Sie hüpfen in Froschsprüngen über die Bühne, halten sich Mikrofone wie Hörner an den Kopf, schlagen wilde Rhythmen auf ihren Armen. Dazu gießen sie eimerweise einen hochtourigen Silbensalat ins Publikum. Nein, gewöhnliche Rapper sind die Frontmänner von Systema Solar nicht. In ihren leuchtend orangefarbenen Overalls wirken sie eher wie Astronauten auf einem kosmischen Karneval. In ihrer Heimat Kolumbien sind Systema Solar Superstars. Dort füllt die Truppe aus DJs, Rappern, Tänzern und Perkussionisten regelmäßig Dorfplätze und Arenen. Im Hamburger Stadtteil St. Georg treffen sie auf ein Publikum aus Latino-Exilanten und Neugierigen.

Ob diese digitale Tanzmusik aus der Dritten Welt in einer deutschen Mehrzweckhalle auch funktioniert? Schon nach wenigen Takten haben die Rhythmuswalzen der Kolumbianer jeden Zweifel hinweggefegt: Das Publikum ergibt sich dem Vorwärtsdrang der Musik, lässt sich von den Trommel-Girlanden in einen Rausch schieben. Tanzend treibt die Menge in der Brandung der Beats. Währenddessen plündern die Kolumbianer den weltweiten Pop: Der DJ spielt auf zwei Plattenspielern Scratch-Rhythmen wie im Hip-Hop, die Effekte des Laptop-Programmierers erinnern an Dub-Reggae aus Jamaika, der Perkussionist beschwört das Erbe des Afrobeats. Und in den hohen Registern quäkt ein digitales Akkordeon-Sample: Cumbia!

Die Cumbia bezeichnete ursprünglich eine bäuerliche Tanzmusik aus Kolumbien, in der das Akkordeon eine tragende Rolle spielt. Doch inzwischen ist ihr synkopierter Vierviertelrhythmus ein globales Phänomen. Lokale Hip-Hop- und Techno-Produzenten popularisierten Cumbia-Beats in ganz Südamerika und Mexiko, während eine westliche DJ-Avantgarde auf die hypnotisierende Wirkung der tropischen Importe schwört. »Cumbia ist viel leichter zu verstehen als etwa Salsa«, erklärt der in Berlin lebende Techno-Musiker Matias Aguayo. Der Viervierteltakt knüpfe einerseits an Altbekanntes an, während die lässigen Synkopen alle möglichen erotischen und exotischen Konnotationen transportierten. »Ursprünglich war die Cumbia ein Paartanz: Ein schwarzer Mann versucht eine Indio-Frau zu verführen, das zeigt auch die musikalische Mischung aus afrikanischen Trommeln und den pentatonischen Melodien der Indio-Flöten.«

Herkömmliche Cumbia-Klänge erreichten nur ein Nischenpublikum. Zwar waren kolumbianische Akkordeon-Combos oder bläserverstärkte Cumbia-Orchester stets in den Weltmusik-Regalen vertreten. Doch erst mit der Verbreitung des Internets und damit billiger Software bis in die letzten Dörfer Lateinamerikas fanden die Rhythmen in einen neuen, digitalen Kontext. Als »World Music 2.0«-Virus fing die Cumbia an, durchs Netz zu geistern. Wohnzimmerproduzenten aus ganz Lateinamerika speisten Akkordeon-Riffs in ihre Rechner, jagten Flöten und Gesänge durch elektronische Filter und verlangsamten die Beats auf gemächliches Hip-Hop-Tempo. Nun überwindet die Cumbia digital gerade den tortilla curtain in Richtung Nordamerika und Europa.

In Deutschland gehört Matias Aguayo zu den Vorreitern. Der Deutschchilene hatte vor allem Minimal Techno produziert – bis ihn ausgedehnte Aufenthalte in Südamerika auf andere Wege führten. »Bumbumbox« nannte Aguayo eine Serie von Straßenpartys, bei denen er von Feuerland bis Mexiko belebte städtische Plätze mithilfe ortsansässiger DJs, einiger Ghettoblaster und einer Mischung aus Techno, House und lateinamerikanischer Tanzmusik zu Freiluft-Diskotheken machte. Am Ende kam er mit neuen rhythmischen Ideen nach Hause. Auf seinem 2009 in Buenos Aires und Paris produzierten Album Ay Ay Ay schiebt sich ein tropischer Beat unter verschachtelte Chants, während das treibende Akkordeon die alte afroindianische Cumbia herbeizitiert.

 "Den dreckigen Bastard-Sound dokumentieren"

»Eine Folge produktiver Missverständnisse« nennt Aguayo den neuen Cumbia-Pop, den vor allem mexikanische Soundsystems popularisierten. Sie spielen die kolumbianischen Cumbia-Importe langsamer ab, um sie für ihre Landsleute tanzbarer zu machen. Heute imitieren viele Elektro-Produzenten eine entsprechende Ästhetik – mit fetten Bässen und tiefen, verzerrten Stimmen. Dass Cumbia auch im Westen »das nächste große Ding« sei, haben Aguayo seine eigenen DJ-Erfahrungen gelehrt: »Erstaunlicherweise kann ich selbst in einem Elektro-Club die Menschen mit einer alten Akkordeon-Cumbia zum Tanzen bringen. Einerseits öffnet sich die Clubszene gerade in Richtung Dritte Welt. Andererseits wirkt der Cumbia-Rhythmus noch nicht so abgegriffen wie House oder Hip-Hop.«

In Deutschland populär gemacht hat die Musik vor allem das Label Chusma der beiden Berliner DJs Steen Thorsson und Lukasz Tomaszewski. La chusma bedeute Pöbel oder Abschaum, erklärt Thorsson alias Tio Chango; ein Begriff von der Straße, den die Unterschicht Lateinamerikas gern zum Ehrentitel ummünze. »Wir wollten Cumbia nicht als Wohlfühl-Untermalung für deutsche Café-Bars, sondern den dreckigen Bastard-Sound dokumentieren, der heute digital produziert wird.«

Warum sollte der populärste Rhythmus Südamerikas nicht auch in Deutschland funktionieren? Klar, dass Systema Solar einer der ersten Acts war, den die Berliner für ein Album lizenzierten. Neben der kolumbianischen Szene stellt der Chusma-Sampler Cumbia Bestial digitale Mixe aus aller Welt vor – von der Band Bomba Estero aus Bogotá über den mexikanischen DJ Toy Selektah bis zu den Cumbia Cosmonauts aus Melbourne. Thorsson sieht darin eine Emanzipationsgeschichte: Neue Trends kämen nicht mehr zwangsläufig aus London, New York oder Paris. »Die digitale Revolution hat die Produzenten in der Dritten Welt auf Augenhöhe mit ihren westlichen Kollegen gebracht. Vorher hatten sie weder die technischen noch die ökonomischen Möglichkeiten, fette Cumbias zu produzieren.«

Der Sog dieser Bastardmusik brachte auch Paco Mendoza zu seinen Wurzeln zurück. Consciente y Positivo heißt sein Cumbia-Debüt, ein Album mit politischem Anspruch. Der Sohn peruanischer und paraguayischer Eltern war im Schulalter von Argentinien nach Deutschland gekommen und hatte sich hierzulande mit seiner Band Raggabund einen Namen in der Dancehall-Szene gemacht. Zu seinem neuen Album aber animierte den 33-jährigen Berliner die rasante Modernisierung der südamerikanischen Popmusik: »Mit Cumbia, wie sie in den Slums kursiert, kannst du ähnliche Botschaften vermitteln wie im Hip-Hop.« Schließlich geht es darin nicht nur um Party-Anmache. Die Musik transportiert Nachrichten aus dem barrio, von der Lokalpolitik bis zur Affirmation des eigenen Lebensstils.

Mit Consciente y Positivo kehrt die Sozialkritik auf die Tanzfläche zurück. Mendozas Texte sind zu deftigen Beats vorgetragene Klagen über soziale Missstände, Armut und schlechte Musik im Radio. Der Ton jedoch bleibt optimistisch-unaufdringlich. Statt zu predigen, zitiert Mendoza spielerisch ein paar Takte Hip-Hop-Lingo, ein Reggae-Motiv oder die Melodie einer mexikanischen ranchera. Die Wahrheit liegt im Mix. »Das Tolle an dieser Musik ist ihre Aufnahmefähigkeit für alles Fremde«, sagt Mendoza. »Ich bin auf meinen Südamerika-Reisen auf die verschiedensten Bastardformen gestoßen, Cumbia-Hip-Hop, Cumbia-Reggae, selbst Cumbia mit psychedelischen Gitarren.«

Eine Vielfalt wie in den verschiedenen Formen von Rockmusik. Systema Solar überraschen bei ihrem Auftritt in der Schulaula von St. Georg immer wieder mit wilden Stilbrüchen: Plötzlich gibt eine Indio-Flöte die Melodie vor, klingeln die afrikanischen Gitarren der kolumbianischen Champeta-Folklore zwischen computergenerierten Breakbeats. So ähnlich tönt es aus den Boxen der pikos, der oft auf Lastwagen reisenden kolumbianischen Soundsystems. Als Radio der barrios mischen sie den Pop verschiedener Generationen. Und beschwören die Kraft der Ahnen für das Überleben im Hier und Jetzt: »Du bekommst kein Visum für ein anderes Land / die Bank gibt dir kein Geld mehr / und du bist völlig abgebrannt«, rapt der Systema-Solar-Frontmann mit der von Neonbändern zusammengehaltenen Zöpfchenfrisur. »Dann bleib doch hier, und tanz mit uns!«