. Und davon, dass es nun endlich wieder losgehen müsse – schließlich gehe es um Steuergelder.

Die grün-rote Landesregierung hingegen muss an drei Varianten arbeiten: Verzögert sie das Projekt weiter, wird sie den sparsamen Württembergern erklären müssen, dass sie damit Vertragsstrafen in Millionenhöhe riskiert. Stoppt sie es, geht es um noch höhere Summen. Lässt sie die Bagger doch wieder anfahren, muss sie ihre eigenen Wähler besänftigen. Leicht wird es nicht, aber manchmal können aus tragischen Helden am Ende sogar Sieger werden.